17. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2017 | 4. Schwat 5777

Zurück zu den Wurzeln

Braunschweiger Ausstellung widmet sich der Wissenschaft des Judentums

Von Heinz-Peter Katlewski

„Die Wissenschaft des Judentums“ – so wird eine der prägendsten Denkrichtungen im deutschsprachigen Judentum bezeichnet. Der breiten Öffentlichkeit in der Bundesrepublik aber ist sie kaum bekannt. Umso begrüßenswerter ist es, dass das Braunschweigische Landesmuseum dieser Tage mit einer Ausstellung die Wissenschaft des Judentums einem breiteren Publikum näherzubringen versucht.
Hinter der im 19. Jahrhundert entstandenen Bezeichnung „Wissenschaft des Judentums“ verbirgt sich ein für die damalige Zeit gewagter Ansatz, das Judentum nicht nur im Licht der Überlieferung zu betrachten, sondern auch einem wissenschaftlichen Studium zu unterziehen. Diese Synthese aus Glauben und Wissenschaftlichkeit war und ist eine der identitätsstiftenden Wurzeln des liberalen Judentums. Zu ihren Vertretern zählte unter anderem Rabbiner Abraham Geiger (1810 – 1874), einer der Begründer des Reformjudentums. Nicht zufällig ist heute das liberale Rabbinerkolleg in Potsdam nach ihm benannt. Im 20. Jahrhundert zählte kein Geringerer als Rabbiner Leo Baeck zu den herausragenden Gestalten dieser Strömung. Baeck unterrichtete fast drei Jahrzehnte lang an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums – dem heutigen Leo-Baeck-Haus, in dem der Zentralrat der Juden in Deutschland seit 1999 seinen Sitz hat.
Die Braunschweiger Ausstellung wurde ursprünglich vom New Yorker Leo Baeck Institute konzipiert und wird im Braunschweiger Jüdischen Museum in Zusammenarbeit mit dem Israel-Jacobson-Netzwerk präsentiert, einem an der Braunschweiger Technischen Universität angesiedelten akademischen Verein für Jüdische Kultur und Geschichte. Dabei fügte das Braunschweiger Museum der Präsentation aus New York wichtige regionale Aspekte hinzu.
Wie der Ausstellungsbesucher nämlich erfährt, hatte die Wissenschaft des Judentums starke Wurzeln im östlichen Niedersachsen. So war Leopold Zunz (1794 – 1886), der wichtigste Begründer dieser Denkrichtung, in Wolfenbüttel, unweit von Braunschweig, auf die Samson-Schule, eine jüdische Freischule für Arme, gegangen. Nicht zuletzt deshalb gilt die Samson-Schule, wie der 1935 in Hannover geborene Rabbiner Prof. Dr. Ismar Schorsch, langjähriger Leiter des Jewish Theological Seminary in New York, erklärt, als eine der Wiegen der Wissenschaft des Judentums.
Eine andere wichtige Persönlichkeit für die Entwicklung dieser jüdisch-theologischen Disziplin war Israel Jacobson (1768 – 1828). Der einflussreiche Bankier und einstige Landrabbiner des braunschweigischen Weserdistrikts etablierte im Harzstädtchen Seesen bereits 1801 eine der Samson-Schule ähnliche Freischule und eröffnete auf deren Gelände auch die erste Reformsynagoge. Deren Modell ist in der Ausstellung zu sehen. Jacobson gehörte zu den Pionieren der neuen Wissenschaft und stand an vorderster Stelle in ihrem Kampf um Anerkennung.
Freilich breitete sich die Bewegung bald auf ganz Deutschland aus. Als sich 1819 in Berlin der „Verein für die Cultur und Wissenschaft der Juden“ bildete, begegneten sich darin junge Leute, die das jüdische Leben in Deutschland auf neue Grundlagen stellen wollten, darunter Leopold Zunz und Heinrich Heine. Auf der Universität hatten sie die Methoden der Geschichts- und Literaturwissenschaften kennengelernt und gedachten nun, mit diesen Mitteln auch die Texte der jüdischen Überlieferung zu erforschen.
Der erste Schritt zu einer wissenschaftlichen Rabbinerausbildung erfolgte 1854: In Breslau gründete sich in jenem Jahr das Jüdisch-theologische Seminar. Unter Leitung des Prager Historikers und Rabbiners Zacharias Frankel orientierte es sich auf ein positiv-historisches Judentum, eines, das die jüdische Tradition bewahren wollte, dessen Entwicklung aber historisch-kritisch bewertete und deshalb gewisse Anpassungen an den modernen Alltag als Teil eines normalen Prozesses verstand. Dieses Seminar wurde zum Vorbild für weitere Lehranstalten, so für die 1877 gegründete Landesrabbinerschule von Budapest und das New Yorker Jewish Theological Seminary, gegründet 1886.
Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums wurde 1872 ins Leben gerufen. Sie verfolgte das Ziel, jüdische Studien als eine akademische Disziplin in der westeuropäischen Kultur zu verankern und konsequent zu praktizieren. Aus ähnlichem Geist gründeten 1875 Rabbiner aus dem deutschsprachigen Raum in den USA das Hebrew Union College in Cincinnati (Ohio).
Einige Vertreter der Wissenschaft des Judentums leisteten bedeutende Beiträge zur Bibel- und Talmudforschung, zur Archäologie, zur jüdischen Bi­bliografie, zur Musik, aber auch zum politischen Engagement, zur Sozialarbeit oder zur Gleichberechtigung der Frau. In Deutschland wurde die Wissenschaft des Judentums, wie das jüdische Leben insgesamt, von den Nazis vernichtet. Dass sie heute wieder in die alte Heimat zurückgekehrt ist, sei es am Abraham Geiger Kolleg, sei es in den hierzulande aktiven liberalen Gemeinden und Einrichtungen, ist daher von besonderem historischem Gewicht.
Die Ausstellung ist bis zum 5. März zu sehen.