17. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2017 | 4. Schwat 5777

Sprache für eine zerbrochene Welt

Berliner Tagung beschäftigte sich mit der Dichterin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs

Von Alice Lanzke

Im Dezember jährte sich zum 50. Mal ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes Ereignis: die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Nelly Sachs. Die 1891 in Berlin-Schöneberg geborene Sachs war die erste deutsche Dichterin, die diese Auszeichnung erhielt. Für die jüdische Welt wiederum war der Nobelpreis für Nelly Sachs auch deshalb besonders wichtig, weil deren Werk maßgeblich in der Schoa fußte und sich mit ihr auseinandersetzte. Das Nobelkomitee würdigte denn auch ausdrücklich, die lyrischen und dramatischen Werke der Autorin hätten „das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke“ interpretiert.
Die ein halbes Jahrzehnt zurückliegende Nobelpreisverleihung, aber auch den 125. Geburtstag der Dichterin – den 10. Dezember – nahmen das Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam und das Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft der Universität Potsdam zum Anlass für eine in Berlin abgehaltene Tagung zu Leben und Werk der Lyrikerin.
Zum Schreiben kam Sachs als junge Frau: Mit knapp siebzehn Jahren verliebte sie sich in einen bis heute unbekannten Mann – offenbar ohne Erwiderung. Daraufhin verweigerte sie jede Nahrungsaufnahme und wurde in ein Sanatorium eingeliefert. Dort begann sie, Gedichte zu verfassen. Später berichtete sie, in den Dreißigerjahren habe man sich einander doch genähert. Die Identität des Unbekannten enthüllte sie jedoch nie. Stattdessen verfasste sie die „Gebete an den toten Bräutigam“.
1930 starb der Vater. Nelly Sachs kümmerte sich daraufhin um ihre kränkelnde Mutter. In den Dreißigerjahren versuchte sie trotz der zunehmenden NS-Verfolgung, ihre Gedichte zu veröffentlichen. „Durch die Nazis wurde sie gezwungen, ihr Jüdisch-Sein zu erforschen“, erklärte dazu die Publizistin Gabriele Fritsch-Vivié bei der Tagung. Dabei stammte Sachs aus einem säkularen Elternhaus.
Die Flucht aus dem „Dritten Reich“ gelang Nelly Sachs in letzter Sekunde. Als die Dichterin am 16. Mai 1940 mit ihrer Mutter aus Berlin nach Stockholm reisen konnte, hatte sie von den NS-Behörden schon die Aufforderung zum Zwangsarbeitsdienst bekommen.
Im Exil begann das zweite Kapitel von Nelly Sachs’ Leben, und zwar in einer winzigen Stockholmer Wohnung. Die Küchenecke, von der sie einen Blick auf das Wasser hatte – vier Quadratmeter groß, eine schmale Liege, ein kleiner Holztisch, auf ihm eine schwarze Schreibmaschine und eine Schirmlampe – nannte sie ihre „Kajüte“. Diese Nische stellte den Nabel ihres Universums dar.
Im Exil, so das Urteil vieler Literaturwissenschaftler, fand die Lyrikerin zu der für sie charakteristischen Sprache mit ihren vielen mächtigen Bildern, die um Themen wie Schmerz, Trennung, Tod, die Schoa, aber auch um Liebe kreisen. Sie selbst nannte sich bisweilen „Kafkas Schwester“ oder auch eine „Mystikerin“ auf der Suche nach einer Sprache für eine zerbrochene Welt.
Sachs’ Dichtung wurde immer karger und komprimierter. Ein starker Kontrast zu ihren frühen, teils stark romantisierenden Stücken. „Sachs hat sich immer dagegen gewehrt, dass ihr Frühwerk veröffentlicht wird, und bezeichnete es teils als ‚Kindergeschichten‘“, erläuterte bei der Berliner Tagung Daniel Pedersen von der Stockholmer Universität.
Die ersten Jahre im schwedischen Exil waren von Entbehrungen geprägt. Nelly Sachs’ Mutter musste rund um die Uhr gepflegt werden, nachts setzte sich die Schriftstellerin an ihre Schreibmaschine. Es müsse doch „eine Stimme erklingen“, einer müsse „die blutigen Fußspuren Israels aus dem Sande sammeln und sie der Menschheit aufweisen“, schrieb sie.
1950 starb die Mutter. Kurz darauf erlitt Sachs einen Nervenzusammenbruch. In den folgenden Jahren wurde sie immer wieder in psychiatrische Kliniken eingewiesen. „Sie kannte die Scham und das Schuldgefühl der Überlebenden, das sie psychisch krank machte“, führte bei der Tagung Anna Dorothea Ludewig vom Moses Mendelssohn Zentrum aus.
Gleichzeitig rückten Sachs und ihre Werke mehr und mehr in das Licht der Öffentlichkeit. Als erste Frau erhielt sie 1965 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und ein Jahr später den Literaturnobelpreis, den sie sich mit Schmuel Josef Agnon teilte
(s. Kasten). In den folgenden Jahren zog sich Nelly Sachs zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Zu den psychischen Leiden kam eine Krebserkrankung, der sie am 12. Mai 1970 mit 78 Jahren erlag.
Ihre Gedichte galten als Zeichen der Versöhnung, waren sie doch frei von Hass und Rachegedanken, wie Anna Dorothea Ludewig ausführte. Freilich sind Sachs’ Arbeiten, wie in Berlin ebenfalls betont wurde, fernab ihrer Deutung als „Leidens- und Wiedergutmachungsfigur“ auch künstlerische Meisterwerke, die ihre Wucht und Strahlkraft bis heute nicht verloren haben.

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Der andere Laureat

Den Literaturnobelpreis 1966 teilte sich Nelly Sachs mit einem der Gründungsväter der modernhebräischen Literatur, Schmuel Josef Agnon. Agnon, 1888 als Schmuel Josef Czaczkes im heute ukrainischen Buczacz (Butschatsch), damals Österreich-Ungarn, geboren, wanderte mit 20 Jahren in das damals noch vom Osmanischen Reich regierte Israel ein. Ab 1913 lebte er in Deutschland und kehrte 1924 nach Jerusalem zurück. Das im Jerusalemer Stadtviertel Talpiot gelegene Haus, in dem Agnon vier Jahrzehnte lebte, ist heute ein dem Nobelpreisträger gewidmetes Museum. Agnon starb 1970.
Der religiöse Jude Agnon erklärte, in seinen Werken maßgeblich von den biblischen Erzählungen beeinflusst worden zu sein – aber auch von der europäischen Literatur im Allgemeinen und der deutschen im Besonderen. In seiner Rede bei der Verleihung des Nobelpreises betonte er seine jüdische Identität und seine Verbundenheit mit der jüdischen Geschichte. Unter anderem erklärte er: „Infolge der historischen Katastrophe, durch die Titus von Rom Jerusalem zerstörte und Israel aus seinem Land vertrieben wurde, wurde ich in einer der Städte des Exils geboren. Allerdings habe ich mich selbst immer als jemanden betrachtet, der in Jerusalem zur Welt kam.“

wst