17. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2017 | 4. Schwat 5777

Ganz normal und doch ein wenig anders

Das Jüdische Krankenhaus Berlin blickt auf eine 260-jährige Tradition zurück

Von Alice Lanzke

Die Osloer Straße im Stadtteil Wedding bietet ein Panoptikum Berliner Kiez-Lebens: Über die Kreuzungen drängeln sich Autos auf mehreren Spuren, während im Gemüseladen ältere Frauen und Mütter mit kleinen Kindern geschäftig ein- und ausgehen. Zum Bimmeln der Straßenbahn stehen junge Männer rauchend vor einem Dönerladen, gleichzeitig strömen immer neue Menschenmassen aus dem gleichnamigen U-Bahnhof. Von hier sind es nur wenige Schritte in die Heinz-Galinski-Straße 1, wo das Jüdische Krankenhaus Berlin seinen Sitz hat, und doch wechselt die Atmosphäre schlagartig, sobald man das Krankenhausgelände betritt. Der hektische Großstadttrubel weicht einer professionellen Ruhe, die gleichzeitig von Wärme bestimmt wird – passend zum Motto der Klinik „Ihr Krankenhaus mit Herz“.
Und das schon seit langen: Kürzlich feierte die Heilanstalt nämlich ihr 260. Jubiläum. Zu dem Festakt konnten die Berliner Ärzte einen Mediziner aus Würzburg begrüßen: den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster. Er sei, so der Gast, der Einladung gern gefolgt: „Wenn Medizin und Judentum zusammentreffen, fühle ich mich gleich heimisch.“
Die Geschichte des Krankenhauses ist, wie die jüdische Geschichte in Deutschland generell, wechselvoll. „Das Jüdische Krankenhaus Berlin“, betont Kliniksprecher Gerhard Nerlich, „war von Anfang an offen für alle.“ In der Tat: Das Hospital wurde 1756 – damals noch in der Oranienburger Straße – als Institution der Armenpflege eingerichtet. Das ursprüngliche Gebäude war vier Stockwerke hoch und hatte zwölf Stuben. Schnell machten Platzprobleme aber einen Neubau notwendig: Schon 1857 wurde dieser von der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde beschlossen und vier Jahre später in der nahen Auguststraße eröffnet.
Nach und nach erarbeitete sich das Haus deutschlandweit einen hervorragenden Ruf. Patientenversorgung, Forschung und Lehre galten als richtungsweisend, zumal hier bedeutende Mediziner wie James Israel, Ludwig Traube oder später Hermann Strauß tätig waren. „Das Krankenhaus hat eine besondere Geschichte mit Ärzten, die etwas Besonderes dargestellt haben“, sagt Prof. Dr. Kristof Graf, ärztlicher Direktor der Klinik, und fügt hinzu: „Deswegen ist es für mich eine große Ehre und Verantwortung, hier zu arbeiten.“
Nachdem die Zahl der in der Stadt lebenden Juden Anfang des 20. Jahrhunderts rasant angestiegen war, wurde erneut ein Umzug nötig. Am 22. Juni 1914 öffnete das Haus an seinem heutigen Standort die Pforten – mitten im Arbeiterbezirk Wedding. In der NS-Zeit wurde die Klinik zum Sammellager und zur Zwischenstation für die Transporte von Juden in die Konzentrationslager – gleichzeitig aber auch zur Zufluchtsstätte für jüdische Ärzte, die nur noch hier praktizieren durften, und für Untergetauchte. „Rund 800 bis 1000 Menschen überstanden versteckt auf dem Klinikgelände die Nazizeit“, betonte Dr. Schuster in seiner Ansprache beim Festakt. Er führte weiter aus, dass die Jüdische Gemeinde in der Stadt nach dem Krieg zu klein gewesen sei, um ein Krankenhaus finanzieren zu können. Daher wurde die Klinik 1963 in eine Stiftung des bürgerlichen Rechts umgewandelt, deren Träger bis heute neben der Jüdischen Gemeinde auch das Land Berlin ist.
Gegenwärtig hat das Haus 345 Betten, 32.000 Patienten werden in den hoch spezialisierten Fachabteilungen und der Rettungsstelle jedes Jahr behandelt. Seit 2003 gibt es auf dem Gelände eine Synagoge: Ausdruck der Bestrebungen, das Jüdische im Klinikalltag wieder stärker zu verankern. Deswegen finden auch alle zwei bis vier Wochen Schabbat-Andachten statt, die von Studierenden des Abraham Geiger Kollegs geleitet werden. Auf Wunsch können die Patienten koscheres Essen bekommen, neben evangelischer, katholischer und muslimischer gibt es jüdische Seelsorge.
Im Jüdischen Krankenhaus Berlin ist man sich der reichen Tradition bewusst, welche die Heilkunde im Judentum hat. Verantwortung für die Geschichte geht einher mit einem Selbstverständnis als modernes Zen­trum medizinischen Fortschritts, wie Kliniksprecher Nerlich unterstreicht. Entsprechend spüre man bei den Mitarbeitern schon einen besonderen Stolz, hier zu arbeiten. Und der Blick richtet sich auch in die Zukunft: Derzeit werden ein neues Bettenhaus sowie weitere Anbauten geplant, wie Professor Graf als ärztlicher Direktor berichtet. Obwohl diese Erweiterungen die Klinik vor große finanzielle Herausforderungen stellen, sind sie – angesichts des Symbolcharakters dieses einzigartigen Krankenhauses – ein hoffnungsvolles Zeichen.

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Stätten der Heilung

Die Tradition der Krankenpflege wurde von jeher auch von den jüdischen Gemeinden in Deutschland geachtet. Eine jüdische Pflegeanstalt für Kranke und Sieche gab es in Köln bereits im 11. Jahrhundert. Regensburg und München kamen im 13. beziehungsweise 14. Jahrhundert hinzu. 1843 nahm in Hamburg das vom jüdischen Bankier und Philanthropen Salomon Heine gestiftete und von dessen Neffen Heinrich Heine in einem Gedicht besungene Israelische Krankenhaus Hamburg seinen Betrieb auf. Es stand von Anfang an der gesamten Hamburger Bevölkerung, gleich welcher Religionszugehörigkeit, offen. Heute ist es ein freigemeinnütziges Krankenhaus in der Hansestadt.
Seinen Höhepunkt erreichte das jüdische Krankenhauswesen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Im Jahr 1927 wusste das Jüdische Lexikon zu berichten: „Heute hat jede größere jüdische Gemeinde ein Krankenhaus.“ Im jüdischen Krankenhaus in Berlin wurden zu jenem Zeitpunkt 270 Betten gezählt, in Breslau 250, in Hamburg 150 und Frankfurt am Main 120.

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