17. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2017 | 4. Schwat 5777

Vielfalt an der Waterkant

Jüdisches Leben ist in Hamburg fest verankert

Von Moritz Piehler

Die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Hamburg ist ein zentraler Punkt jüdischen Lebens in der Hansestadt. Besonders an Feiertagen strömen Gemeindemitglieder in großer Zahl in das Gebäude im Stadtviertel Eimsbüttel. Am diesjährigen Chanukka-Fest 5777 nahmen bis zu 300 Menschen am Gottesdienst teil. Bei Gemeindefesten tollen Kinder durch den Innenhof, bei den WIZO-Basaren tummeln sich Hunderte Besucher an den Ständen. An Tagen der offenen Tür kommen auch viele nichtjüdische Hamburger.
Das war nicht immer so. Den Gemeindemitgliedern sind die Probleme, die die Gemeinde in nicht allzu ferner Vergangenheit prägten, durchaus in Erinnerung. Interne Scharmützel prägten das Erscheinungsbild der Gemeinde in der Öffentlichkeit, jüdisches Leben fand auf Sparflamme statt. Vier Jahre lang musste die Gemeinde ohne eigenen Rabbiner auskommen. Sogar der Innenraum der Synagoge war dringend erneuerungsbedürftig. Dabei zählt die Gemeinde mit ihren rund 2500 Mitgliedern – hauptsächlich Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion – zu den größeren in Deutschland.
Nach und nach kam aber die Wende. Über das Erreichte freut sich der Vorsitzende der Gemeinde Bernhard Effertz – und er hat Pläne für die Zukunft. Eine Ausweitung der Aktivitäten sei besonders wichtig, so Effertz, „weil heute viele junge Familien bei uns Mitglied werden und nach und nach das Gesicht der Gemeinde prägen.“ Unter anderem ist die Gemeinde an der Gründung koscherer Geschäfte und weiterer jüdischer Einrichtungen interessiert. In Hamburg wird bereits koscheres Speiseeis hergestellt. Und nördlich von Hamburg gibt es derzeit die einzige Molkerei in Deutschland, die koschere Milchprodukte herstellt.
Seit 2012 amtiert Rabbiner Shlomo Bistritzky als Landesrabbiner der Freien und Hansestadt Hamburg. Der achtfache Vater hat enge familiäre Verbindungen zu Hamburg, wo sein Großvater aufwuchs, bis dieser als Elfjähriger vor den Nazis fliehen musste.
Von größter Bedeutung für die Gemeinde ist ihr Bildungshaus, untergebracht im Gebäude der ehemaligen Talmud Tora Schule, die seinerzeit Rabbiner Bistritzkys Großvater besuchte. Heute beherbergt das Bildungshaus, an dessen Errichtung der Enkel Shlomo beteiligt war, die Joseph-Carlebach-Schule und die gleichnamige Kindertagesstätte. Die Joseph-Carlebach-Schule ist mittlerweile eine Ganztagsschule, die beständig wächst und längst auch nichtjüdische Eltern aus dem Umfeld des Grindelviertels mit ihrem Lernkonzept begeistert. Zu diesem Konzept gehören unter anderem Hebräischunterricht für alle Schüler sowie der gemeinsam gefeierte Schabbat und koscheres Schulessen. Das kommt gut an und sorgt für eine weitere Verankerung jüdischen Lebens in der Hamburger Gesellschaft. Kürzlich wurde eine räumliche Erweiterung beschlossen; in der Übergangszeit sorgen Container auf dem Schulgelände dafür, den Platzbedarf zu decken.
Die Bandbreite des religiösen Lebens in der Stadt umfasst auch die liberale Strömung. So gibt es im Rahmen der Jüdischen Gemeinde Hamburg seit 2011 einen egalitären Minjan. Dieser versteht sich ausdrücklich als Teil der Gemeinde, die als Einheitsgemeinde geführt wird und damit den verschiedenen jüdischen Strömungen ein Zuhause bietet. Daher lautet sein voller Name denn auch „Egalitärer Minyan der jüdischen Gemeinde Hamburg“. Die Nutzung der orthodox geführten Hauptsynagoge für egalitäre Gottesdienste ist zwar nicht möglich, doch wurde eine andere Lösung gefunden: Der egalitäre Minjan kommt zu Gottesdiensten wie zu Veranstaltungen in der umgewidmeten Turnhalle der ehemaligen Israelitischen Töchterschule in Hamburg zusammen. Damit fand das traditionsreiche Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, wieder Verwendung im jüdischen Leben.
Seit 2004 besteht darüber hinaus die eigenständige Liberale Jüdische Gemeinde Hamburg (LJGH) mit rund 450 Mitgliedern. Eine eigene Synagoge hat sie nicht, sodass die Gottesdienste und Veranstaltungen an verschiedenen Orten in der Stadt stattfinden. „Die Mehrheit unserer Mitglieder kam in den Neunzigerjahren als russischsprachige Kontingentflüchtlinge nach Deutschland, und es ist daher eine unserer Hauptaufgaben, diese Menschen in die deutsche Gesellschaft zu integrieren“, erzählt das Vorstandsmitglied der LJGH, Wolfgang Georgy. „Neben regelmäßigen wöchentlichen Gottesdiensten bieten wir ein reichhaltiges Kulturprogramm an: Literarischer Club, Wissenschaftlicher Club, Chor- und Tanzgruppen, Kindergruppen, Lerngruppen.“
Mit Dr. Moshe Navon hat die LJGH einen eigenen liberalen Rabbiner. Der 1954 in Sibirien geborene Navon – im ersten Bildungsgang Diplomingenieur – erhielt seine Smicha vom Jerusalemer Hebrew Union College.