17. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2017 | 4. Schwat 5777

Neue Wege

Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Kultusministerkonferenz wollen die Vermittlung des Judentums in der Schule verbessern

Wird der Unterricht zu jüdischen Themen in den Schulen schon bald inhaltlich verbessert? Das ist jedenfalls das Ziel einer Vereinbarung, die der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik (KMK) im Dezember unterzeichnet haben. Unter dem Namen „Gemeinsame Erklärung zur Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur in der Schule“ haben der Zentralrat und die KMK einen Rahmenplan vorgelegt, mit dem das Judentum, wie es in der Erklärung heißt, „in seiner Vielfalt und Authentizität thematisiert“ werden solle. Den Schülern solle dadurch ein lebendiges und differenziertes Bild des Judentums vermittelt werden.
Dass die heutige Unterrichtspraxis verbesserungsbedürftig ist, ist unbestritten. So wurde in der Erklärung festgestellt, jüdisches Leben werde in Schulbüchern und anderen Bildungsmedien oft auf einzelne Elemente oder auf einige wenige Epochen der Geschichte verkürzt und zum Teil verzerrt und undifferenziert oder gar klischeehaft dargestellt. Das soll sich nun ändern. Doch wird das Wissen, das den Schülern künftig vermittelt werden soll, nicht als Selbstzweck betrachtet, sondern soll auch zum Abbau von Vorurteilen beitragen. Und das ist dringend nötig: Judenfeindliche Einstellungen, so die Erklärung, manifestierten sich immer wieder auch an Schulen.
Ausgangspunkt für die Erarbeitung der Gemeinsamen Erklärung waren Gespräche zwischen dem Zentralrat und der Kultusministerkonferenz über eine von der KMK im Jahr 2014 vorgelegte Empfehlung zur Erinnerungskultur als Gegenstand historisch-politischer Bildung in der Schule. Dabei kamen auch Mängel in der Vermittlung des Judentums im Schulunterricht insgesamt zur Sprache. Dies führte im Dezember 2015 zu dem Beschluss, bis Ende 2016 eine gemeinsame Empfehlung für die Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur in der Schule zu erarbeiten. Diese Vorgabe wurde nun erfüllt.
Um die in der Gemeinsamen Erklärung postulierten Ziele zu erreichen, wird ein ebenso breiter wie ausgewogener Maßnahmenkatalog erforderlich sein. So setzen sich die KMK und der Zentralrat für einen pädagogisch durchdachten Umgang mit der Schoa ein. Wo möglich werden Begegnungen mit Überlebenden, aber auch mit deren Nachkommen empfohlen. Außerdem werden den Schulen Besuche von Gedenkstätten und Dokumentationszentren sowie die Nutzung von Datenbanken nahegelegt, etwa bei der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.
Gleichzeitig betont das Dokument, jüdisches Leben in Deutschland und Europa dürfe nicht auf die Schoa reduziert werden, so wie jüdische Geschichte generell mehr als eine Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Opfergeschichte sei. Zudem müssten neben der Geschichte auch aktuelle Aspekte des Judentums berücksichtigt werden; so auch das jüdische Leben nach der Schoa, das für das historisch-politische Verständnis der Schüler von herausragendem Wert sei.
Das Verhältnis zum Staat Israel wird in der gemeinsamen Empfehlung ebenfalls angesprochen. Dabei stellen der Zentralrat und die KMK eindeutig fest, dass das Existenzrecht Israels nicht zur Diskussion gestellt werde. Zugleich gelte es, die Entstehungsgeschichte Israels zu thematisieren, seine besondere Lage und die Gefährdung seiner Existenz nachzuvollziehen, ohne das Land nur im Kontext einer Konfliktgeschichte wahrzunehmen. Vielmehr sollte Israels politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung als jüdischer Staat dargestellt werden. Diese Empfehlung geht in dieselbe Richtung wie die Schlussfolgerungen der deutsch-israelischen Schulbuchkommission, die eine oft einseitige Darstellung Israels in deutschen Schulbüchern bemängelt hatte.
Freilich ist die Einführung neuer Schulbücher ein zeitaufwändiges Unterfangen. Neue Schulbücher, die den Empfehlungen des Zentralrats und der Kultusministerkonferenz folgen, müssen nicht nur erst geschrieben, sondern auch genehmigt, verlegt sowie nach und nach an den Schulen eingeführt werden. Letzteres kann dauern, werden doch Unterrichtsbücher in der Regel ungefähr im Zehnjahresrhythmus ausgewechselt.
Diese Wartezeit soll zumindest teilweise überbrückt werden. Bereits jetzt sollen zwei Expertengremien – bestehend aus Vertretern des Zentralrats und der Länder – eine Reihe von didaktischen Materialien sichten und auswerten. Die dabei erfasste Themenpalette umfasst die jüdische Geschichte und Religion, den Antisemitismus und Israel. Anschließend kann eine Empfehlung für Titel veröffentlicht werden, auf die dann im Unterricht zurückgegriffen werden kann. Zu den Themen, bei denen schon jetzt absehbar ist, dass die bisher verfügbaren Materialien nicht ausreichend oder fehlerhaft und nicht empfehlenswert sind, sollen neue Handreichungen, insbesondere zur jüdischen Religion, erstellt werden.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, begrüßte die Gemeinsame Erklärung und stellte fest: „Die Gemeinsame Erklärung ist mehr als eine bloße Willenserklärung. Sie gibt konkrete Impulse zur Umsetzung im schulischen Alltag. Besonders wichtig sind mir die weiteren gemeinsamen Schritte, die der Erklärung folgen, um das Judentum in seiner Vielfalt erfahrbar zu machen und den neuen Ansatz in den Schulen zu etablieren.“
Die Kultusministerkonferenz ist ein Gremium der für Bildung, Erziehung und Forschung sowie kulturelle Angelegenheiten zuständigen Landesminister und Senatoren. Ihre Aufgabe ist es, die Bildungs- und Kultuspolitik der Länder zu koordinieren. Sie hat keine Weisungsbefugnisse gegenüber den Bundesländern, ihre Beschlüsse werden in den einzelnen Bundesländern erst durch Landesgesetzgebung wirksam. Gleichwohl ist die Konferenz für das Bildungswesen in Deutschland von großer Bedeutung.

zu