17. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2017 | 4. Schwat 5777

„Wir wollen unsere Gemeinden stärken“

Die Stärkung jüdischen Lebens ist eine Kernaufgabe des Zentralrats der Juden in Deutschland / Interview mit Zentralrats-Geschäftsführer Daniel Botmann

Zukunft: Herr Botmann, die Zeiten sind schnelllebiger geworden und das Internet spielt auch in der Politik eine immer größere Rolle. Wie passt sich der Zentralrat als politischer Dachverband diesen veränderten Bedingungen an?

Daniel Botmann: Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht nach wie vor die Vertretung jüdischer Interessen. Wir sprechen für die gesamte jüdische Gemeinschaft und verfechten ihre gemeinsamen Belange. Dabei wird es auch künftig bleiben. In der Tat müssen wir dabei auch neue Wege nutzen. Neben klassischen Kommunikationswegen und Facebook nutzen wir verschiedene soziale Medien.
Hinzu kommt noch etwas anderes: Die Unterstützung der jüdischen Gemeinden und des jüdischen Lebens insgesamt spielt für den Zentralrat heute eine unvergleichlich größere Rolle als in früheren Zeiten. Heute sind wir ein zentraler Dienstleister für die jüdische Gemeinschaft. Das ist nicht von einem Tag auf den anderen passiert, sondern ist die Folge eines längeren Entwicklungsprozesses.

Wann fand dieser statt?
Vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren wich die Mentalität der „gepackten Koffer“ dem Bewusstsein, dass jüdisches Leben in Deutschland von Dauer ist. Das machte Maßnahmen zur Stärkung der Gemeinden und anderer jüdischer Einrichtungen erforderlich, auch durch den Zentralrat. 1979 wurde beispielsweise in Trägerschaft des Zentralrats die Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg gegründet.
Die ganz große Wende kam dann ab 1990 mit der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Da war eine durchdachte und aktive Integration der Zuwanderer zwingend erforderlich.

Integration in die Gemeinden oder in die deutsche Gesellschaft generell?
Beides, wobei die Aufnahme in die Gemeinden Teil der Integration in die deutsche Gesellschaft war. Der Mensch ist mehr als nur Teil „der Gesellschaft“. Er braucht eine geistige Heimat, einen persönlichen Bezugspunkt, sonst fühlt er sich – zumindest in den meisten Fällen – auch in der abstrakten, großen Gesellschaft von 80 Millionen Menschen nicht wirklich wohl. Und diese geistige und religiöse Heimat fanden viele jüdische Zuwanderer in den jüdischen Gemeinden. Das geschah nicht ohne Belastungsproben, letztendlich aber mit großem Erfolg. Zum einen erhielten die Zuwanderer nach Jahrzehnten unter dem Sowjetregime Zugang zu einem frei gelebten Judentum. Zum anderen übernahmen die Gemeinden auch allgemeine Integrationsaufgaben wie Sprachunterricht, Umgang mit den Behörden und vieles, vieles mehr.

Welche Rolle spielte dabei der Zentralrat?
Wir haben die Gemeinden finanziell und inhaltlich bei der Integration unterstützt. Damit baute der Zentralrat in Partnerschaft mit der ZWST seine Rolle als Dienstleister für die Gemeinden stark aus. Wobei die politische Vertretung jüdischer Interessen gegenüber der nichtjüdischen Umwelt in keiner Weise geschwächt wurde.

Sind heute nicht alle schon integriert?
Die Integrationsarbeit der Gemeinden ist ohne Zweifel eine Erfolgsgeschichte, die auch außerhalb der jüdischen Gemeinschaft anerkannt wird. Das bedeutet nicht, dass es heute keine Integrationsprojekte mehr gibt. Auch heute ist es zum Beispiel für viele Gemeindemitglieder wichtig und interessant, sich mit der Geschichte ihrer Stadt auseinanderzusetzen – der Stadt, in der sie in Deutschland zu Hause sind.
Es stimmt aber dass sich die Akzente unserer Arbeit zur Stärkung jüdischen Lebens, verschoben haben und dass unsere Leistungspalette immer breiter wird. Neben der Rabbinerausbildung, die wir überwiegend finanzieren, engagiert sich der Zentralrat intensiv im Bereich der Jugend- und Kinderarbeit, der Nachwuchs- und Eliteförderung, in der Arbeit mit jungen jüdischen Familien oder aber auch in Begegnungsprojekten zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern.
Unsere Leistungspalette ist inzwischen sehr breit und sehr bunt. Nehmen wir zum Beispiel die Jewrovision.

Den Gesangswettbewerb jüdischer Jugendzentren, …
… der alles andere als bloße Unterhaltung ist. Der Zentralrat hat die Jewrovision 2012 unter seine Fittiche genommen und richtet sie Jahr für Jahr aus. Das Ergebnis ist, denke ich, beeindruckend. 2012 kamen rund 500 jüdische Jugendliche zur Jewrovision. 2016 waren es bereits 1200 im Alter von 10 bis 18 Jahren. Die Jewrovision schafft ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Die Teams der Jugendzentren bereiten sich monatelang intensiv auf den Wettbewerb vor. Dabei sind die Eltern und oft auch die Großeltern mit einbezogen.

Klingt ja fast wie Olympische Spiele, auf die sich ein Sportler vier Jahre lang vorbereitet.
Einen kleinen Unterschied gibt es dann doch noch… Die Jewrovision 2017 steht unter dem Motto „United Cultures of Judaism“ – die vereinten Kulturen des Judentums. Es geht darum, die Vielfalt der jüdischen Tradition zu zeigen. Zu unserer Palette gehört aber unbedingt auch der Mitzvah Day.

Der aber nicht direkt vom Zentralrat durchgeführt wird.
Der Zentralrat hat die Schirmherrschaft über den Mitzvah Day inne und koordiniert die Initiativen der Gemeinden und jüdischen Einrichtungen. Außerdem stellt der Zentralrat jeder Initiative das Grundgerüst für die Organisation sowie Produkte wie Mützen, T-Shirts und anderes Zubehör zur Verfügung. Wir tun aber noch etwas: Als Zentralrat geben wir dem Mitzvah Day einen höheren Erkennungswert. Und das ist für die jüdische Gemeinschaft als Ganzes gut.

Wie stark wird der Mitzvah Day von der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen?
Vor Ort wird der Mitzvah Day sehr stark wahrgenommen, zumal viele Gemeinden mit anderen Einrichtungen kooperieren. Durch das einheitliche Erscheinungsbild wird der Mitzvah Day aber auch bundesweit besser wahrgenommen. Er stärkt die Verbindung zwischen der jüdischen Gemeinde vor Ort und der jeweiligen Kommune. Und er bestärkt auch die Teilnehmer darin, sich zu engagieren. Das kann ich auch für mich selbst sagen. Im November 2015 gehörte ich zu einer Gruppe von rund 50 Freiwilligen, die in ein Berliner Flüchtlingsheim gingen, großenteils von syrischen Kriegsflüchtlingen bewohnt. Wir waren selbstverständlich als eine jüdische Gruppe zu erkennen. In dem Flüchtlingsheim waren im Vorfeld Mitzvah-Day-Plakate auch auf Arabisch angebracht worden. Auf Arabisch und mit einem Davidstern. Negative Reaktionen gab es nicht. Die Flüchtlinge waren dankbar für die Hilfe.

Sie sprachen vorhin von der Zukunftssicherung. Dazu gehört auch eine erfolgreiche Ansprache der jüngeren Generation. Wie ist es beim Zentralrat, über die Jewrovision hinaus, um die Jugendarbeit bestellt?
Da gibt es eine Menge zu berichten. Ganz neu ist beispielsweise die Gründung der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, die beim Gemeindetag ins Leben gerufen wurde und von uns gefördert wird (siehe Nachricht Seite 3; Anmerkung der Redaktion). Der Zen­tralrat betreibt auch „Kescher“, ein Förderprogramm für junge Juden. Hierbei wird für Projekte eine Mikrofinanzierung von in der Regel 250 Euro, höchstens aber 500 Euro zur Verfügung gestellt. Dabei kann es sich beispielsweise um einen Studenten-Schabbat oder um eine Lernveranstaltung handeln. Damit helfen wir den jungen Menschen, Ideen umzusetzen und Initiativen zu entwickeln. Man könnte von einer Art Start-up-Finanzierung sprechen.
Wir müssen allerdings nicht immer das Rad neu erfinden. Es gibt auch Altbewährtes. Der Zentralrat fördert schon seit Jahrzehnten die Jugend- und die Sozialarbeit der ZWST. Die Erfolge können sich sehen lassen. Die Machanot und die Seminare der ZWST bieten den jungen Menschen einen Rahmen, in dem sie nicht nur Spaß haben und Freunde treffen, sondern auch ihre jüdische Identität stärken und ihr jüdisches Wissen mehren.
Wir richten zudem nicht nur Inhalte, sondern auch die Kommunikationskanäle an der jungen Generation aus. Und das heißt natürlich: digital. Auf Facebook ist der Zentralrat schon seit mehreren Jahren vertreten, und Facebook ist immer noch die wichtigste Bühne, um junge Menschen zu erreichen. Aber nicht mehr die einzige. Die diesjährige Jewrovision wird erstmals auf einem Snapchat-Kanal übertragen – und zum ersten Mal auf Facebook live.