17. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2017 | 4. Schwat 5777

Schweigen ist keine Option

Verfolgung und Völkermord müssen verhindert werden / Gedanken zum Internationalen Holocaust-Gedenktag

Von Josef Schuster

Der 2005 von der UNO beschlossene Internationale Holocaust-Gedenktag, der 27. Januar, ist der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Diese Wahl ist nachvollziehbar. Auschwitz war der zentrale Ort des nationalsozialistischen Genozids und ist weltweit als das wohl wichtigste Symbol der Schoa bekannt. Für die Menschen, die in Auschwitz ermordet wurden – die Schätzungen reichen von 1,2 Millionen bis 1,6 Millionen, mehr als eine Million von ihnen waren Juden –, kam die Befreiung allerdings zu spät. Und selbst kurz vor dem Heranrücken der sowjetischen Truppen schickten die Nazi-Mörder noch 60.000 Gefangene auf Todesmärsche. Von denjenigen, die in Auschwitz zurückgelassen wurden – es waren nur einige Tausend – starb ein Teil an den Folgen der Haft. Deshalb hat der Begriff „Befreiung“ einen bitteren Beigeschmack.
Zugleich aber erinnert dieser bittere Beigeschmack an eine der Lehren, die die Welt aus Auschwitz und aus dem Holocaust als Ganzes ziehen muss: Lässt man das Böse gewähren, kommt eine Befreiung für unzählige Opfer zu spät. Und auf keinen Fall darf man die Gefahr, die eine barbarische Mordlust darstellt, geringschätzen. Bekommen die Hasser nämlich die Gelegenheit, ihre Pläne in die Realität umzusetzen, werden sie dies auch tun. Bei ihnen existieren keine ethischen Bedenken, die sie abhalten könnten.
Die jüdische Welt hat diese Lehre verinnerlicht. Wir haben gelernt, die Drohungen nicht mit Schweigen zu übergehen. Wenn beispielsweise die theokratische Diktatur in Teheran immer wieder erklärt, Israel müsse vernichtet werden, und dabei nach Atomwaffen strebt – sollten wir wirklich schweigen? Und der Iran ist weder die erste noch die einzige Kraft, die ganz offen eine „Auflösung“ des jüdischen Staates fordert, sprich Versklavung, Vertreibung oder Ermordung von Millionen von Juden. Sollten wir der Bequemlichkeit halber annehmen, dass solche Drohungen nicht ernst gemeint sind? Eine solche Annahme wäre verantwortungslos.
Wir haben auch gelernt, dass Allianzen wichtig sind. In einer immer dichter vernetzten Welt sind Juden an vorderster Stelle dabei, wenn es darum geht, gemeinsam mit allen demokratischen Kräften für eine freie und offene Gesellschaft zu kämpfen. Auch in Deutschland. Und es ist gut, dass das nicht unbemerkt bleibt. Zu Recht hat beispielsweise Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble beim jüngsten Gemeindetag den Einsatz der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland für die Rechte der Minderheiten betont.
Das Schmieden von Allianzen bedeutet aber keineswegs, dass Juden nur in Koalitionen stark sind. Ein wesentliches Element unserer Identität ist die für die Sicherheit und das Gedeihen unserer Gemeinschaft unentbehrliche innerjüdische Solidarität. Wenn Juden heute irgendwo in der Welt bedroht werden, können sie sich darauf verlassen, dass andere Juden ihnen zu helfen versuchen – ohne Wenn und Aber, auch unter Inkaufnahme eigener Risiken und nicht erst dann, wenn eine Massenvernichtung bevorsteht. Diese innerjüdische Solidarität gilt auch im Verhältnis zwischen dem Staat Israel und den jüdischen Gemeinden in anderen Ländern.
Es ist leicht, jüdische Empfindlichkeit für Bedrohungen als übertrieben abzutun. Die schlichte Wahrheit ist: Wir selbst würden uns freuen, wenn sie übertrieben wäre. Leider wurde und wird weltweit immer wieder bewiesen, dass Hass, Verfolgung und viel zu oft auch Massen- und Völkermord noch immer Teil des Weltgeschehens sind. Wir können uns nur wünschen, dass diese Tatsache stärker als bisher zu einem Ansporn für den Kampf um Menschlichkeit wird. Das wäre auch im Sinne der UN-Resolution vom 1. November 2005, mit der der Internationale Holocaust-Gedenktag eingeführt wurde.

Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland