16. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2016 | 16. Kislew 5777

Ein Hingucker

Das Jüdische Museum der Schweiz wird 50 / Von alten Römern bis Theodor Herzl

Von Peter Bollag

Anfang 2016 feierten die schweizerischen Juden den 150. Jahrestag ihrer rechtlichen Gleichstellung mit den nichtjüdischen Bürgern der Eidgenossenschaft. Kürzlich kam ein weiteres Jubiläum dazu – historisch vielleicht nicht ganz so bahnbrechend, aber durchaus wichtig:
50 Jahre Jüdisches Museum der Schweiz.
Dessen Eröffnung 1966 war ein auch über die Grenzen der Schweiz hinaus bedeutendes Ereignis: Die Basler Institution war nämlich das erste deutschsprachige Museum seiner Art nach dem Zweiten Weltkrieg. Und im Gegensatz zu den später eröffneten jüdischen Museen in Deutschland oder Österreich stand in der Schweiz nicht die Aufarbeitung der Schoa im Mittelpunkt. Ein wichtiger Schwerpunkt war beispielsweise die Darstellung jüdischer Kultgegenstände, die in reichem Maße vorhanden waren.
Interessanterweise ging die Initiative zur Gründung des Museums vom Beerdigungsverein Espérance aus. Als Förderer machte sich die Bankierfamilie Guth-Dreyfus um das Haus verdient. Seine ersten Ausstellungsstücke erhielt das Museum aus der Judaica-Sammlung des Museums für Volkskunde, dem heutigen Museum der Kulturen in Basel, in den Jahren danach wurde die Sammlung durch Objekte aus verschiedenen Ländern ergänzt. Historisch einzigartig sind die mittelalterlichen Grabsteine und die Basler hebräischen Drucke.
Dokumentiert sind auch Objekte, die das jüdische Leben in Basel selbst dokumentieren, zum Beispiel der Vertrag über den Verkauf des halben Hauses zum Stern an der Freien Strasse durch ein jüdisches Ehepaar an „Heinrich Fröweler, Bürger von Basel“. Und nicht fehlen dürfen natürlich Dokumente zu den ersten Zionistischen Kongressen, die ja in Basel stattfanden. Auch Originalbriefe von Theodor Herzl sind zu sehen.
Was die bauliche Unterkunft angeht, ist das Basler Museum mit den viel größeren Häusern in Berlin, Wien, ja selbst mit dem österreichischen Hohenems indessen nicht zu vergleichen. Das einzige jüdische Museum der Schweiz ist nämlich in einem Hinterhof untergebracht. Die neue Direktorin des Hauses, die Kanadierin Naomi Lubrich, versucht jedoch, den Auftritt des Museums zu verbessern, auch mit modernen Hilfsmitteln.
Ein Grundproblem bleibt aber auch für die neue Direktorin der mangelnde Platz: In zwei Räumen auf gerade mal rund 150 Quadratmetern kann nur ein kleiner Ausschnitt der ganzen Sammlung gezeigt werden. Dabei hätte das Museum rund 2000 Objekte zu präsentieren.
Dennoch ist selbst die in den vorhandenen Räumlichkeiten gebotene Vielfalt der Artefakte beeindruckend. Dazu gehört ein Siegelring mit einer Menora aus dem 4. Jahrhundert, offenbar aus der nahe bei Basel gelegenen römischen Siedlung Augusta Raurica. Für Direktorin Naomi Lubrich ein Beweis früher jüdischer Präsenz im Raum der heutigen Schweiz. Eine große Karte zeigt, wo es jüdische Gemeinden oder auch Gemeinschaften gab oder noch immer gibt: „Die Geschichte der Schweizer Jüdinnen und Juden soll sich hier spiegeln“, sagt Naomi Lubrich. Das bedeute aber nicht, dass andere Bereiche, etwa die Schoa, nicht gezeigt werden sollten. Dieses Thema ist zum Beispiel durch einen Flüchtlingskoffer vertreten. Am eindrücklichsten in diesem Zusammenhang ist aber wohl eine Torarolle, die während des Zweiten Weltkrieges, offenbar auf einem Dachboden in Polen, versteckt worden war und dem Museum vor einigen Jahren übergeben wurde.
Das Jüdische Museum führt zwar ein Nischendasein, ist aber vielen Baslerinnen und Baslern doch bekannt. Dies ist vor allem der jährlichen Museumsnacht, jeweils im Januar, zu verdanken. Daran beteiligt sich das Museum unter Respektierung der Schabbat-Gesetze, da die Museumsnacht immer an einem Freitag stattfindet. Man versucht auch sonst, jüngere Leute auf sich aufmerksam zu machen, und zwar mit dem Pilotprojekt „Glaubensdinge“. Anhand der Sammlung des Museums sollen junge Menschen offen über Religion diskutieren und sprechen können.
Angedacht sind auch weitere publikumsträchtige Projekte. So sollen in einer großen Kooperation mit dem bekannten Basler Kunstmuseum einige Werke von Marc Chagall im Jüdischen Museum ausgestellt werden; Chagalls Avantgardismus gibt es dann im Haus des Kunstmuseums zu sehen.
Dennoch ist und bleibt das Platzproblem ein zentrales Anliegen der neuen Museumsleitung. Mit knapp 5000 Besucherinnen und Besuchern sei eine Kapazitätsgrenze erreicht, klagt sie. Und diese Zahl sei 2015 fast erreicht worden. Deshalb sucht man an zentraler Lage der Basler Innenstadt nun ein größeres Gebäude und bittet um entsprechende Unterstützung: sicher kein ganz einfaches Unterfangen, auch nicht in der bekannten Museumsstadt Basel.
Immerhin gibt es Pläne, weit weg von der Innenstadt, nämlich im Basler Hafen, am Dreiländereck mit Frankreich und Deutschland gelegen, eine Art Museumsinsel zu installieren. Dort gäbe es dann möglicherweise auch Platz für das Jüdische Museum. Das würde allerdings bedeuten, dass das Museum weit entfernt von der Jüdischen Gemeinde gelegen wäre – und der Gemeinde fühlt es sich nahe und verbunden.