16. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2016 | 16. Kislew 5777

Strahlende Kunst

Der Chanukkaleuchter hat im Lauf seiner Geschichte zahlreiche Änderungen erfahren

Man kennt sie auf allen fünf Kontinenten. Viele Häuser schmücken sich gern mit ihr. In ihrer Glanzzeit erstrahlt sie von Tag zu Tag in immer hellerem Schein, versammelt viele Menschen um sich. Nach acht Tagen wird sie freilich ins Regal verbannt und verharrt dort für den Rest des Jahres.
Gemeint ist: die Chanukkia.
Der Chanukkaleuchter gehört auch über die jüdische Welt hinaus zu den bekanntesten Symbolen des Judentums. Vielerorts, auch in Deutschland, wird er im Großformat an Chanukkaabenden im Herzen der Stadt angezündet. Er erstrahlte im Weißen Haus in Washington schon ebenso wie in der Downing Street 10 in London. Bundeskanzlerin Angela Merkel erhielt ihn als Geschenk bei einer Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Wie man sieht, ist die Chanukkia aus jüdischem Leben weltweit nicht mehr wegzudenken. Allerdings war das nicht von Anfang an der Fall. Wohl ist das Feiern von Chanukka, wie der Historiker und Halacha-Experte Rabbiner Professor Jeffrey Woolf von der israelischen Bar-Ilan-Universität erklärt, bereits vor der Zerstörung des Zweiten Tempels (70 n. d. Z.) verbrieft. Indessen konzentrierte sich der Brauch des Lichterzündens zunächst auf Jerusalem und Judäa. Nach der Zerstörung des Tempels und der Vertreibung der Juden aus Jerusalem und der Jerusalemer Region breitete sich das Lichterzünden auch auf andere Landesteile und mit der Zeit auch auf die Diaspora aus, obwohl sich die genaue Zeitlinie, so Professor Woolf, heute nicht bestimmen lasse.
Um die Zeitenwende kam es zu einer Diskussion zwischen den beiden großen Richtungen des damaligen Judentums, der Schule Hillels und der Schule Schammais, über die Frage, ob die Zahl der anzuzündenden Lichter mit jedem Tag zu- oder abnehmen solle. Nach Schammais Meinung sollten am ersten Tag acht Lichter entzündet werden, am achten dagegen nur eines. Durchgesetzt hat sich, wie man weiß, die Meinung Hillels: Wir beginnen mit einer Kerze und zünden zum Ausgang des Festes alle acht an.
Auch war der Leuchter nicht immer so durchgestylt, wie wir ihn heute kennen. In den ersten Jahrhunderten begnügte man sich mit dem Aufstellen von einzelnen Öllämpchen am Hauseingang. Die Lämpchen wurden einfach nebeneinandergestellt – mit der Zeit auch auf einem Gestell. Daraus entwickelte sich nach und nach die Chanukkia. Hergestellt wurden Chanukkaleuchter mit der Zeit dann nicht nur aus Ton, sondern zunehmend auch aus Stein oder Metall.
Im Spanien des Spätmittelalters entstand ein neues Modell: eine Chanukkia mit einer festen Rückseite, die zum Anbringen an der Wand diente, und mit einer Art Rinne. Diese hatte Vertiefungen, in die an den Chanukkatagen Öl gegossen wurde. In jener Zeit wurde dem Leuchter auch der neunte Arm hinzugefügt, der Schamasch, von dem die Flamme auf die einzelnen Lichter weitergereicht wurde.
Mit der zunehmenden geografischen Zerstreuung der jüdischen Bevölkerung in der Welt, bildeten sich in verschiedenen Ländern unterschiedliche Herstellungsmethoden aus. Im Irak beispielsweise wurden Leuchter aus Metall mit gläsernen Ölgefäßen bevorzugt. Im Jemen wiederum mussten die meisten Juden wegen ihrer ärmlichen Lebensverhältnisse mit Leuchtern aus Stein vorliebnehmen. In den Niederlanden und in Nordafrika war Messing wegen des goldenen Glanzes, das es den Chanukkalichtern verlieh, ein besonders beliebtes Material. Mit besonderer Kunstfertigkeit wurden metallene Leuchter in Spanien hergestellt; von dort verbreiteten sich die spanischen Handwerksmethoden bis nach Osteuropa. Aber auch in Deutschland wurden Chanukkaleuchter mit großem Erfolg hergestellt. Im Frankfurter Ghetto, der „Judengasse“, entstand die „Frankfurter Lamp“, eine Chanukkia, die zum Inbegriff jüdischer Kunst in der Stadt am Main wurde.
Auch das Design war unterschiedlich. Während in islamischen Ländern das dreieckige Design überwog, wurde in Osteuropa die heute so verbreitete und der siebenarmigen Menora im Jerusalemer Tempel nachempfundene Form des Chanukkaleuchters populär. Im englischsprachigen Raum wird die Chanukkia heute oft auch „Hanukkah Menora“ oder sogar nur „Menora“ genannt. Mit der wirklichen Menora hat sie aber nichts zu tun. Zum einen ist die Benutzung von Kultgegenständen, die seinerzeit im Tempeldienst Verwendung fanden, halachisch verboten. Zum anderen sind die neunarmigen Chanukkaleuchter und die ursprüngliche Menora ähnlich, aber nicht identisch.
Heute können Chanukkaleuchter in allen Stilrichtungen von traditionell bis supermodern gekauft werden. Ob in gediegenem Silber oder türkisfarbenem und blauem Aluminium, ob mit acht Armen und einem Schamasch ausgestattet oder als Kubus mit neun Vertiefungen fast schon verfremdet, ob mit Abbildungen der Westmauer oder abstrakten Mustern verziert: Jeder findet etwas für seinen Geschmack, wenngleich nicht unbedingt für seine Tasche. Eine moderne Chanukkia kann genauso gut 1000 Dollar wie 20 000 Dollar kosten, von antiken Stücken ganz zu schweigen. Vor zwei Jahren verkaufte ein amerikanischer Sammler einen im 18. Jahrhundert in der Ukraine geschmiedeten Leuchter für 100 000 Dollar.
Auch den Dimensionen sind (fast) keine Grenzen gesetzt. Für das diesjährige Chanukkafest, das am 24. Dezember beginnt, wurde in New York ein Wettbewerb für die größte Chanukkia ausgeschrieben. Wie aus Vorberichten hervorgeht, soll das größte bisher angemeldete Prachtstück – aus Stahl gefertigt – die stolze Höhe von 9,4 Metern vorweisen.
Es gibt natürlich auch preiswerte Alternativen, bis hin zu bescheidenen Chanukkiot. In Israel lassen sie sich durchaus für 20 Schekel – rund fünf Euro – erstehen. Zahllose Leuchter aus Blech oder Holz, oft recycelt, werden in Kindergärten angefertigt – und kosten gar nichts. Mit ihnen lässt sich das Chanukkagebot, das Lichtwunder im Jerusalemer Tempel vor fast 22 Jahrhunderten zu preisen, genauso gut erfüllen wie mit den teuersten Exemplaren, die auf dem Markt zu finden sind.

wst