16. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2016 | 16. Kislew 5777

Ein Dach – eine Familie

Der Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Deutschland vermittelte den Teilnehmern nicht nur Wissen, sondern auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit

Hochrangiger Gast: Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble (2. v. r.) mit Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster (2. v. l.) und den Vizepräsidenten Abraham Lehrer (l.) und Mark Dainow (r.).

Kein Zweifel: Der Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Deutschland, der am zweiten Dezember-Wochenende in Berlin stattfand, war ein Highlight des jüdischen Lebens in der Bundesrepublik im Jahr 2016. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass 1200 Mitglieder jüdischer Gemeinden aus der ganzen Republik zusammenkommen, um über Gemeindearbeit, Politik und Gesellschaft, Aktuelles und Historisches, Alltägliches und Philosophisches zu sprechen. Dabei standen Quantität und Qualität in keinem Widerspruch: Das hohe Niveau der Veranstaltungen ging mit einer reibungslosen Organisation Hand in Hand – bei dieser Teilnehmerzahl keine Selbstverständlichkeit.
Die Themenpalette, die in den zahlreichen Workshops aufgegriffen wurde, deckte die gesamte Bandbreite der Fragen ab, die für die jüdische Gemeinschaft von Interesse sind und mit denen sie sich oft auch auseinanderzusetzen hat. So etwa stand die Frage des Antizionismus als einer modernen Form des Antisemitismus ebenso auf dem Programm wie die rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Kräfte in Deutschland. Um das öffentliche Ausleben der jüdischen Identität in Deutschland ging es bei dem Workshop „Mit der Kippa unterwegs? Positionen und Erfahrungen mit Ausgrenzung und Intoleranz“. Auch das Gemeindemanagement und die Sicherheit jüdischer Einrichtungen – beides ebenso wichtige wie praxisnahe Themen – standen an prominenter Stelle auf der Tagesordnung. Insgesamt warteten auf die Teilnehmer mehrere Dutzend Workshops, Vorträge, Stadt- und Museumsführungen, Sportangebote, Autorenlesungen und Filmvorführengen.
Indessen war der Gemeindetag trotz der beeindruckenden Informationsfülle keine bloße Lehrveranstaltung. Nicht minder wichtig waren die menschlichen Begegnungen. Sie waren das Bindemittel, die die vielen Aktionen des Gemeindetags zu einer Plattform verschmelzen ließ, auf der sich langjährige Freunde austauschten oder nach längerer Pause wiederfanden, auf der neue Kontakte geknüpft wurden und die so wichtige Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Gemeinden und Organisationen gefestigt wurde. Bis spät in die Nacht saßen alte Freunde und neue Bekannte in den Ecken des Hotels und sprachen miteinander. Es wurden Telefonnummern und E-Mail-Adressen ausgetauscht, und man darf annehmen, dass aus diesen Kontakten und Gesprächen so manche gemeinsamen Projekte entstehen werden. „Wenn die Teilnehmer wieder nach Hause fahren“, so Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster gegenüber der „Zukunft“, „sind sie nicht nur besser informiert, sondern auch besser vernetzt.“ Auf diese Weise stärke der Gemeindetag die Arbeit der Gemeinden.
Die Vielzahl und die Vielfalt der Veranstaltungen beruhten auf einem zielorientierten Konzept. Als Vertreterinnen des Präsidiums hatten die Präsidiumsmitglieder Vera Szackamer und Barbara Traub die Ausarbeitung des Programms begleitet. Das breitgefächerte Angebot, so Vera Szackamer gegenüber der „Zukunft“, habe es jedem Teilnehmer und jeder Teilnehmerin ermöglicht, ein an den eigenen Interessen orientiertes Tagungsprogramm zusammenzustellen. Zugleich hätten sich die so zahlreichen Teilnehmer auf so viele Workshops verteilt, dass über die einzelnen Themen in relativ kleinem Kreis habe diskutiert werden können, was allen eine aktive Teilnahme ermöglicht habe.
Wie Barbara Traub betonte, wurden bewusst auch Themen ins Programm aufgenommen, die in der jüdischen Gemeinschaft häufig kontrovers sind. Dazu gehörten insbesondere „Giur – Übertritt zum Judentum oder Judesein auf Widerruf“ und „Ab und zu Schabbat? Jüdischer Vater und nichtjüdische Mutter – Identitätskrise?“ Dabei ging es um das Verhältnis zu Menschen, die zum Judentum konvertiert sind beziehungsweise um interkonfessionelle Ehen, bei denen die Kinder eine nichtjüdische Mutter haben und daher keine Juden im Sinne der Halacha sind.
In seiner Ansprache bei der Eröffnung des Gemeindetages bezeichnete Dr. Schuster die Gemeinden als das Fundament des jüdischen Lebens in Deutschland. Ohne dieses Fundament könne der Zentralrat als die Dachorganisation von mehr als 100 jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik nicht existieren. Es erfülle ihn, so der Zentralratspräsident, mit Stolz, dass eine selbstbewusste jüdische Gemeinschaft beim Gemeindetag zu einem Treffen dieser Größe zusammenkomme.
Dr. Schuster ging auf das Motto des Gemeindetages „Ein Dach, eine Familie“ ein und führte unter anderem aus: „Wir alle gehören zu irgendeiner Familie. Und wir alle gehören zur großen jüdischen Familie. So verschieden wir auch sind, so groß die Zahl der Länder ist, aus denen wir oder unsere Eltern und Großeltern stammen, so sehr eint uns unsere Jüdischkeit. Eine große jüdische Familie sind wir aber auch, weil nicht immer nur die Sonne scheint. Nein, manchmal entladen sich auch Gewitter. Dann hängt unter unserem Dach der Haussegen schief. Das Fundament jedoch wird nicht erschüttert. Denn wie es – meistens jedenfalls – in der Familie gelingt, sich wieder zu vertragen, so klappt es auch in unserer Gemeinschaft.“
Während des Gemeindetages ging Dr. Schuster auch auf die Rolle des Zentralrats ein. Der Zentralrat, betonte Dr. Schuster, sei ein Dach, unter dem alle jüdischen Gemeinden ihren Platz hätten. Der Zentralrat vertrete alle Richtungen des Judentums und werde es auch künftig tun. Dank seiner Offenheit für die Vielfalt des Judentums könne er mit einer Stimme sprechen und damit jüdische Interessen wirkungsvoll vertreten.
Beim Gemeindetag sprachen zwei Bundesminister zu den Teilnehmern. Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble und Bundesjustizminister Heiko Maas. Dr. Schäuble überbrachte die Grüße der Bundesregierung und ging in seiner Rede unter anderem auf die Bedeutung jüdischen Lebens in Deutschland ein. Er würdigte nachdrücklich den Einsatz der jüdischen Gemeinschaft für die Rechte der Minderheiten. Er warnte auch davor, das Leben in Demokratie und Freiheit für selbstverständlich zu halten. Wer dies tue, drohe es zu verlieren.
Bundesminister Maas betonte, alle in Deutschland lebenden Juden sollten sich hierzulande zu Hause fühlen können. Deshalb, so der Minister, sollten Menschen in Deutschland niemals Angst davor haben müssen, ihr Judentum offen auszuleben. Er unterstrich auch, die Ablehnung des Antisemitismus gehöre zu den Grundwerten, die auch Migranten zu vermitteln seien. Die Schoa müsse ein zentraler Teil der Integrationskurse sein, forderte der Bundesjustizminister.
Israels Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, erklärte, der Gemeindetag zeige, wie selbstbewusst die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik sei. Es sei allerdings inakzeptabel, dass Juden für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht würden. Wer das tue, erkenne nicht an, dass Juden ein Teil der deutschen Gesellschaft seien.
Ein prominenter Gast – wenngleich nicht aus der Politik – war auch Dr. Ruth Westheimer, die wahrscheinlich bekannteste Sexualtherapeutin der Welt. Dr. Westheimer, 1928 in Deutschland in einer orthodoxen Familie geboren, wurde als Zehnjährige mit einem Kindertransport in die Schweiz geschickt, wanderte nach Kriegsende nach Israel aus, wo sie der Untergrundarmee Hagana beitrat und als Scharfschützin ausgebildet wurde. Nach einem Psychologiestudium an der Pariser Sorbonne wanderte sie 1956 in die Vereinigten Staaten aus. Mit ihrer Sexualberatung, in der sie Probleme des Liebeslebens offen ansprach, wurde sie weit über die Grenzen ihrer Wahlheimat USA berühmt. Beim Gemeindetag sprach sie zum Thema „Sexualität und Judentum“. Mit ihren ebenso fundierten wie humorvollen Ausführungen, in denen sie auch kenntnisreich aus jüdischen Quellen zitierte, erntete Dr. Ruth, wie sie genannt wird, großen Applaus und hatte auch die Lacher auf ihrer Seite.
Das Musikprogramm des Gemeindetages hätte schon an sich für ein kleines Festival gereicht. Mit dabei war die israelische A-Capella-Gruppe Mafteach Soul. Die jungen Sänger traten nicht nur auf der Bühne auf, sondern begleiteten auch die Gottesdienste. Der französisch-israelische Sänger Amir Hadad, der beim Eurovision Song Contest 2016 für Frankreich startete und sich den sechsten Rang sichern konnte, eroberte schnell die Herzen der Gemeindetagsteilnehmer. Auch die französische Band Festival Mibely begeisterte im zur Gänze gefüllten Festsaal die Zuschauer. Als einheimisches Gewächs trat die Musiktruppe des Or-Chadasch-Jugendzentrums der Jüdischen Gemeinde Mannheim auf, die bei der Jerwovision 2016 ebenso wie im Vorjahr den ersten Platz errungen hatte. Und bei dem nach Schabbat-Ausgang stattfindenden Galaabend waren auf der Tanzfläche Teilnehmer aller Altersstufen zu sehen: von Kindern – für diese war während des Gemeindetages ein eigenes Programm angeboten worden – bis hin zu den etwas älteren Jahrgängen. Oft tanzten nicht nur zwei, sondern auch drei Generationen zusammen.
Der bis ins kleinste Detail durchdachten Organisation des Gemeindetages zollten die Teilnehmer wiederholt Respekt. Beim Abschluss des Gemeindetages erklärte dazu der Geschäftsführer des Zentralrats, Daniel Botmann, im Gespräch mit der „Zukunft“: „Ich bin froh und dankbar, dass alles gut geklappt hat. In diesem Erfolg steckten viel Arbeit und minutiöse Vorbereitungen. Mit Organisation ist es ein wenig wie mit Turnen: Je müheloser die Übungen aussehen, umso mühevoller sind sie einstudiert worden. Allen Mitarbeitern des Zentralrats, die diesen Erfolg möglich gemacht haben, gilt unser aller Dank.“

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