08.12.2016

"Unser jüdisches Haus soll in Deutschland eine Zukunft haben"

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, zur Eröffnung des Gemeindetags, 8.12.2016, Berlin

Anrede,

als ich heute auf dem Weg von Würzburg nach Berlin war, da kam mir mit einem Male ein Gedanke: Nämlich der Gedanke, dass just zur gleichen Zeit aus allen Ecken der Republik zig Mitglieder unserer Gemeinden ebenfalls auf dem Weg nach Berlin sind. Zu Hunderten haben wir uns heute auf den Weg gemacht.

Und bei diesem Gedanken wurde mir sehr warm ums Herz. Und der Gedanke erfüllte mich auch mit Stolz. Stolz, dass eine selbstbewusste jüdische Gemeinschaft von Alt bis Jung zu einem Treffen dieser Größe zusammenkommt.

Vor allem aber hatte ich das Gefühl - und das habe ich noch viel stärker, seit ich hier angekommen bin - das Gefühl, zu einem großen Familientreffen zu kommen. Ich treffe hier Menschen, die ich regelmäßig sehe. Menschen, die ich sehr lange nicht gesehen habe, und lerne neue Menschen kennen. Ich staune, wie groß die Kinder geworden sind. Und im Stillen habe ich mich gefragt, ob ich hier eigentlich als so etwas wie der Großvater betrachtet werde.

So oder so: Ich freue mich sehr, dass Sie alle gut in Berlin eingetroffen sind und möchte ganz ausdrücklich auch im Namen unserer Vizepräsidenten Ebi Lehrer und Mark Dainow sowie im Namen des gesamten Präsidiums sagen:

Herzlich Willkommen zum Gemeindetag 2016! Beruchim Haba’im!

Und natürlich heiße ich auch unsere Gäste willkommen: Ich freue mich sehr, dass Sie, sehr geehrter Herr Dr. Schäuble, die Keynote-Rede zur Eröffnung halten werden. Und ebenso danke ich Seiner Exzellenz, dem Botschafter Israels, Herrn Hadas-Handelsman, dass Sie heute Abend ein Grußwort halten.

Darüber hinaus möchte ich jetzt schon, quasi vorab, die vielen Gäste willkommen heißen, die uns in den nächsten Tagen mit ihrer Expertise, ihrer Sicht von außen oder ihrem künstlerischen Talent bereichern werden.

Und ich möchte einige junge Leute begrüßen, die unter unseren Gästen sind: Es sind Dalia Grinfeld, Benjamin Fischer, Arthur Bondarev, Lionel Reich und Mike Delberg. Sie haben heute am Nachmittag die neue „Jüdische Studierenden Union Deutschland“ gegründet. Darüber freue ich mich sehr und hoffe, dass den jungen jüdischen Erwachsenen eine neue Stimme verliehen wird.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Ein Dach, eine Familie“ – das ist unser Motto für diesen Gemeindetag. Als wir dieses Leitmotiv erarbeitet haben, gab es auch Widerspruch: Familie? Vater, Mutter, Kind? Schließen wir da nicht furchtbar viele Menschen aus? Wen meinen wir denn mit Familie? Der Familienbegriff ist in der Tat heute sehr vielschichtig. Und das betrifft die jüdische Gemeinschaft ebenso wie den Rest der Gesellschaft. Ich schätze, sehr geehrter Herr Dr. Schäuble, dass Ihnen solche Diskussionen auch aus der Politik sehr geläufig sind.

Wen haben wir also im Blick mit unserem Motto? Sicherlich die klassische Familie. Aber ebenso Menschen ohne Kinder. Denn auch sie sind Söhne oder Töchter, haben Geschwister, Nichten und Neffen. Wir alle gehören zu irgendeiner Familie. Und wir alle gehören zur großen jüdischen Familie. So verschieden wir auch sind, so groß die Zahl der Länder ist, aus denen wir oder unsere Eltern und Großeltern stammen, so sehr eint uns unsere Jüdischkeit.

Eine große jüdische Familie sind wir auch, weil nicht immer nur die Sonne scheint. Nein, manchmal entladen sich auch Gewitter. Dann hängt unter unserem Dach der Haussegen schief. Das Fundament jedoch wird nicht erschüttert. Denn wie es – meistens jedenfalls – in der Familie gelingt, sich wieder zu vertragen, so klappt dies auch in unserer Gemeinschaft.

Und wenn es darauf ankommt, erst recht, wenn wir von außen angegriffen werden, dann halten wir zusammen! Ich will uns jetzt nicht mit einem Mafia-Clan vergleichen. Schließlich ist die älteste Waffe des Judentums das Wort und nicht der Auftrags-Killer.

Doch um wieder ernsthaft zu werden: In einer großen Familie miteinander gut auszukommen, das ist nicht immer leicht. Sehr unterschiedliche Charaktere, unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Überzeugungen treffen auch in unserer jüdischen Gemeinschaft aufeinander. Wie kann das Miteinander dennoch gelingen?

Dafür kann uns jemand Vorbild sein, dessen Todestag sich Anfang November zum 60. Mal gejährt hat. Und es liegt mir am Herzen, an ihn zu erinnern: der große Rabbiner Leo Baeck sel. A. Er wurde von einem Weggefährten im KZ Theresienstadt mit folgenden Worten charakterisiert: „gütig, wahrhaftig und wohlwollend“. Leo Baeck verstand es, andere Meinungen zu respektieren, ohne die eigene Meinung zu verschweigen. Er war ausgleichend und zugleich eine Autorität.

Der von mir sehr verehrte Rabbiner Nathan Peter Levinson sel. A., der viele Jahre lang der Hausrabbiner unserer Familie war und der leider vor kurzem verstorben ist, hat einmal eine wunderbare Anekdote von Leo Baeck erzählt. Nathan Peter Levinson war Student bei Leo Baeck an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Eines Morgens kam er zu spät zu einer Übung. Daraufhin entschuldigte sich Baeck bei Levinson, dass er schon angefangen habe. „Ich kam nie mehr zu spät“, erzählte Levinson. Leo Baeck vermittelte etwas, das ich als Respekt und Wertschätzung bezeichnen möchte.

Diese Eigenschaften sind meines Erachtens wichtiger denn je – und gefährdeter denn je!

Denn das gesellschaftliche Klima in unserem Land wird rauher. Es ist zunehmend von Respektlosigkeit gekennzeichnet.

Meine lieben Freundinnen und Freunde,

uns erwartet heute Abend noch ein toller Sänger, und auch die bezaubernde Sandshow von Natalia Morosov hat gute Laune gemacht und uns auf Chanukka eingestimmt.

Nehmen Sie es mir dennoch nicht übel, wenn ich doch kurz auf einige ernste Entwicklungen zu sprechen komme und ein paar nachdenkliche Töne anschlage.

In diesem Jahr hat die rechtspopulistische AfD beängstigende Wahlerfolge gefeiert. Bei allen Landtagswahlen hat sie satte zweistellige Ergebnisse erzielt. Und auch im vor uns liegenden Jahr, einem Super-Wahljahr, ist mit Erfolgen der AfD zu rechnen. Damit gewinnt eine Partei an Zustimmung, die auf Spaltung und Ausgrenzung setzt. Sie ist das Windrad, das sich dank des kälteren Windes am schnellsten dreht.

Gerade wir Juden müssen in diesen Zeiten unsere Stimme erheben. Denn wenn Stimmung gemacht wird gegen Muslime oder gegen sogenannte Eliten, dann sind früher oder später auch wir Juden gemeint. Weiterhin finden wir bei rund 16 Millionen Menschen in diesem Land antisemitische Einstellungen. Erst jüngst hat eine Umfrage im Auftrag der sächsischen Landesregierung ergeben, dass jeder Fünfte der 18-29-jährigen Sachsen der Aussage zustimmt, Juden hätten etwas Eigentümliches an sich und – ich zitiere – „passen nicht recht zu uns“.

Gegen solche Tendenzen, die man nicht leugnen sollte, nur weil sie einem nicht passen, müssen wir unsere Stimme erheben. Zudem hat sich der Zentralrat der Juden in Deutschland schon immer auch für andere Minderheiten eingesetzt, wie Muslime oder Sinti und Roma. Auch deshalb kritisieren wir die AfD so scharf.

Und dabei ist es wichtig, dass wir mit einer Stimme sprechen. Wir sehen doch, wieviel schwerer es die Muslime haben, die in Deutschland durch zig Verbände vertreten werden. Die Stimme des Zentralrats der Juden hingegen hat in Deutschland Gewicht. Wir vertreten mehr als 100 jüdische Gemeinden, von orthodox bis liberal. Das ist gut so. Und das muss auch so bleiben.

Die AfD versucht, unter dem Deckmäntelchen der Israel-Freundschaft auch in unserer jüdischen Community auf Stimmenfang zu gehen. Davon dürfen wir uns nicht blenden lassen! Wir werden uns auch hier beim Gemeindetag mit den neuen rechtspopulitischen Bewegungen und Parteien in Deutschland und in Europa befassen. Denn wir sollten gewappnet sein!

Ebenso beunruhigend ist der Anstieg rechtsextremistischer Gewalttaten in unserem Land. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Verfassungsschutz eine Steigerung um 42 Prozent! Die Zahl der fremdenfeindlichen Gewalttaten verdoppelte sich fast. Das zeigt uns: Die Parolen der rechten Rattenfänger fallen auf fruchtbaren Boden. Es gelingt, den Hass so zu schüren, dass die Gewaltbereitschaft steigt. Ich will nicht schwarzmalen, liebe Freundinnen und Freunde, denn noch immer handelt es sich bei diesen Auswüchsen um Randerscheinungen. Aber es sind Phänomene, die beunruhigen und in unseren Reihen Sorgen und Ängste auslösen. Es freut mich daher auch sehr, dass wir am Sonntag den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Hans-Georg Maaßen, zu Gast haben werden, der uns seine Einschätzung zur Lage geben wird.

Wir müssen diese politischen Entwicklungen beobachten. Wir dürfen den Extremisten aber auch nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Viel wichtiger ist es, all jene zu stärken, die engagiert in lokalen Initiativen, in Vereinen und Schulen, in Flüchtlingsheimen und schließlich im Internet dieser Kälte entgegentreten. Sehr häufig sind es Menschen, die ehrenamtlich aktiv sind. Dazu zählen auch Sie, liebe Gemeindemitglieder!

Sehr viele von Ihnen tun genau dies: Mit Ihrer Arbeit sorgen Sie für Menschlichkeit. Sei es im Jugendzentrum oder im Elternheim, am Mitzvah Day oder bei Limmud, in Ihrer Studentengruppe oder auf Machanot: Respekt, Wertschätzung, Achtsamkeit, Solidarität – diese Werte leben Sie mit Ihrer Arbeit!

Heute Abend möchte ich Ihnen dafür meinen ganz herzlichen Dank aussprechen!

Liebe Freundinnen und Freunde,

die Respektlosigkeit, die wir vielerorts erleben, macht auch vor einem Land nicht Halt, das uns allen besonders am Herzen liegt: Israel. Der jüdische Staat ist bis weit in die Mitte unserer Gesellschaft hinein einer massiven Kritik ausgesetzt, wie sie andere Staaten bei weitem nicht aushalten müssen. Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass Israelis geradezu genüsslich als Täter dargestellt werden.

Was steckt dahinter? Der uralte Antisemitismus in neuem Gewand? Oder der Wunsch, es den Juden heimzuzahlen, dass sie die Deutschen einst zu Tätern gemacht haben? Solche kruden Denkweisen sind nicht nur verbreitet, sie werden heutzutage auch ausgesprochen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Und hier muss ich Bundesinnenminister Thomas de Maizière Recht geben, der kürzlich forderte, es müsse auch wieder so etwas wie Benehmen geben. Er verwies darauf, dass es früher häufig hieß: Das sagt man nicht. Wir wollen nicht in die vermieften fünfziger Jahre zurück. Aber sich gegenseitig hemmungslos mit Worten zu verletzen, wie wir es vor allem im Internet erleben, kann nicht die Alternative sein.

Und das fordere ich auch für Israel ein. Wer die israelische Regierung kritisieren will, hat alle Freiheit, dies zu tun. Um Regierungskritiker zu treffen, fährt man am besten nach Tel Aviv. Aber wer zu einem Boykott israelischer Waren aufruft, oder den Gaza-Streifen mit dem Warschauer Ghetto vergleicht, der verletzt sehr viele Menschen, hier und weltweit. Und von den noch viel schlimmeren Kommentaren, die wir auch zum Teil auf der Facebook-Seite des Zentralrats lesen müssen, will ich gar nicht sprechen.

Liebe Gemeindemitglieder, meine Damen und Herren,

Respekt und Achtsamkeit – um diese Werte müssen wir kämpfen. Wir erwarten als Juden in Deutschland ja gar nicht, geliebt zu werden. Aber wir wollen respektiert werden! Und zwar egal, ob wir eine Kippa auf der Straße tragen oder nicht, egal, ob in der Synagoge Frauen und Männer getrennt sitzen oder nicht, egal, ob jemand ein schwuler oder ein schwarzer Jude ist. Diese Toleranz, die wir von unserer nicht-jüdischen Umgebung fordern, müssen wir natürlich auch nach innen leben. Nur dann ist unser Zusammenhalt so groß, dass wir wachsenden Anfeindungen trotzen können.

Denn wir müssen ja auch realistisch feststellen: Es wird schwieriger, Gehör zu finden. Denn unsere Gemeinschaft verändert sich. Gerade in diesem Jahr wurde uns das drastisch vor Augen geführt, weil mit Elie Wiesel sel. A. und Max Mannheimer sel. A. zwei sehr prominente Zeitzeugen gestorben sind. Die Generation der Schoah-Überlebenden wird sehr klein. Niemand von uns Nachgeborenen hat die gleiche moralische Autorität. Daher müssen wir neue Wege finden.

Wir müssen deutlich machen: Wir haben auch zu anderen Themen etwas zu sagen. Unsere Religion gibt zum Beispiel Antwort auf viele ethische Fragen. Hier sollten wir auch das reiche Wissen unserer Rabbinerinnen und Rabbiner nutzen. Sie sind für uns nicht nur in halachischen Fragen, sondern natürlich weit darüber hinaus wichtige Ratgeber.

Nicht nur unsere Gemeinschaft verändert sich, sondern auch die Gesellschaft. Die Religiosität geht zurück. Diese Entwicklung macht natürlich auch vor Politikern und Medien nicht halt. Menschen für die Bedürfnisse einer Religionsgemeinschaft zu interessieren, wird schwieriger. Das Verständnis sinkt.

Ebenso wächst der zeitliche Abstand zur Schoah. Immer mehr Menschen betrachten die Schoah als historisches Ereignis wie andere Ereignisse auch. Ohne Empathie. Daher lasse ich nicht darin nach, verpflichtende Gedenkstättenbesuche für Schüler zu fordern. Die Schoah darf nicht genauso wegsortiert werden wie der Erste Weltkrieg.

Daher müssen wir aus vielerlei Gründen in einer Gesellschaft um Respekt werben, die zunehmend von Respektlosigkeit gekennzeichnet ist.

Liebe Gemeindemitglieder, meine Damen und Herren,

nach meiner Wahl zum Zentralratspräsidenten vor zwei Jahren habe ich den Zentralrat als Dach bezeichnet und die Gemeinden als Fundament. Nur auf einem soliden Fundament kann ein Haus gebaut werden. Und ohne solides Fundament macht ein Dach keinen Sinn. Das Dach soll dieses Haus vor allen Stürmen schützen, damit sich darunter alle geborgen fühlen. Nach zwei Jahren an der Spitze des Zentralrats kann ich mit Überzeugung sagen: Unser Fundament trägt. Ich weiß aber auch: Ein solch solides Haus baut sich nicht von selbst. Darin steckt viel Arbeit. Sie, liebe Gemeindemitglieder, sind die Baumeister. Und ohne Ihren Einsatz wären wir, der Zentralrat, ein Dach ohne Sinn.

Und wir alle spüren es doch in diesen Zeiten: nicht nur wir in unserer kleinen Gemeinschaft müssen immer wieder unseren Zusammenhalt neu erarbeiten, sondern unser ganzes Land muss die demokratischen Errungenschaften immer wieder neu verteidigen. Sonst fallen wir zurück in Zeiten, in die wir nie wieder wollen.

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten – an einer Gesellschaft, die von Toleranz und Respekt geprägt ist, an einem jüdischen Haus, in dem wir uns wohlfühlen, und das in Deutschland eine Zukunft hat!

Ich danke Ihnen!