16. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2016 | 29. Heshvan 5777

Der Rohling

Eine Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin befasst sich mit verschiedenen Aspekten der Golem-Figur

Von Carsten Dippel

Die Gebilde hängen wie gelbe Larven von der Decke. Ein menschengleiches Gesicht schält sich jeweils mühsam heraus, ganz so wie der aus einer Larve geborene Schmetterling. Ein Stadium des Übergangs, des Noch-nicht-Lebens, so interpretiert der spanische Künstler Jorge Gil einen uralten Mythos, der die Besucher derzeit in eine wunderbare Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin lockt: der Golem.
Wer hat sie nicht vor Augen, die berühmte etwas ungelenke Lehmfigur, mächtig, groß und ein wenig dumm, die laut der Legende dem Menschen zu Hilfe eilt, am Ende jedoch außer Kontrolle gerät? In seinem legendären Stummfilm von 1920 hat der Regisseur Paul Wegener der Golem-Figur ein unverwechselbares Gesicht verliehen. Ein Gesicht, das bis heute fasziniert und doch ein wenig bedrohlich wirkt, so wie es manch einer beim Rundgang durch die Räume des Museums zugibt.
„Golem“ ist aber nicht an sich ein Monster, sondern bedeutet etwas Unfertiges. In Psalm 139:16 heißt es „Galmi ra’u ejnecha“. In etwa bedeutet der Satz: „Deine Augen sahen mich als unfertige Substanz.“ Was damit genau gemeint ist, darüber haben sich die jüdischen Gelehrten immer wieder den Kopf zerbrochen. Die naheliegendste Deutung besagt, hier handele es sich um den menschlichen Embryo. Im Talmud, Traktat Sanhedrin 38b, taucht die Idee der Schöpfung des Menschen aus einem Klumpen auf. Auch das kosmogonische Werk Sefer Jezira griff diese Idee auf. In der Ausstellung ist eine kostbare Ausgabe des Sefer Jezira zu sehen.
Dass die Golem-Figur bis heute so ungebrochen populär ist, hängt auch mit diesem mystischen Zugang zusammen. Nicht zufällig ist der noch immer wohl berühmteste Golem jener, der der Legende nach vom Prager Rabbi Juda Löw (1525–1609) geschaffen worden ist: zu einer Zeit, die geradezu besessen war vom Mystischen, von Alchemie und Astrologie. Der mystisch-unheimliche Golem findet sich auch in den eindrucksvollen Lithografien von Hugo Steiner-Prag, die den berühmten Roman Gustav Meyrinks „Der Golem“ von 1916 illustrieren. Schaurig, unheimlich, aber faszinierend, wie ein Ausstellungsbesucher treffend bemerkt.
Der Golem, so Prof. Dr. Peter Schäfer, der Direktor des Jüdischen Museums, ist eine durch und durch jüdische Figur. Indem der Mensch einem Golem Leben verleihe, imitiere er den Schöpfungsakt Gottes. Und trete damit auch in Konkurrenz zu dessen Schöpfungsallmacht. Ist das nicht alles Anmaßung? Der Golem als Ausdruck menschlicher Hybris? Wenn das Jüdische Museum jetzt diesen uralten Mythos aufgreift, dann geschieht dies in einer Zeit grundsätzlicher Debatten um Fragen zur Ethik. Sei es bei der Stammzellenforschung oder dem Klonen. Und über all dem scheinen am Horizont dank technologischer Fortschritte ungeahnte Möglichkeiten künstlicher Intelligenz auf. Computer gewinnen zunehmend ein Eigenleben. Sie emanzipieren sich von ihren Schöpfern. Passierte das nicht auch dem Golem Rabbi Löws? Innerjüdisch ist über das Für und Wider der Golem-Idee immer auch leidenschaftlich diskutiert worden. Gleichwohl hat die Möglichkeit, sich mithilfe eines Golem gegen äußere Gefahren zu wehren, Bestand gehabt.
In der Berliner Ausstellung tritt der Golem äußerst vielgestaltig in Erscheinung. Vor allem aus dem Blickwinkel von Künstlern, die sich seit Jahrhunderten mit dem widersprüchlichen Thema befasst haben, nicht selten Ängste und Hoffnungen hineinprojizierend. Der Umgang mit dem Golem ist immer auch ein Spiegel seiner Zeit. Da sind die Larven Gils, die Zeichnungen Steiner-Prags. Doch manch ein Besucher kennt den Golem als Comicfigur, als Actionheld, als Plastikkämpfer. Auch in die Welt des Computerspiels Minecraft hat der Golem Eingang gefunden, und so sitzt im Jüdischen Museum manch ein Vater mit seinem Sohn, den Joystick in der Hand, um Minecraft zu spielen.
Dann ist da noch ein kleines, besonderes Ausstellungsstück: das Schaltmodul eines israelischen Großrechners von 1965, dem der Kabbala-Forscher Gershom Scholem den Namen „Golem Aleph“ verlieh. Nun kann ein Smartphone heute mehr Dinge, als sich die Schöpfer des „Golem Aleph“ am Weizmann-Institut im israelischen Rehovot wohl je hätten erträumen können. So wie in der schwedischen Fernsehserie „Real Humans“ von 2012, in der sogenannte Hubots auftreten, die fast alles besser können als die Menschen, müssen wir uns heute ganz existenziellen Fragen zur künstlichen Intelligenz stellen. In 50 oder 100 Jahren werden künstliche Wesen vielleicht schon selbstverständlich an unserer Seite leben. Wie gehen wir mit ihnen um, wie werden sie uns und unser Leben verändern?
Bei allen Gefahren, die mit dem Golem immer heraufbeschworen wurden, bleibt am Ende dieser Ausstellung doch der schöpferische Impuls hängen: Der Mensch ist dazu da – und das sei eine elementar jüdische Auffassung, sagt Peter Schäfer –, die Schöpfung Gottes weiterzuentwickeln. Gott habe dem Menschen die Schöpfung in dessen Verantwortung gegeben, nicht um sie bloß zu verwalten, sondern um sie zu einem guten Ende zu bringen.
Die Ausstellung ist bis 29. Januar 2017 zu sehen.