16. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2016 | 29. Heshvan 5777

Faszinierende Stadt

Czernowitz hat eine reiche jüdische Geschichte – und bis heute Verbindungen zur Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf

Von Heinz-Peter Katlewski

Es gibt Städte, deren historische Bedeutung weit über ihre eigentliche Größe hinausgeht. In der jüdischen Welt gehört Czernowitz zu diesen Städten, vor allem wegen seines reichen geistigen Lebens. So etwa fand in der Stadt der Bukowina – des Buchenlandes, das zwischen 1775 und 1918 zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte – 1908 die große „Czernowitzer Konferenz far der jiddischer Sprach“ statt, die Jiddisch-Liebhabern bis heute ein Begriff ist. Allerdings waren Czernowitzer Juden vor allem deutschsprachig. Mit den Dichtern Paul Celan und Rose Ausländer brachte Czernowitz denn auch zwei der bekanntesten Gestalten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts hervor.
1913 noch stellten die jüdischen Einwohner von Czernowitz fast die Hälfte der damals rund 80.000 Seelen zählenden Stadtbevölkerung. Die Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis bewog viele Juden aus Czernowitz nach der Schoa – trotz der Schoa – auch zur Übersiedlung nach Deutschland. Vor allem in Düsseldorf, erinnert sich Herbert Rubinstein, der langjährige Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, habe es eine „große Czernowitzer Kolonie“ gegeben. Mehr als 300 Czernowitzer hätten in den Fünfzigerjahren dazu beigetragen, die Jüdische Gemeinde in Düsseldorf wieder aufzubauen. Zu diesen Menschen gehörte auch der heute 80-jährige Rubinstein, der in der Düsseldorfer Gemeinde 1956 eine neue Heimat gefunden hatte. Rose Ausländer verbrachte ihren Lebensabend übrigens im Elternheim der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, dem Nelly-Sachs-Haus. Bis heute gilt die Gemeinde der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt als „Bukowina-Gemeinde“. Das einstige Herzogtum Bukowina gehört heute zu etwa gleichen Teilen zur Ukraine und zu Rumänien, wobei Czernowitz, auf Ukrainisch Tscherniwtsy, Teil der Ukraine ist.
Die deutsche und die jüdische Komponente des alten Czernowitz kamen auch in den Beinamen, die die Stadt während ihrer K.-u.-k.-Zeit erhielt, zum Ausdruck. So sprach man damals vom Klein-Wien des Ostens oder vom Jerusalem am Pruth, einem Nebenfluss der Donau. Lange Zeit lebte in der Stadt eine Vielvölkergemeinschaft, zwar nicht ohne Konflikte, aber doch relativ friedlich und gleichberechtigt zusammen. Ukrainer, Rumänen, Polen, Deutsche und Juden – alle hatten ihre kulturellen Zentren. Der heutige Zentrale Kulturpalast am Theaterplatz war früher das Jüdische Nationalhaus. Heute befindet sich darin ein kleines „Museum für die Geschichte und Kultur der Juden der Bukowina“. Es dokumentiert das einst vielfältige jüdische Leben in der Region und die Geschichte seiner Vernichtung während des Zweiten Weltkrieges.
Die Blütezeit, die Czernowitz und seine Juden unter der Oberherrschaft des Wiener Hofes erlebten, war der toleranten österreichischen Judengesetzgebung von 1789 geschuldet. Das Staatsgrundgesetz aus dem Jahre 1867 gewährte den Juden wie allen anderen Staatsbürgern Freizügigkeit innerhalb der Grenzen der Donaumonarchie, Zugang zu allen Berufen, das Recht, Grundeigentum zu erwerben, und auch sonst weitgehende Gleichstellung gegenüber den Christen. Geändert hatte sich damit allerdings auch der Status der jüdischen Gemeinde: Aus einer abgeschlossenen Einrichtung, die selbst Steuern eintrieb und sich weitgehend selbst regierte, wurde eine dem Kirchen- und dem bürgerlichem Recht sowie der staatlichen Gerichtsbarkeit unterworfene jüdische Kultusgemeinde.
Bei Behörden und Gerichten konnte man seit den Sechzigerjahren des 19. Jahr­hunderts mit Deutsch, Rumänisch und Ukrainisch vorstellig werden. Das größte Gewicht in der Stadt hatte jedoch das Deutsche, wenn auch oft mit eigenwilliger Grammatik und neuen Wortschöpfungen.
Mehr als alle anderen Bevölkerungsgruppen – einschließlich der Deutschen – identifizierten sich die Juden mit der Wiener Politik und Kultur. Viele von ihnen dienten als Beamte der Stadt- und Regionalverwaltung. Deutsch war keinesfalls nur eine Umgangssprache, sondern wurde auch die Sprache der Wissenschaft. Das änderte sich nach 1918, als die Bukowina eine rumänische Provinz wurde. Die neuen Herren betrieben nicht nur eine aggressive Rumänisierungspolitik, sie waren auch eher antisemitisch eingestellt und suchten Juden aus öffentlichen Ämtern zu vertreiben.
Rose Ausländer charakterisierte in ihren 1977 erschienenen „Erinnerungen an eine Stadt“ den intellektuell orientierten Teil ihrer Geburtsstadt so: „Weltfremdheit und Nichtbeachtung der umdüsterten Realität als Ausdruck des Lebens in einer als wesentlicheren Wirklichkeit empfundenen Welt der Ideen und Ideale. Bildhauer, Maler, Musiker, Dichter lebten, wenn sie keinem anderen Beruf nachgingen, von der Bewunderung ihrer Freunde und Mitbürger, die ihre Werke kauften, ihre Konzerte und Lesungen besuchten.“ Über die religiösen Juden ihrer Czernowitzer Jahre schrieb sie: „Die orthodoxen Juden waren Anhänger, Chassidim des einen oder anderen heiligen Rabbis. Die Dinge der praktischen Lebensführung waren ihnen unwichtig.“
Die sogenannten Assimilierten, zumeist Vertreter der jüdischen Mittel- und Oberschicht, hatten sich bereits 1877 einen Israelitischen Tempel gebaut. Hier wurde zwar eine traditionelle Liturgie zelebriert, aber der Rabbiner hielt seine Drascha (Predigt) auf Deutsch, und bei der Toralesung wandte er sein Gesicht der Gemeinde und nicht dem Torschrein zu. In diesem Reformtempel wirkte in jungen Jahren ein später berühmter Czernowitzer, der Operntenor Josef Schmidt (1904–1942). Als Kind war er erst Scham­mes (Synagogendiener), dann Mitglied des Synagogenchores. Schließlich wurde er zum Kantor des Tempels berufen. 1940, nach der sowjetischen Annektierung der nördlichen Bukowina infolge des Hitler-Stalin-Paktes, wurde diese große, repräsentative Synagoge geschlossen und 1941, als deutsche und rumänische Truppen in die Stadt einrückten, niedergebrannt. Erst 1959 wurde sie teilweise restauriert, heute dient sie als Kino und wird im Volksmund „Kinagoge“ genannt. Eine Tafel im Foyer erinnert an die ursprüngliche Bestimmung. Von einst über 70 Synagogen in der Stadt existiert einzig noch die „Neue Synagoge“ südöstlich vom Zentrum mit einem eigenen Rabbiner. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von den Sadigura-Chassidim errichtet.
Für die Vertreter der vormaligen Elite, darunter auch jüdische Unternehmer, Kaufleute und Verbandsführer, war der sowjetische Einmarsch 1940 mit Deportationen nach Sibirien verbunden. In den Jahren der deutsch-rumänischen Besatzung von 1941 bis 1944 wurde nahezu die ganze jüdische Bevölkerung von Czernowitz in Zwangsarbeits- und Vernichtungslager deportiert, fiel Massakern zum Opfer oder wurde nach Transnistrien getrieben und in Lagern und Ghettos dem Verhungern preisgegeben. Nicht viele Juden haben das überlebt. Paul Celan verlor seine Eltern. In dem Jahr nach der Befreiung durch die Rote Armee deutete er sein Erleben in seinem wohl bekanntesten Gedicht, der „Todesfuge“.
Czernowitz hat heute rund 260.000 Einwohner. Den verschiedenen Strömungen der jüdischen Gemeinde sind –
je nachdem wen man fragt – 1000 bis 2000 Menschen verbunden. 1989 bekannten sich bei der Volkszählung noch annähernd 16.000 Einwohner zum Judentum. Viele sind mittlerweile nach Israel, USA oder auch Deutschland ausgewandert. Allerdings kamen in der Sowjetzeit auch Juden aus anderen Sowjetrepubliken nach Czernowitz. Deshalb wird zuweilen spekuliert, ob es nicht vielleicht doch mehr Juden in der Stadt geben könnte als bislang bekannt.
Die älteren und zum Teil pflegebedürftigen Menschen werden von der Stiftung „Chessed Schuschanna“ betreut. Diese weitgehend vom „Joint“ finanzierte Einrichtung betreibt außerdem einen kleinen jüdischen Kindergarten. Eher Ältere spricht die „Neue Synagoge“ an. Darüber hinaus gibt es zwei Organisationen, die mehr junge Menschen erreichen. Schon länger fest etabliert ist Chabad. Vor sechs Jahren eröffnete die Bewegung eine moderne Synagoge mit einem koscheren Bio-Restaurant im Untergeschoss. Kaum 200 Meter weiter unterhält die Masorti-Bewegung ihre „Midreshet Yerushalayim“, ein Wohnzimmer-Lehrhaus für junge Leute auf zwei Etagen. An jedem Wochentag werden dort andere Veranstaltungen angeboten: Dazu gehören Themenbereiche wie Handarbeiten, Naturwissenschaften, Kochen, Theater und Malerei, aber auch Gruppenleiterkurse. Die Kabbalat Schabbat wird hier am Freitagabend mit einem festlichen Kiddusch begangen. Und am Sonntag wird Hebräisch gelernt sowie jüdische Tradition und Geschichte unterrichtet.
Es gibt auch in Nordamerika noch viele, die sich mit Czernowitz und der Bukowina verbunden fühlen. Dazu gehören die Anhänger und die große Familie derer, die dem als Zadik verehrten chassidischen Rabbiner Israel Friedmann von Ruschyn (1791–1850) folgen. Der „Boyaner Rebbe“, wie er auch genannt wurde, war überzeugt, aus der Linie König Davids zu stammen, und baute sich deshalb in Sadigura – heute ein Stadtteil von Czernowitz –
eine königliche Residenz mit einer prunkvollen Synagoge. In den letzten Jahren wurde sie wieder aufgebaut und Anfang Oktober dieses Jahres, zu Rosch Haschana 5777, wieder eingeweiht.
Mittlerweile entwickelt die Düsseldorfer Jüdische Gemeinde ins heute ukra­inische Tscherniwtzy wieder neue, vielversprechende Kontakte – sowohl zur jüdischen Gemeinde als auch zum Czernowitzer Gymnasium Nr. 1, das das deutsche Sprachdiplom vermittelt. Jetzt wurde auch eine Partnerschaft zwischen dem Gymnasium Nr. 1 und dem kürzlich gegründeten jüdischen „Albert-Einstein-Gymnasium“ in Düsseldorf vereinbart. Die Schirmherrschaft über diese Partnerschaft übernimmt der Zentralrat der Juden in Deutschland. Wie der Düsseldorfer Projektkoordinator, Matthias André Richter, berichtet, sind aber auch schon mehrere Mitglieder der Jüdischen Gemeinde an den Pruth gereist, um in Czernowitz nach ihren Wurzeln zu suchen. Umgekehrt konnten die Düsseldorfer auch schon Besucher aus Czernowitz am Rhein willkommen heißen.