16. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2016 | 29. Heshvan 5777

Die geretteten Lieder

Wie eine vom Sowjetregime beschlagnahmte Sammlung jiddischer Kriegslieder vor dem Vergessen bewahrt wurde

Von Polina Ivanova

Vor einigen Jahren, erinnert sich Anna Shternshis, fand sie ganz unverhofft einen Schatz. Und zwar keinen alltäglichen. Das kam so: Shternshis, außerordentliche Professorin für Jiddisch- und Diasporastudien an der Universität Toronto, hielt sich gerade in Kiew auf und führte im jüdischen Archiv der Wernadskij-Nationalbibliothek Recherchen für eine neue Publikation durch. Plötzlich trat eine ältere Archivarin an sie heran und zeigte ihr eine Sammlung loser, teils handgeschriebener, teils getippter Blätter auf Jiddisch. Zuerst ließ sich die junge Wissenschaftlerin nur ungern von ihrer Arbeit ablenken, dann aber erkannte sie die Bedeutung des Fundes: Es handelte sich um eine Sammlung jiddischer Lieder aus dem Zweiten Weltkrieg. Anders als etwa Partisanen- und Ghettolieder aus Polen, die in der Nachkriegszeit große Bekanntheit erreicht hatten – etwa die Partisanenhymne „Sog nit kejnmol as du gejst dem letztn Weg“ –, waren die in der Sow­jetunion in dieser Zeit entstandenen jiddischen Lieder völlig unbekannt.
Die von Shternshis entdeckte Sammlung besteht aus rund 70 Liedern. Einige von ihnen wurden von jüdischen Soldaten in den Schützengräben, andere von ins Innere der Sowjetunion geflüchteten oder evakuierten Juden, ein Großteil aber auf von Deutschland oder dessen rumänischen Verbündeten besetzten Gebieten geschrieben. So reichte die Motivpalette vom Kampf an der Front über das Dasein in der zentralasiatischen Evakuation bis hin zum Leben – und Sterben – unter der Besatzung. In der Sammlung finden sich auch Lieder, die das Schicksal verfolgter Juden in Transnistrien dokumentieren, demjenigen Teil der Ukraine, den Hitler Rumänien überlassen hatte und in dem Hunderttausende sowjetische und rumänische Juden ermordet wurden.
Gesammelt wurden die Lieder während und nach dem Zweiten Weltkrieg von dem jüdischen Musiker und Musikologen Moisej Beregowskij. Beregowskij gilt als der führende Sammler und Chronist jüdischer Musik auf dem Gebiet der Sowjetunion und hat im Laufe von zwei Jahrzehnten mehr als 2000 jid­dische Lieder auf Wachswalzen aufgezeichnet. Beim deutschen Überfall auf die Sowjetunion war er Leiter der Folkloreabteilung des Instituts für jüdische Kultur an der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften. Bevor Kiew im September 1941 von den deutschen Truppen besetzt wurde, konnte das Institut evakuiert werden. In der Evakuation begann Beregowskij, Lieder der Kriegszeit zu sammeln, sei es von Flüchtlingen, sei es von Soldaten, die sie ihm von der Front zuschickten. Nach der Befreiung der westlichen Gebiete der Sowjetunion sammelten Beregowskij und seine Mitarbeiter in unermüdlicher Feldarbeit weitere jiddische Lieder bei den wenigen dort überlebenden Juden – und zwar mit der Absicht, ein Buch mit jiddischen Kriegsliedern zu veröffentlichen.
Dazu kam es dann jedoch nicht. Der nach dem Krieg immer vehementere stalinistische Antisemitismus, die Zerschlagung jüdischer Kultur und die Ermordung eines Großteils der jüdischen Intellektuellen und Künstler durchkreuzten – neben vielen anderen Projekten – auch das von Beregowskij geplante Buch. Er selbst hatte „Glück“. 1949 wurde er vom sowjetischen Ministerium für Staatssicherheit zwar verhaftet, aber nicht hingerichtet und kam 1955 frei. Die Liedersammlung des Instituts wurde indessen beschlagnahmt und blieb selbst nach Beregowskijs Freilassung unter Verschluss – wohl passte sie dem Sowjetregime auch nach Stalins Tod nicht ins Konzept. Glücklicherweise blieb sie, sozusagen hinter Schloss und Riegel, erhalten, überlebte das Ende des „Vaterlands der fortschrittlichen Menschheit“ im Jahr 1991 und kam nun wieder ans Tageslicht.
Als Anna Shternshis die Sammlung sichtete – einem Teil Lieder lagen sogar Partituren bei –, wurde ihr klar, dass sich hier eine neue Dimension der Kultur- und Musikgeschichte während der Schoa erschloss, die der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden musste. Die Wissenschaftlerin wandte sich an den russisch-jüdischen Liedermacher und Chansonsänger Psoi Korolenko mit dem Vorschlag, einen Teil der Lieder zu einem Programm zusammenzustellen.
Gemeinsam wählten sie 30 Lieder aus. Viele von diesen spiegeln die grausame Zeit wider, in der sie entstanden sind: Sie sprechen von Leid, aber auch Kampf, von Rache und Hass. Andere wiederum sind ironisch oder humorvoll. Vielleicht, weil Humor eines der besten Hilfsmittel in Stresssituationen ist. Für Liedtexte, zu denen die Melodie fehlte, verwendete Korolenko Melodien aus seinerzeit beliebten jiddischen oder aus bekannten sowjetischen Liedern. In vielen Fällen wählte er Melodien aus, die aus seiner Sicht in einem Zusammenhang mit dem Genre, dem Thema oder dem Stil des Liedtextes standen. Auch unterlegte er Werke des sowjetischen Komponisten Alfred Schnittke.
Ein Jahr dauerte die Vorbereitung des Programms, das vor einem Jahr in Toronto zum ersten Mal aufgeführt wurde. In diesem Jahr stellten Shternshis und Korolenko den Liederschatz an den Universitäten Antwerpen und Düsseldorf sowie beim Weimarer Jiddisch-Festival „Weimar Yiddish Summer“ vor. Dabei erzählte Shternshis die Geschichte der Lieder, während Korolenko sie vortrug und sich selbst am Klavier begleitete.
Inzwischen wurde auch ein Album mit Liedern aus der Beregowskij-Sammlung aufgenommen. Unter dem Titel „Yiddish Glory“ soll es im Frühjahr 2017 veröffentlicht werden. Gespielt und vorgetragen werden die Lieder dort von namhaften Künstlern aus verschiedenen Ländern, darunter von der kanadischen Jazz-Sängerin Sophie Milman und dem Gründer des russischen Roma-Ensembles Loyko, Sergei Erdenko. Die Arbeit von Anna Shternshis und Psoi Korolenko stellt zugleich ein künstlerisches Denkmal für Moisej Beregowskij dar, der das Sammeln jiddischer Musik als seine Lebensaufgabe sah. Nun ist sichergestellt, dass sein Lebenswerk nicht in Vergessenheit gerät.
Die Aufzeichnung einer Sendung des kanadischen Rundfunks mit Yiddish-Glory-Liedern ist unter https://www.youtube.com/watch?v=3WBAHblpCAo aufrufbar.