16. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2016 | 29. Heshvan 5777

Zueinander finden

Der Bund traditioneller Juden und die Jüdische Gemeinde Osnabrück luden zu einem besonderen Wochenende ein

Von Heinz-Peter Katlewski

Vom 11. bis 13. November fand in Osnabrück ein besonderes Seminar der Jüdischen Gemeinde Osnabrück und des Bundes traditioneller Juden in Deutschland (BtJ) statt. Die Wochenendveranstaltung, zu der rund 80 Jugendliche und junge Erwachsene kamen, war nämlich, zum ersten Mal in Deutschland, als Teil des weltweiten, 2013 vom südafrikanischen Oberrabbiner Dr. Warren Goldstein gestarteten Shabbos-Projekts konzipiert. Bei dem Shabbos-Projekt – Shabbos ist die aschkenasische Aussprache von Schabbat – halten möglichst viele jüdische Gemeinden weltweit gleichzeitig den Schabbat ein. In diesem Jahr waren es schätzungsweise rund 1000 Gemeinden rund um den Globus. Wie gesagt, erstmals auch in Deutschland.
Michael Grünberg, Vorsitzender der Osnabrücker Gemeinde und des BtJ, hat beobachtet, dass gerade viele junge Juden ihr Judentum auf die eine oder andere Weise in ihren Alltag integrieren möchten. Deshalb war die Osnabrücker Veranstaltung nicht nur ein lokales Ereignis. Vielmehr wurden vor allem junge Leute aus ganz Deutschland zu einem besonderen Schabbat eingeladen.
Rebekka, eine Teilnehmerin aus Osnabrück, freute sich auf die Gemeinschaft mit anderen jungen Juden. Chaim aus Nürnberg lebt im Alltag nicht religiös, trotzdem wollte er mal wieder einen koscheren Schabbat erleben. Daniela aus Hannover hatte sich mit David aus Nürnberg verabredet. Sie kennen schon von einem anderen Ereignis. Katja kommt ebenfalls aus Hannover, und zwar aus einem gänzlich areligiösen Elternhaus, sie selbst, erklärte sie, teile diese Haltung nicht.
Gemeinsam mit den örtlichen Teilnehmern wurde ein traditioneller, vollständiger Schabbat gefeiert: angefangen vom Kerzenzünden vor Schabbatbeginn bis hin zur Hawdala, der feierlichen Verabschiedung des Ruhetages und dem Start in die neue Woche. Dazu gehörten das gemeinsame festliche Essen, die Gottesdienste, Vorträge und das gesellige Miteinander. Von Freitagabend an blieben Smartphone, Computer und Fernseher ausgeschaltet, die Arbeit blieb liegen und das Auto stehen. Für den Weg vom Hotel bis zum Gemeindezentrum bedeutete das knapp 20 Minuten Fußmarsch.
Das war aber nicht alles. Das Seminar war auch als eine Veranstaltung zum Kennenlernen für potenzielle Paare gedacht. Am späten Freitagabend wurden die Singles unter den Teilnehmern zu einem Speed-Dating eingeladen. 20 von ihnen wollten das mal ausprobieren und erfuhren nebenbei, dass diese Methode des ersten Kennenlernens eine jüdische Erfindung sei: Sie geht auf Rabbiner Yaacov Deyo von der orthodoxen Organisation AISH HaTorah zurück. Frauen und Männer sitzen sich dabei in zwei Stuhlreihen gegenüber, stellen sich kurz vor und befragen sich gegenseitig einige Minuten, um dann nach einer festgelegten Zeit das nächste Gegenüber kennenzulernen. Die Psychologin und Erwachsenenbildnerin Chana Silver, Mitarbeiterin von AISH HaTorah in Jerusalem, hatte in Osnabrück das Speed-Dating angeleitet, später im Programm zudem noch Kriterien für eine erfolgversprechende Partnerwahl vorgestellt.
Eine möglichst kostenfreie Partnervermittlung für jüdische Alleinstehende ist ein Anliegen, das der Bund traditioneller Juden schon länger verfolgt. Das Projekt BtJ-Match (www.btjmatch.de) war daher auch Mitveranstalter dieses Wochenendtreffens. Interessierte Juden können sich bei ihrer Partnersuche an diese Organisation wenden. BtJ-Match will aber nicht nur jüdische Ehen stiften, sondern darüber hinaus auch jüdisches Lernen fördern, betonte in Osnabrück Rabbiner Elias Dray, Leiter des Projektes BtJ-Match. Wer ein besonderes Interesse an bestimmten jüdischen Themen hat, kann einen Mentor vermittelt bekommen, mit dem er oder sie gemeinsam lernt.
Aus Jerusalem angereist war Mark Halawa, ein Jude, der einst als Palästinenser und Muslim in Kuwait aufgewachsen war, dann in Jordanien lebte, später aber entdeckte, dass alle seine mütterlichen Vorfahren, einschließlich seiner Mutter jüdisch waren. Als junger Mann kehrte er zum Judentum zurück und versucht heute, in der arabischen Welt ein anderes Israel-Bild zu vermitteln, als dort gemeinhin erzählt wird. Außerdem stellt er mit YouTube-Videos und Texten die palästinensische Geschichtsschreibung infrage.
Zu den Stars des Wochenendes gehörte zweifellos auch die aus sieben New Yorker Studenten bestehende Gesangsgruppe Y-Studs (www.ystuds.com). Alle sieben studieren an der Ye­shiva University, einer dem orthodoxen Judentum nahestehenden Universität, die religiöse Fächer ebenso wie Medizin sowie ein breites Spektrum an wirtschafts- und geisteswissenschaftlichen Studiengängen anbietet. Die Y-Studs begleiteten die Liturgie aller Gebete und Gottesdienste mit ihrem mehrstimmigen A-Capella-Gesang und gaben nach Schabbat-Ausgang ein umjubeltes Konzert.