16. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2016 | 29. Heshvan 5777

Hilfreich und erfolgreich

Am 13. November fand der vierte deutsche Mitzvah Day statt

Von Heinz-Peter Katlewski

„Eine gute Tat führt zur nächsten“ – unter diesem Motto stand der Mitzvah Day 2016. Alljährlich werden an diesem jüdischen Tag der guten Taten im November besondere Aktionen unternommen, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Daran beteiligen sich sowohl Gemeinden als auch Jugendgruppen sowie viele andere jüdische Organisationen in 22 Ländern – auch in Deutschland. „Aus Aktionen zum Mitzvah Day ist vielerorts eine kontinuierliche Hilfe geworden“, resümierte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, die Ergebnisse des deutschen Mitzvah Day am 13. November 2016. „Das zeigt, dass tatsächlich eine gute Tat zur nächsten führt.“
Seit vier Jahren koordiniert der Zentralrat diese Aktivitäten in Deutschland. 104 Aktionen in 42 Städten der Bundesrepublik wurden in diesem Jahr auf der Mitzvah-Day-Internetseite (www.mitzvah-day.de) verzeichnet. Besonders stark vertreten waren jüdische Gemeinden, die auch Kindergärten und Schulen unterhalten. Allein in Frankfurt am Main gab es 20 Mitzvah-Day-Initiativen, in Köln waren es 13, in München 9, in Berlin 8 und in Düsseldorf 7. Insgesamt nahmen rund 2000 Menschen an den guten Taten teil.
Die Aktivitäten waren in elf Projekttypen eingeteilt. Zur Gruppe der „Sachensammler“ gehörten die Aktionen in Mannheim. Das Jugendzentrum „Or Chadasch“ lud zu einer „Poker Charity Night“ ein, kassierte einen Euro Eintritt und nahm pro Chip 50 Cent. Mit dem erspielten Geld kauften die Freiwilligen Mehl und andere Zutaten und backten damit 60 Challot für die wohltätige „Mannheimer Tafel“. An einem Wochentag zuvor hatten sie einen Stand in einem Supermarkt aufgestellt und die Kunden motiviert, zusätzlich zu deren eigenem Bedarf ein Lebensmittel mehr zu kaufen und zu spenden. Nach acht Stunden waren 23 Kisten im Wert von rund 600 Euro randvoll gepackt und zusätzlich 150 Euro Spenden eingenommen. Noch am selben Tag wurde diese Sammlung von der Tafel abgeholt.
Für Bedürftige gesammelt wurde im Norden wie im Süden: Lebensmittel, Kleidung, Bücher, Nützliches aller Art. In die Kategorie „Aktiv“ eingeordnet wurde eine Aktion in Osnabrück. Bei ihr musste man ein Formular ausfüllen und einen Abstrich aus dem Mundraum zur Verfügung stellen. Dies war Teil einer Aktion zur Blutkrebsbekämpfung. Mit den Daten des Abstrichs kann festgestellt werden, ob der Teilnehmer für einen bestimmten Patienten als Knochenmarkspender und damit als Lebensretter infrage kommt. Der Vorschlag für diese Aktion kam es aus dem Kreis der Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Osnabrück. Eine Teilnehmerin war nach der Registrierung tatsächlich um eine Knochenmarkspende gebeten worden. Später hatte sie die Gelegenheit, den Empfänger kennenzulernen. Eine beglückende Erfahrung neben der guten Tat, die auch anderen zuteilwerden sollte.
In dieselbe Kategorie, „Aktiv“, fiel auch die Aktion „Weg zu uns“ der Liberalen Gemeinde „Perush“ in Oberhausen. Circa 80 Flüchtlinge aus arabischen Ländern fanden den Weg zum Friedensplatz. Während die Kinder durch Erzieherinnen betreut wurden, spielten und malten, hörten die Erwachsenen dem Gemeindechor zu. Die Texte wurden ins Arabische übersetzt, ebenso ein kurzer Vortrag über die Geschichte der Juden in Deutschland. Es scheint den Besuchern gefallen zu haben, jedenfalls war das der Eindruck der Mitzvah-Day-Aktiven. Zum Schluss sangen alle gemeinsam, wie die Gemeinde berichtete, „Hava Nagila“.
Flüchtlingskinder waren auch Gäste eines vorgezogenen Mitzwa-Day-Projekts am 2. November in den beiden Erstaufnahmelagern im hessischen Kassel. Gemeinsam organisierten das israelische Generalkonsulat für Süddeutschland und die Europäische Janusz Korczak Akademie in München einen Tag voller Lerninhalte und Spaß für rund 50 Kinder. Unterstützt wurden sie dabei vom Regierungspräsidium in Gießen, den Johannitern und dem Lizenzinhaber der Zeichentrickfilmfigur VIPO. Es wurden Spielzimmer für die Kleinen eröffnet und zwei besonders lehrreiche Folgen der Zeichentrickserie „VIPO – der fliegende Hund“ in einer arabischen, einer farsischen und einer deutschen Version gezeigt. Im Anschluss an die Folgen konnten die Kinder auf Vorlagen Charaktere der Serie malen, basteln und erhielten VIPO-Plüschtiere als Geschenk.
In den jüdischen Gemeinden von Frankfurt, Hof, Münster, Trier und an vielen weiteren Orten bastelten, musizierten und backten Kinder und Jugendliche für ältere Gemeindemitglieder. In der Bochumer Innenstadt putzte das Kinder- und Jugendzentrum ATID bei der „Putzaktion Stolpersteine“. Vor der Aktion, berichteten die Organisatoren, waren die Kinder von Madrichim auf diesen Tag vorbereitet worden. Im Mittelpunkt hatten die Geschichten von Bochumer Juden gestanden. An sechs Stationen in der Bochumer Innenstadt wurden die Stolpersteine in Ordnung gebracht. Ein Beispiel für die Reaktion der Kinder war der spontane Ausruf von Anna: „Oh, hier sind Mutter, Vater und zwei Kinder! Und ein Mädchen war zwölf Jahre alt, wie ich.“ Musikalisch begleitet wurde die Aktion vom renommierten Streichquartett Nodelmann.
Gedenken spielte auch bei den sogenannten Gummistiefel-Aktionen eine Rolle. In Bochum, Augsburg, Flensburg, Erfurt, Gelsenkirchen, Halle, Hamm und Wuppertal reinigten junge und weniger junge Mitzvah-Day-Aktivisten jüdische Friedhöfe, putzten Grabsteine und harkten Laub. In Dresden war der Mitzvah Day auf den 31. Oktober vorverlegt worden, weil dieser Tag in Sachsen ein Feiertag ist. Von morgens 9 Uhr bis kurz vor dem Dunkelwerden harkten etwa 40 Freiwillige auf dem Friedhof Kastanienlaub weg und entfernten Baumschösslinge von den Gräbern. Das Interesse für den Friedhofseinsatz sei in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, heißt es aus der Dresdner Gemeinde. Viele der heutigen Gemeindemitglieder machten sich dadurch mit der Geschichte der Juden in der Stadt vertraut. Dass dieser Einsatz im nächsten Jahr wiederholt wird, darüber war man sich bei einer Tasse Kaffee schnell einig.