16. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2016 | 29. Heshvan 5777

Aufbau und Dialog

In Frankfurt tagte die Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland

Am 27. November kam die Ratsversammlung, das oberste beschlussfassende Organ des Zentralrats der Juden in Deutschland, zu ihrer jährlichen Tagung zusammen. Die Tagung fand im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main statt.
Nach einer Begrüßung der Delegierten durch Rabbiner Dr. h.c. Henry G. Brandt, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz in Deutschland und Rabbiner Avichai Apel, Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbiner Konferenz Deutschland, ging Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster in seinem Bericht an die Ratsversammlung auf wichtige Entwicklungen des ablaufenden Jahres ein. Unter anderem betonte er die Bedeutung der anhaltenden Rabbinerausbildung und erwähnte in diesem Zusammenhang die diesjährigen Rabbinerordinationen des Rabbinerseminars zu Berlin und des Abraham Geiger Kollegs. Im Bereich jüdischer Bildung wies Dr. Schuster auf die Tatsache hin, dass ab Beginn dieses Schuljahres zwei neue jüdische Gymnasien - in Düsseldorf und in München - ihre Tätigkeit aufgenommen haben. Der Zentralratspräsident nannte zudem den vom Zentralrat organisierten Gesangswettbewerb Jewrovision und den Jugendkongress der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland als herausragende Ereignisse der Jugendarbeit.
Dr. Schuster berichtete über den Dialog, in dem der Zentralrat mit der Politik und anderen Akteuren des öffentlichen Lebens steht, und führte dazu konkrete Beispiele an. Wo dies angebracht sei, greife der Zentralrat in die öffentliche Debatte kritisch ein, doch sei ihm daran gelegen, die deutsche Öffentlichkeit auch und gerade über die positiven Aspekte jüdischen Lebens zu informieren. Dr. Schuster erwähnte zwei Auszeichnungen, die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel seit der letzten Ratstagung von jüdischen Einrichtungen erhalten hat: Den Abraham-Geiger-Preis des Abraham Geiger Kollegs und die Ohel-Jakob-Medaille in Gold der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Diese Auszeichnungen zeugten von dem Vertrauen, das die jüdische Gemeinschaft der Bundeskanzlerin entgegenbringe.
In der Aussprache, die dem Bericht des Zentralratspräsidenten folgte, brachten Delegierte der Ratsversammlung unter anderem ihre Sorgen über antisemitische Erscheinungen in sozialen Netzwerken und über antijüdische Stimmungen unter Flüchtlingen aus islamischen Ländern sowie über die Tätigkeit der antiisraelischen Boykottbewegung BDS zum Ausdruck. Der Zentralrat, erklärte Dr. Schuster, befasse sich mit diesen Problemen. Zugleich betonte er die Notwendigkeit des Dialogs mit Muslimen.
Als Gast der Ratsversammlung sprach der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit und Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Frank-Jürgen Weise, mit den Delegierten. Dabei kam es zu einem intensiven Gedankenaustausch über die aktuellen Herausforderungen in der Flüchtlingspolitik. Dr. Schuster erklärte, es sei wichtig, Flüchtlingen Werte wie Toleranz gegenüber Minderheiten, Religionsfreiheit und Gleichberechtigung von Mann und Frau zu vermitteln. Zu diesen Werten gehörten auch eine klare Absage an jede Form von Antisemitismus, die Anerkennung des Existenzrechts Israels und die Erinnerung an die Schoa. Eine erfolgreiche Integration der Flüchtlinge sei auch für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland unabdingbar. Frank-Jürgen Weise führte aus, der Respekt vor anderen Kulturen sei ein wesentliches Element einer modernen Demokratie. Ein intensiver Gedankenaustausch mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland, so Weise, sei ihm ein besonderes Anliegen.

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