10.11.2016

"Der Blick zurück mahnt uns, unsere Werte zu verteidigen"

Rede von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster beim Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938, Würzburg, 9.11.2016

Dr. Josef Schuster

Anrede,

seit der Pogromnacht von 1938 – als in ganz Deutschland und in Österreich Synagogen brannten, jüdische Geschäfte verwüstet wurden und tausende Juden verhaftet oder getötet wurden – seitdem sind 78 Jahre vergangen. Das ist für uns Nachgeborene eine lange Zeit. Die Geschehnisse dieser Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 sind sehr weit weggerückt. Die meisten von uns können sich nicht wirklich vorstellen, was damals passiert ist.

Deshalb spielen neben der historischen Forschung die Zeitzeugen so eine wichtige Rolle. Sie können aus eigenem Erleben die unfassbaren Ereignisse schildern.

Doch gerade in diesem Jahr ist uns wieder schmerzlich bewusst geworden, dass wir nicht mehr lange die Möglichkeit haben werden, Zeitzeugen zuzuhören. Denn in diesem Jahr sind sehr prominente Vertreter dieser Generation gestorben: Elie Wiesel, Fritz Stern, Max Mannheimer und Rabbiner Nathan Peter Levinson. Das waren Persönlichkeiten, die nicht nur bereit waren, von ihrem Schicksal zu erzählen. Sie waren darüber hinaus bereit zur Versöhnung und gingen nach dem Krieg auf die nicht-jüdischen Deutschen wieder zu. Sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, gerade jüngere Deutsche über die historischen Ereignisse aufzuklären.

Ich denke, bei Ihnen hier, sehr geehrte Damen und Herren, muss ich das unermüdliche Engagement von Max Mannheimer nicht extra erläutern. Ihnen allen ist bekannt, dass er bis ins hohe Alter Schulen besucht hat, um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Elie Wiesel hat uns beeindruckende Bücher über die Shoa hinterlassen, die bis heute tausende Leser finden. Und noch leben Zeitzeugen, die berichten können oder die uns, schlicht durch ihre Anwesenheit, an das erinnern, was geschehen ist. Es ist wichtig, dass wir uns um diese Menschen kümmern, sei es in Deutschland oder in Israel.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

angesichts der sinkenden Zahl an Zeitzeugen halte ich Gedenkfeiern an solchen Daten wie heute für umso wichtiger. Ebenso Gedenkorte. Zu Gedenkorten gehören aus meiner Sicht auch die Stolpersteine, die uns im Alltag immer wieder kurz innehalten lassen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir hier in Würzburg so engagierte Bürger haben, die sich für die Verlegung von Stolpersteinen einsetzen, engagierte Schulen, die Erinnerungsprojekte starten und eine Kommune, die diese Aktivitäten fördert.

Feste Gedenktage und Gedenkorte veranlassen uns dazu zurückzublicken, an die Menschen zu erinnern, die ermordet wurden und die Entwicklung seit damals in den Blick zu nehmen.

Wir leben heute in einem demokratischen und sozialen Rechtsstaat, in dem der Schutz der Menschenwürde an oberster Stelle steht. Wir genießen Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit. Minderheiten sind geschützt. Die Religionsfreiheit gehört zu unseren Grundrechten. Wir haben ein weitreichendes Antidiskriminierungsgesetz.

Ist das alles selbstverständlich?

Wir müssen nur ein paar Jahrzehnte zurückblicken, um zu erkennen, wie kostbar diese Errungenschaften sind.Dieser Blick zurück mahnt uns auch, diese Werte zu wahren und zu verteidigen. Und ich möchte deutlich unterstreichen: Die Menschen, die in großer Zahl bei uns Zuflucht suchen, gefährden unsere Demokratie nicht!

Mit einigen unserer Werte müssen sie sicherlich vertraut gemacht werden, weil sie aus ganz anderen Kulturen kommen. Dazu zählen aus Sicht des Zentralrats der Juden ganz wesentlich: Keine Akzeptanz für Antisemitismus sowie die Erinnerung an die Shoa.

Doch es gibt keinen Grund, wegen der Flüchtlinge einen Untergang des Abendlandes zu prophezeien oder vor einer sogenannten Überfremdung zu warnen. Und erst recht gibt es keinen Grund, und den gibt es niemals, gegen andere Menschen gewalttätig zu werden. All jenen, die seit Monaten Hass schüren gegen Minderheiten, die als Ziel haben, die Gesellschaft zu spalten, müssen wir ein klares Stopp-Schild entgegenhalten!

Das gilt vor allem mit Blick auf das Super-Wahljahr, das vor uns liegt. Wir haben 2017 quasi ständig Wahlkampf. In dieser aufgeheizten Stimmung gilt es daher, besonnen zu reden und zu handeln. Ich hoffe sehr, dass sich die etablierten Parteien nicht mit der AfD einen Wettstreit liefern werden um die schärfste Formulierung. Auch im harten Konkurrenzkampf um Wählerstimmen gibt es Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Ein menschenwürdiger, respektvoller Umgang miteinander sollte immer unsere Richtschnur sein.

Ebenso sollten wir die Waffen des Rechtsstaats aber auch nutzen und konsequent gegen jene vorgehen, die diese Grenzen nicht einhalten. Zu diesen Waffen zählen in meinen Augen eine Polizei und Justiz, die nicht auf dem rechten Auge blind sind. Dazu zählt ein Verbot der NPD. Dazu zählt die politische und finanzielle Unterstützung der vielen Initiativen gegen Extremismus. Nur wenn die demokratische Zivilgesellschaft an einem Strang zieht, können wir den Extremisten und Populisten wirksam etwas entgegensetzen.

Die Ereignisse in der Pogromnacht vor 78 Jahren führen uns drastisch vor Augen, was passieren kann, wenn Grundrechte über Bord geworfen werden und Zivilcourage fehlt. Wo waren die Bürger, die sich schützend vor jüdische Geschäfte gestellt haben? Wer hat geholfen, kostbare Kultgegenstände aus brennenden Synagogen zu retten? Warum haben so viele Menschen so bereitwillig beim braunen Terror mitgemacht?

Diese Fragen werden immer bleiben. Darüber nachzudenken, den Versuch zu machen, darauf Antworten zu finden, das ist für junge Menschen heutzutage genauso wichtig und genauso interessant wie vor 20 oder 30 Jahren.

Denn auch heute werden Synagogen und Moscheen angegriffen, Juden, die als solche zu erkennen sind, angepöbelt, und es wird gegen Ausländer gehetzt. Warum machen dabei so viele Menschen mit? Wer hilft einer Moscheegemeinde, die hässlichen Graffiti wegzuputzen? Wer stellt sich schützend vor einen Juden?

78 Jahre nach der Pogromnacht von 1938 sind wir alle hier aufgerufen, mit Zivilcourage für eine tolerante und solidarische Gesellschaft zu kämpfen. Das schulden wir den Menschen, die friedlich in unserem Land leben. Das schulden wir sechs Millionen Juden, die in der Shoa ermordet wurden.