26.10.2016

"Wir treten für Freiheit und Respekt ein"

Grußwort von Dr. Josef Schuster, Zentralratspräsident, beim Festakt anlässlich des 260-jährigen Bestehens des Jüdischen Krankenhauses Berlin, 26.10.2016

Präsident des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland hält man übers Jahr doch so einige Reden. Und häufig ist es so, dass von mir Erörterungen religiöser Fragen erwartet werden. Ich finde das durchaus spannend und mache das gern. Ich weise dann aber auch stets darauf hin, dass ich kein Theologe und kein Rabbiner bin. Sondern Arzt.

Sie können sich daher sicher vorstellen, dass ich der Einladung gerne gefolgt bin, heute bei Ihrem Rosch-Haschana-Empfang zu sprechen. Denn wenn Medizin und Judentum zusammentreffen, fühle ich mich gleich heimisch.

Es gibt übrigens auch eine Verwandtschaft zwischen einem Arzt und einem Zentralratspräsidenten. Und das ist die Rolle des Mahners.

In diese Rolle schlüpft wohl niemand gerne. Und doch, liebe Kolleginnen und Kollegen, kennen wir sie alle: Wir ermahnen unsere Patienten weniger zu rauchen, sich mehr zu bewegen, gesünder zu essen oder mehr zu schlafen.

Und als ich im November 2014 neu in das Amt des Zentralratspräsidenten gewählt worden war, habe ich gesagt, dass ich hoffe, weniger mahnen zu müssen. Und ich habe hinzugefügt, dass ich mir wenig Illusionen mache, dies könne gelingen. Diese Einschätzung hat sich als realistisch erwiesen.

Auch den Politikern unter den Gästen dürfte diese Rolle nicht fremd sein. Und gerade ein Jahreswechsel bietet sich ja bestens für Ermahnungen an. Zumal diese Zeit im Judentum eine Bußzeit ist. Also durchaus Anlass bietet, auch sich selbst zu ermahnen. Doch heute Abend werde ich diese Rolle einfach verweigern!

Das hat zwei Gründe: Erstens haben wir heute Anlass zu feiern: 260 Jahre Jüdisches Krankenhaus in Berlin. Und eine Jubiläumsfeier möchte ich nicht mit Ermahnungen befrachten. Zweitens ist es ja nun auch üblich, sich für das neue Jahr etwas zu wünschen. Wünsche habe ich einige. Diese Rolle gefällt mir auch viel besser.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

260 Jahre – das ist ein stolzes Jubiläum. Ich werde jetzt nicht die ganze Geschichte des Krankenhauses referieren. Schließlich können Sie alle lesen und brauchen nur einen Blick auf die Homepage des Jüdischen Krankenhauses zu werfen.

Aber ein paar Aspekte der Geschichte dieser Institution möchte ich dennoch hervorheben. Denn sie sind für die deutsch-jüdische Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen geradezu symptomatisch.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts zog das Jüdische Krankenhaus wegen Platzmangels in einen Neubau in die Auguststraße. Der Architekt Eduard Knoblauch gestaltete den Klinkerbau im klassizistischen Stil. Eduard Knoblauch war auch der Architekt der neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, die zu den schönsten und prächtigsten Synagogen in Deutschland zählte.

Das Jüdische Krankenhaus galt damals als eine der modernsten medizinischen Einrichtungen Deutschlands. Renommierte Mediziner trugen zu dem glänzenden Ruf des Hauses bei. Dazu zählten etwa der Pneumologe Ludwig Traube und mein Fachkollege, der Internist Hermann Strauß. Traube war übrigens der erste jüdische Mediziner der sich an der Berliner Universität habilitieren durfte.

Das hohe Ansehen, das diese jüdischen Mediziner genossen, die prächtigen jüdischen Bauten im Zentrum Berlins – all dies spiegelt die Emanzipation und zunehmende gesellschaftliche Partizipation und Akzeptanz von Juden in Deutschland wider. Das gilt übrigens auch für die Hochschule der Wissenschaft des Judentums, die in der heutigen Tucholskystraße ihren Sitz hatte. An dieser Hochschule lehrte der berühmte Rabbiner Leo Baeck, nach dem heute das Gebäude benannt ist und in dem Sie seit dem Regierungsumzug den Zentralrat der Juden finden.

Die Jahrhundertwende war die Blütezeit des deutschen Judentums. Diese Erinnerung macht stolz. Und sie schmerzt zugleich. Denn je intensiver wir uns diese Blütezeit vor Augen führen, desto schmerzlicher wird uns eben auch der Verlust bewusst, den das Judentum und Deutschland insgesamt durch die nationalsozialistischen Verbrechen erlitten haben.

Halten wir uns allein den Lebensweg von Hermann Strauß vor Augen: 1868 geboren, promoviert er 1890 in Berlin mit einer Arbeit über Hemiplegie. Schon im Alter von 27 Jahren wird er Oberarzt in der Charité. Er habilitierte, bekam eine außerordentliche Professur und wechselte 1910 als Chefarzt der Inneren an das Jüdische Krankenhaus. 1942, im Alter von 74 Jahren, wurde er nach Theresienstadt deportiert. Dort starb er nach zwei Jahren Lagerhaft.

Hermann Strauß steht exemplarisch für so viele jüdische deutsche Ärzte. Rund die Hälfte der jüdischen Ärzte emigrierte bis 1937. Von ihnen kehrten nach dem Krieg nur fünf Prozent nach Deutschland zurück. Und rund 2.000 deutsche jüdische Ärzte überlebten die Shoa nicht.

Das Jüdische Krankenhaus wurde in der NS-Zeit, so unglaublich das klingt, jedoch für viele Menschen auch zur Rettung. Einige jüdische Mediziner fanden dort noch eine Zeitlang ihr Auskommen, denn woanders durften sie nicht mehr praktizieren. Rund 800 bis 1.000 Menschen überstanden versteckt auf dem Klinikgelände die Nazi-Zeit.

Ich will beim Blick auf die Geschichte des Krankenhauses jedoch nicht bei der NS-Zeit stehen bleiben. Nach dem Krieg war die Jüdische Gemeinde zu Berlin so klein, dass sie nicht mehr allein ein Krankenhaus finanzieren konnte. Daher wurde die Klinik 1963 in eine Stiftung umgewandelt, deren Träger bis heute neben der Jüdischen Gemeinde auch das Land Berlin ist.

Auch dies war für die damalige Zeit symptomatisch. Die jüdische Gemeinschaft war sehr klein und ist erst durch die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion zu neuer Blüte gekommen. Inzwischen werden wieder in Deutschland Rabbiner ausgebildet, und es werden jüdische Gymnasien eröffnet. Es sind zarte Anknüpfungspunkte an die guten vergangenen Zeiten.

Die Geschichte des Jüdischen Krankenhauses ist ebenso wechselvoll wie die deutsch-jüdische Geschichte insgesamt. Wir können dennoch gemeinsam mit Stolz auf die lange Tradition der Klinik zurückblicken.

Heute versteht sich das Jüdische Krankenhaus als multikulturell und ist ein modernes Notfallkrankenhaus mit 350 Betten. Dennoch unterscheidet es sich von anderen Krankenhäusern: Wo sonst werden in einer Klinik die jüdischen Feiertage begangen? Wo sonst gibt es auf dem Klinikgelände eine Synagoge? Das macht dieses Krankenhaus zu etwas ganz Besonderem, was wir pflegen und unterstützen sollten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

dass sich das Jüdische Krankenhaus als multikulturell versteht, hat auch etwas mit seiner heutigen Lage zu tun. Es befindet sich im Wedding, wo sehr viele Muslime leben. Daher ist es mir wichtig, heute Abend auch ein paar Worte zur aktuellen politischen Lage zu verlieren.

Seit vielen Monaten beobachten wir mit großer Sorge die Hetze gegen Asylbewerber und häufig gegen den Islam insgesamt. Die Demonstrationen von Pegida und die abwertenden Äußerungen vieler AfD-Politiker tragen zu einer Spaltung unserer Gesellschaft bei. Die jüngsten Anschläge in Dresden haben uns drastisch vor Augen geführt, wohin diese Hassparolen im Extremfall führen. Deshalb möchte ich hier ganz deutlich unterstreichen: Die Abwertung und Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen ist absolut inakzeptabel! Gerade wir Juden wissen, was Vorurteile und pauschale Diffamierungen einer ganzen Gruppe bedeuten.

Daher müssen wir uns dieser Entwicklung unserer Gesellschaft entgegenstellen! Im Kleinen, in unserem Alltag, wo es manchmal einfach gilt, Zivilcourage zu zeigen und den Mund aufzumachen. Und im Großen, wo Vereine, Verbände, Kirchen und Religionsgemeinschaften für Werte wie Freiheit, Solidarität und Respekt eintreten müssen. Denn mit welcher Berechtigung wollen wir eigentlich von den Flüchtlingen erwarten, sich unseren Wertekanon anzueignen, wenn ihn die Deutschen selbst nicht vorleben?

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich hatte eingangs erwähnt, dass ich heute nicht mahnen möchte, sondern Wünsche aussprechen. Unser Land ist ein reiches Land. Ich kann Bundestagspräsident Norbert Lammert nur darin zustimmen, dass viele uns darum beneiden, hier zu leben. Ich wünsche mir, dass dies wieder mehr Menschen in unserem Land bewusst wird. Dass die Ängste zurückgehen und die Gelassenheit wächst. Ich wünsche mir zugleich, dass die Sorgen der Bürger von der Politik ernst genommen werden. Ich wünsche mir, dass wir nicht zwischen vermeintlich hellen und dunklen Teilen Deutschlands unterscheiden müssen. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen untereinander mit Respekt begegnen, vor allem gegenüber Minderheiten wie Muslimen und Juden. Ich wünsche mir ein friedliches Land ohne Terroranschläge. Für die jüdische Gemeinschaft wünsche ich mir Sicherheit.

Für uns alle wünsche ich mir Mut, Zuversicht und – ehrlich gesagt – Humor. Eine Prise jüdischen Humor, etwas weniger Verbissenheit – das könnte unserem ganzen Land gut tun.

Und wenn die Politik manchmal den Eindruck erweckt, sie sei am Ende ihrer Weisheit angekommen, dann kann uns vielleicht die Hirnforschung noch helfen.

Daher will ich jetzt nicht länger ihre Gehirnzellen strapazieren, sondern räume gerne das Rednerpult für Herrn Dr. Häusel.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!