16. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2016 | 26. Tischri 5777

Gipfelstürmer

Neue Ausstellung zeigt die Schicksale jüdischer Stars im deutschen Sport

Von Heinz-Peter Katlewski

Als vor 120 Jahren in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit veranstaltet wurden, waren auch jüdische Sportler dabei. Aus Deutschland zum Beispiel Alfred und Gustav Felix Flatow, beide Mitglieder von Berliner Turnvereinen. Die damals 27 und 21 Jahre alten Cousins verließen die Olympiade mit Gold und Silber an Barren und Reck.
An sie und 15 weitere jüdische Sportler aus Deutschland erinnerte kürzlich auf den Rheinterrassen hinter dem Deutschen Sport & Olympia Museum in Köln die Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach“. Die als Wanderausstellung angelegte Präsentation „Zwischen Erfolg und Verfolgung“ wurde vom Zentrum für deutsche Sportgeschichte, den Universitäten Potsdam und Hannover sowie dem Deutschen Sport & Olympia Museum in Köln entwickelt. Sie wendet sich aktiv an die Öffentlichkeit: In Köln, wo heute Jogger trainieren und Spaziergänger am Rhein flanieren, konfrontierten stabile Aufsteller die Passanten mit den Biografien jüdischer Sportstars, die einst für Deutschland angetreten sind.
Oder, in einem Fall, es noch vor kurzem taten, und zwar im Fall der Schwimmerin Sarah Poewe. 1983 in Kapstadt geboren, verbrachte Sarah Poewe drei Jahre ihrer Kindheit in Kiel. Als Tochter eines deutschen Vaters konnte sie ihre schon in Südafrika erfolgreiche Karriere in Deutschland noch erfolgreicher fortsetzen. Viermal nahm sie an Olympischen Spielen teil, 2004 gewann sie in Athen mit Anja Buschschulte, Franziska von Almsick und Daniela Götz die Bronzemedaille in der 4x100-m- Lagenstaffel. Übrigens hat die Schwimmerin auch aus einem anderen Grund Sportgeschichte geschrieben: Sie war das erste jüdische Mitglied der deutschen Olympia-Delegation nach 1945. 2012 beendete die studierte Kommunikationswissenschaftlerin ihre Sportkarriere. Sie lebt heute in Wuppertal und hat sich dort als persönliche Schwimmtrainerin selbstständig gemacht. Bei den Europäischen Makkabi-Spielen 2015 in Berlin engagierte sie sich als Schwimmpatin.
Keinen so freundlichen Verlauf nahm die Karriere jüdischer Sportler vor dem Zweiten Weltkrieg. Die 1914 im schwäbischen Laupheim geborene Gretel Bergmann wurde 1933 als Jüdin aus ihrem Sportverein ausgeschlossen. Sie emigrierte nach England, wurde dort 1934 britische Meisterin im Hochsprung und hoffte, 1936 für das Vereinigte Königreich an den Olympischen Spielen in Berlin teilnehmen zu können. Der Druck der Nazis auf die in Deutschland verbliebene Familie nötigte sie jedoch, nach Deutschland zurückzukehren. 1937 wanderte sie in die USA aus und wurde dort noch im selben Jahr sowohl im Hochsprung als auch im Kugelstoßen nationale Meisterin. 1939 hörte sie als aktive Sportlerin auf. 60 Jahre später kam sie erstmals wieder nach Deutschland und durfte erleben, wie in ihrer Geburtsstadt Laup­heim ein Gretel-Bergmann-Stadion eingeweiht wurde.
An Martha Jacob wiederum erinnert in Berlin seit 2014 ein kleiner parkähnlicher Platz in der Nähe des S-Bahnhofs Heerstraße. Die 1911 geborene Leichtathletin war schon als Fünfjährige Mitglied im jüdischen Turnverein Bar Kochba Berlin. Sie wuchs mit Turnen, Gymnastik und Tanz auf, später entdeckte sie ihr Talent für die Wurf- und Stoßsportarten. Bis 1934 beteiligte sie sich an Makkabi-Wettkämpfen in Deutschland. Im Trikot des Sport-Clubs Charlottenburg gewann sie 1929 die deutsche Meisterschaft im Speerwurf. Zwei Jahre später schloss sie einen Trainervertrag mit der britischen Frauennationalmannschaft, um deren Sportlerinnen auf die Olympischen Spiele 1932 in Los Angeles vorzubereiten. Als sie 1933 aus ihrem deutschen Verein ausgeschlossen wurde, setzte sie ihre sportliche Karriere in England und in Südafrika fort: zum Beispiel mit englischen Rekorden im Diskus- und Speerwurf und als südafrikanische Meisterin im Speerwurf.
Die Fechterin Helene Mayer gewann bei den Olympischen Spielen 1928 Gold und 1936 Silber für Deutschland. 1937 emigrierte sie in die USA, wurde Fecht-Weltmeisterin und achtmal US-Meisterin. Ein Helene-Meyer-Ring im Norden Münchens erinnert an sie, außerdem eine 1968 herausgekommene Sondermarke der Deutschen Bundespost. Der in Berlin geborene Ralph Klein flüchtete 1939 als Achtjähriger mit seiner Familie nach Ungarn. 1951 wanderte er nach Israel aus, wurde Basketballspieler bei Maccabi Tel Aviv und gewann mit dem Verein den Europa-Pokal. Ab 1983 war er drei Jahre lang Bundestrainer der deutschen Basketball-Nationalmannschaft.
Allerdings konnten sich bei weitem nicht alle jüdischen Sportstars vor den Nazis retten. Auch das wird in der Ausstellung deutlich. Der einstige deutsche Fußball-Nationalspieler und Deutsche Meister von 1910, Julius Hirsch, wurde in Auschwitz ermordet. So erging es auch den Turnern Alfred und Gustav Felix Flatow sowie den Brüdern Julius und Hermann Baruch aus Bad Kreuznach, beide Ringer und Gewichtheber mit internationalen Erfolgen. Lilli Hennoch, Leichtathletin, Hockey- und Handballspielerin, hatte zahlreiche deutsche Meisterschaften gewonnen und Weltrekorde aufgestellt – und wurde bei Riga ermordet.
www.juedische-sportstars.de