16. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2016 | 26. Tischri 5777

Der Kampf um das Recht zu kämpfen

Das Buch „Für Kaiser, Reich und Vaterland“ schildert die Geschichte jüdischer Soldaten in deutschsprachigen Armeen

Die Geschichte der Juden im Europa der Neuzeit ist über lange Strecken eine Geschichte des Kampfes um die Gleichberechtigung, die jüdischen Bürgern durch die Emanzipation formell zuerkannt, in der Praxis aber keineswegs immer zugestanden wurde. Das gilt auch für die Gleichberechtigung beim Wehrdienst: Ob bei Beförderungsmöglichkeiten, bei der Aufnahme in hoch angesehene Waffengattungen und Einheiten, ja selbst beim einfachen Dienst wurden Juden oft diskriminiert und schikaniert. Dass viele dennoch zu Rang und Ruhm gelangten, lag meistens an ihrem Mut und ihrer Beharrlichkeit.
Jetzt liegt erstmals ein umfassendes Buch vor, das die Geschichte jüdischer Soldaten in den deutschsprachigen Ländern aufzeigt. Unter dem Titel „Für Kaiser, Reich und Vaterland – Jüdische Soldaten. Eine Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute“ hat Michael Berger, Offizier der Bundeswehr, Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten und Militärhistoriker, eine Darstellung verfasst, die dieses Kapitel mit großem Detailreichtum erschließt. Dass sich die Betrachtung nicht nur auf Deutschland erstreckt, sondern auch die österreich-ungarische Monarchie beziehungsweise Österreich unter die Lupe nimmt und auch die Schweiz mitberücksichtigt, ermöglicht dem Leser interessante Vergleiche zwischen den einzelnen Ländern.
Der Beginn der Militärdienstpflicht für deutsche Juden fällt in die napoleonische Zeit. Die ersten deutschen Juden, die eingezogen wurden, so Berger, kamen aus den deutschen Staaten, die sich ab 1806 mit Frankreich verbündet hatten und aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ausgetreten waren. Die Konföderation dieser Staaten, der Rheinbund, zerfiel zwar schon 1813, doch gab sie den Anstoß zu zahlreichen Reformen. In Preußen dienten jüdische Wehrpflichtige in der Armee ab 1814, nachdem bereits zuvor zahlreiche jüdische Freiwillige an preußischen Kriegen teilgenommen hatten.
Die Leistungen der jüdischen Soldaten auf dem Schlachtfeld halfen in vielen Fällen bei der Überwindung der Vorurteile gegen „kampfunfähige Juden“ – etwa bei positiven Beurteilungen durch Vorgesetzte. Manchmal gingen solche Stellungnahmen ins Grundsätzliche, zuweilen in einem für heutige Tage eher seltsamen Stil. So schrieb der preußische Minister Leopold von Schrötter bereits im Jahr 1808: „Der Jude hat orientalisch-feuriges Blut und eine lebhafte Imagination. Alles Anzeichen einer männlichen Kraft, wenn sie benutzt und in Tätigkeit gesetzt wird. Er ist in der älteren und auch in der mittleren Zeit sehr tapfer gewesen, und man hat selbst in ganz neuerer Zeit, sowohl im amerikanischen als auch französischen Revolutionskriege, auffallende Beispiele von Juden gehabt, welche sich ausgezeichnet haben.“
Ihrerseits ergriff die jüdische Bevölkerung die Möglichkeit, für Deutschland zu kämpfen und damit – so hoffte man – die volle gesellschaftliche Integration zu erreichen. Das zeigen die im Buch abgedruckten Texte von Originaldokumenten wie etwa bei der Einsegnung jüdischer Freiwilliger aus Königsberg im Jahr 1813. Diese Texte belegen, wie sehr die jüdischen Soldaten und ihre Gemeinden das Bekenntnis zum jüdischen Glauben mit dem Bekenntnis zu Deutschland verbanden.
Mit der Anerkennung durch die nichtjüdische Umwelt haperte es dennoch gewaltig. Die Judenfeindschaft erschwerte den jüdischen Uniformträgern Beförderungen und Fortkommen, wofür das Buch ebenfalls zahlreiche Belege bringt. Diese Situation erzeugte bei vielen Juden eine innere Zerrissenheit, wenn nicht sogar Verzweiflung, schien doch nichts, was sie für ihr deutsches Vaterland taten, nicht einmal der Tod an der Front, ihnen zu der Anerkennung verhelfen zu können, die sie verdienten. Die Einzelschicksale, die das Buch schildert, vermitteln anschaulich die Schwierigkeiten, gegen die Juden in den deutschen Streitkräften zu kämpfen hatten.
Antisemiten ließen sich – man möchte sagen: selbstverständlich – auch nicht von Tatsachen beirren. So giftete Albrecht von Graefe, Reichstagsabgeordneter der Deutschkonservativen Partei, 1913, er kenne keine jüdischen Flieger, da dieser Dienst mit „steter Gefahr“ verbunden sei. „Wenn die Flugzeugapparate erst als Droschken ein bequemes und sicheres Fortbewegungsmittel sein werden“, so von Graefe, würden Juden „die meisten davon besitzen“. In Wirklichkeit waren unter den etwa 500 deutschen Piloten vor dem Ersten Weltkrieg, trotz der ihnen in den Weg gelegten Steine, mindestens 15 Juden, also drei Prozent oder mehr: dies bei einem im deutschen Kaiserreich zu verzeichnenden jüdischen Bevölkerungsanteil von 0,9 Prozent.
Einen Höhepunkt erreichte die Dissonanz zwischen dem Patriotismus der Juden und dem Antisemitismus großer Teile der Obrigkeit während des Ersten Weltkrieges. 100.000 deutsche Juden waren zu den Fahnen geeilt, viele von ihnen freiwillig. 77.000 kämpften an der Front, 12.000 waren bei Kriegsende gefallen. Dennoch versuchte das Reichskriegsministerium 1916 mit einer sogenannten Judenzählung „nachzuweisen“, Juden seien im Kampf unterrepräsentiert. Als die Zahlen das Gegenteil bewiesen, wurden sie geheim gehalten.
Auch in der Weimarer Republik wurde der Kriegsbeitrag der Juden von zahlreichen Parteien und Gruppierungen geleugnet; antisemitische Kreise schufen die Propagandalüge, an der Niederlage Deutschlands seien „die Juden“ schuld. Da halfen keine Nachweise des jüdischen Patriotismus. Die Antisemiten waren nicht davon beeindruckt, dass, um nur ein Beispiel zu geben, ein Feldrabbiner, Dr. Martin Salomonski, im letzten Kriegsjahr in einer Broschüre über die jüdische Seelsorge, also für jedermann nachzuschlagen, geschrieben hatte: „Mögen einzelne, mögen Tausende fallen, Deutschland wird leben, Deutschland muss leben! Amen!“
Der weitere Verlauf der Tragödie ist bekannt: Sofern sie sich nicht zur Emigration entschlossen hatten, wurden die jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges von den Nazis wie andere Juden verfolgt, verhaftet und ermordet. Doch nicht einmal das war dem NS-Regime genug: Vielmehr ließ es auch das Gedenken an jüdische Soldaten von den Ehrenmalen des Ersten Weltkrieges entfernen.
Die 1956 aufgestellte Bundeswehr klammerte die Leistungen früherer Generationen jüdischer Soldaten nicht aus. Ein 1935 erschienenes Buch mit Kriegsbriefen jüdischer Soldaten des Ersten Weltkriegs wurde im Auftrag von Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß neu aufgelegt und in der Truppe verteilt. Das Schicksal jüdischer Soldaten wurde auch historisch erforscht. Der Dienst von Juden in der Bundeswehr war aber keine Selbstverständlichkeit. Das Wehrpflichtgesetz stellte Juden von der Wehrpflicht frei, falls diese für sie eine besondere persönliche Härte darstellte. Dennoch gab es Juden, die die Bundeswehruniform anzogen. Einer der ersten war 1966 Michael Fürst, heute Vorsitzender des Landesverbandes jüdischer Gemeinden von Niedersachsen. Berger zeichnet diese Entwicklung nach und berichtet von der heutigen Situation, denn auch heute dienen Juden in der Bundeswehr – genauso freiwillig wie alle anderen Soldaten, wurde doch die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt.
Gesondert wird im Buch die Frage behandelt, wie erfolgreich sich die Bundeswehr, immerhin von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren gegründet, aus dem Schatten der Vergangenheit zu befreien vermochte. Wie Berger zeigt, gab es durchaus Versuche von Bundeswehroffizieren, die Wehrmacht als eine „reine“ Kampftruppe darzustellen, sie von der Schuld an den NS-Verbrechen freizusprechen und die Bundeswehr damit in eine „ungebrochene“ Traditionskette einzureihen – eine These, die heute eindeutig widerlegt ist.
Ein umfangreiches Kapitel des Buches ist der österreich-ungarischen Monarchie beziehungsweise Österreich gewidmet. Auf Anweisung von Kaiser Joseph II. wurde die Wehrpflicht im Jahr 1788 für die Juden der Vielvölkermonarchie eingeführt, nach seinem Tod 1790 teilweise oder vorübergehend ausgesetzt, während der Napoleonischen Kriege (1792 bis 1815) aber wieder umfassend erneuert. Für Juden wurde eine eigene Eidesformel eingeführt: „So wahr uns Gott durch die Verheißung des wahren Messias und Seines Gesetzes und die zu unseren Vätern gesandten Propheten zum Ewigen Leben helfen werde.“ Den Eid leisteten die jüdischen Soldaten auf die Tora.
Anders als in Deutschland standen jüdischen Militärs in Österreich-Ungarn keine grundsätzlichen Hindernisse bei der Offizierslaufbahn im Wege. Das Verhältnis der Armee zu ihren jüdischen Angehörigen war damit positiver als in vielen Bereichen des Zivillebens. Die Zahl jüdischer Soldaten stieg stetig. Vor dem Ersten Weltkrieg entsprach sie dem allgemeinen jüdischen Bevölkerungsanteil.
Die Toleranz des Militärs wurde in erheblichem Maße von der Monarchie vorgegeben. In den 1880er-Jahren erklärte Kaiser Franz Joseph I.: „Die ganze (antisemitische; Anm. d. Red.) Bewegung ist mir recht unsympathisch, und jetzt, nachdem die jüdischen Soldaten in den Jahren 1878 und 1882 so vieles Respektable geleistet, sogar peinlich … Dienen doch in meiner Armee mehr als 30.000 jüdische Soldaten! So mancher europäische Kleinstaat wäre stolz darauf, wenn er eine so starke Armee aufbringen könnte.“
Wohl gab es auch antisemitische Vorfälle, doch stellten sie, betont Berger, nicht die Politik der Armee dar. Das positive Verhältnis der Streitkräfte wussten die Juden hoch zu schätzen. Der jüdische Schriftsteller Moritz Frühling schrieb 1910, dass „es zur Ehre der österreichischen Kriegsverwaltung betont werden möge, dass unter allen staatlichen Ressorts unserer Doppelmonarchie sie die einzige ist, die von echt modernem und liberalstem Geiste den Mitbürgern gegenüber geleitet ist. Die Juden Österreich-Ungarns werden dem Geiste dieser ritterlichsten, kristallreinen Kriegsverwaltung auch immer Treue um Treue entgegenbringen.“
Im Verlauf des Ersten Weltkriegs dienten in der K.-u.-k.-Armee rund 300.000 Juden, 25.000 von ihnen waren Offiziere. Die Zahl der jüdischen Gefallenen belief sich auf mindestens 30.000. Zahlreiche Juden erhielten Militärauszeichnungen. Eines der bekanntesten Kriegslieder, das „österreichische Reiterlied“, stammte aus der Feder des Juden Dr. Hugo Zuckermann. Voller patriotischer Begeisterung dichtete er darin nach Kriegsausbruch unter anderem: „Wann kommt der Schnitter Tod/Um mich zu mähen?/Es ist nicht schad’!/ Es ist nicht schad’!/ Seh’ ich nur Habsburgs Banner wehen/Auf Belgerad.“ Im Herbst 1914 fiel Zuckermann an der Ostfront.
So anständig die K.-u.-k.-Monarchie ihre jüdischen Soldaten behandelt haben mag, so währte das Gute auch in diesem Fall nicht ewiglich. Nach dem Zerfall des kaiserlichen Österreich-Ungarn spielten Juden keine nennenswerte Rolle in dem kleinen Bundesheer der neuen österreichischen Republik. Dagegen mussten jüdische Weltkriegssoldaten, wie in Deutschland, gegen einen unverfrorenen Antisemitismus kämpfen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs von 1938 teilten die österreichischen Juden das Schicksal ihrer Glaubensgenossen in Deutschland. Schicksale von jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges während der NS-Zeit werden in dem Buch anhand einer Reihe von Beispielen dargestellt.
Weitaus weniger dramatisch – und damit für die Betroffenen weitaus leichter – gestaltete sich der Wehrdienst von Juden in der Schweizer Armee, die in dem Buch auch nur kurz gestreift wird. Zum einen blieb die moderne Schweiz von Kriegen verschont. Zum anderen war der Weg der Juden zur Gleichberechtigung auch in der Eidgenossenschaft zwar lang, aber ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Juden in die allgemeine Wehrpflicht einbezogen. Heute leisten jüdische Männer ihren Wehrdienst ohne Aufsehen und weitgehend ohne Probleme.
„Für Kaiser, Reich und Vaterland“ enthält auch historische Abstecher mit etwas lockererem Zusammenhang zum Hauptthema. Dazu gehört eine Darstellung der Teilnahme deutscher und österreichischer Juden am Spanischen Bürgerkrieg ebenso wie ein Diskurs über die Dreyfus-Affäre in Frankreich. Dagegen wird der Dienst von Juden in der Nationalen Volksarmee der DDR in der sonst so gründlichen Darstellung ausgeklammert. Gewiss war die Zahl der jüdischen Wehrpflichtigen im ostdeutschen Staat äußerst gering, doch ist das Thema historisch wichtig. Zudem waren auch den wenigen jüdischen NVA-Dienenden antisemitische Anfeindungen nicht fremd, obwohl die DDR sich selbst zur Vertreterin der antifaschistischen Kräfte Deutschlands erklärt hatte und jegliche Verantwortung für die Verbrechen des „Dritten Reiches“ weit von sich wies. Eine Ausleuchtung dieses Problemfeldes hätte das ebenso interessante wie wichtige Buch sinnvoll abgerundet.

Michael Berger: „Für Kaiser, Reich und Vaterland – Jüdische Soldaten. Eine Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute“, Orell Füssli Verlag, Zürich, 2015, ISBN 978-3-280-05585-4

wst