16. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2016 | 26. Tischri 5777

Disput im Retortenglas

Kann kultiviertes Fleisch koscher sein? Derzeit gibt es mehr Fragen als Antworten

Moderne Zeiten bringen vieles, das gewöhnungsbedürftig ist. Dazu gehört ganz sicher auch sogenanntes kultiviertes Fleisch – Fleisch, das nicht von geschlachteten Tieren stammt, sondern auf der Grundlage tierischer Zellen im Labor mit Methoden der Gewebezüchtung erzeugt wird und für den menschlichen Verzehr bestimmt ist. Gegenwärtig befindet sich diese Technologie im Entwicklungsstadium, doch rückt der Zeitpunkt, in dem das Steak aus der Retorte auf unserem Teller landet oder zumindest landen kann, immer näher.
Für viele Menschen ist Essen aus dem Labor – gelinde ausgedrückt – nicht gerade Appetit anregend. Auf der anderen Seite können sich gerade manche Vegetarier und Veganer vorstellen, Speisen aus gezüchtetem Fleisch zu sich zu nehmen – jedenfalls diejenigen Veganer, die Fleisch heute aus Gründen des Tierschutzes meiden. Schließlich, so ihr Argument, kämen bei kultiviertem Fleisch keine Tiere zu Schaden.
All diese Fragen beschäftigen, versteht sich, auch jüdische Verbraucher. Aus jüdischer Sicht kommt aber ein weiteres Anliegen hinzu: Ist gezüchtetes Fleisch koscher? Diese Frage taucht in vielen jüdischen Diskussionsforen auf und wurde bereits von einer Reihe von Rabbinern angesprochen. Allerdings sind rabbinische Stellungnahmen so unterschiedlich, wie sie vorsichtig sind. Beispielsweise gibt es die Auffassung, dass gezüchtetes Fleisch gar kein Fleisch im Sinne der Halacha ist. So stellte etwa die israelische Firma SuperMeat, die Methoden zur Kultivierung von Hühnerfleisch entwickelt, dahin gehende Stellungnahmen von zwei prominenten israelischen Rabbinern, Dov Lior und Juwal Cherlow, ins Internet. Nach Auffassung der beiden Schriftgelehrten sind einzelne Zellen, die einem Huhn entnommen wurden, nicht als Fleisch zu betrachten. Daher sei auch das aus ihnen gewonnene Produkt kein Fleisch im Sinne der Kaschrut, sondern parve (weder fleischig noch milchig), auch wenn es biologisch betrachtet mit dem Fleisch echter Hühner identisch sei.
Der Direktor der Kaschrut-Abteilung der einflussreichen jüdisch-amerikanischen Organisation Orthodox Union, Rabbiner Menachem Genack, hat sich übrigens vor drei Jahren gegenüber der Tageszeitung Jerusalem Post ebenfalls in diesem Sinne geäußert. Ein Jahr später führte er aus, gezüchtetes Fleisch sei nur ein Derivativ von echtem Fleisch.
Indessen gibt es nicht minder gewichtige Stimmen, die gezüchtetes Fleisch keineswegs als parve ansehen. Differenzen kann es auch innerhalb ein- und derselben Organisation geben. So etwa erklärte der Direktor des operativen Geschäfts der Kaschrut-Abteilung der Orthodox Union, Rabbiner Moshe Elefant, gegenüber der Nachrichtenagentur JTA, Laborfleisch sei Fleisch. Auch Rabbiner Israel Rosen, Direktor des israelischen Zomet Instituts, das Halacha und Technologie miteinander in Einklang bringen will, vertritt die Auffassung, Laborfleisch sei Fleisch. Natürlich müsse es, wie alle koscher zertifizierten Nahrungsmittel, unter rabbinischer Aufsicht erzeugt werden.
Indessen gilt es noch weitere Fragen zu beantworten. Bekanntlich muss gewöhnliches Fleisch nicht nur von einem an sich koscheren, sondern auch von einem koscher geschlachteten Tier stammen. Was aber, wenn das Rindfleisch aus dem Labor und damit nicht direkt von einem wiederkäuenden Paarhufer kommt? Ein Tier, das es nie gegeben hat, kann logischerweise auch nicht geschlachtet werden.
Um sich dieser Frage zu nähern, zitierte Rabbiner Yehuda Shurpin aus der texanischen Synagogengemeinde Bellaire auf der Website der Chabad-Bewegung zwei Geschichten aus dem Talmud (Traktat Sanhedrin). In der ersten bezeichnet Rabbi Abbahu jedes Tier, das durch ein Wunder vom Himmel kommt, und sei es in der Gestalt eines Esels, als verzehrfähig – dies nach dem Grundsatz „Ejn Dawar tame jored miha-Schamajim“ (Kein unreines Ding kommt vom Himmel herab). In der zweiten Geschichte geht es um zwei Gelehrte, Rabbi Chanina und Rabbi Oschaia, die ein Tier durch das Studium des heiligen Textes „Sefer Jetzira“ (Buch der Schöpfung) erzeugten und aßen.
Der bedeutende, 1565 in Prag geborene Rabbiner Jeschajah Halevi Horowitz, so erklärt Rabbiner Shurpin, habe die Meinung vertreten, ein solches Geschöpf sei kein echtes Tier und müsse nicht im Einklang mit den Regeln der Schchita geschlachtet werden. Allerdings, so Shurpin, sei der Status von Retortenfleisch damit noch lange nicht gelöst. Schließlich könne dieses nicht einfach per Analogie mit dem Fleisch eines im Talmud erwähnten Wundergeschöpfs gleichgesetzt werden.
Es gibt auch ein weiteres Problemfeld: Sind die für Gewebezucht entnommenen Zellen als Organ eines Tieres zu betrachten? Bekanntlich ist der Genuss von Teilen eines lebenden Tieres nach dem Judentum streng untersagt. Dieses Verbot wurde für so grundlegend erachtet, dass es sogar in die für die gesamte Menschheit geltenden sieben Noachitischen Gebote aufgenommen wurde. Bei dieser Betrachtung dürften für die Erzeugung von koscherem Zuchtfleisch nur Zellen von koscher geschlachteten Tieren verwendet werden.
In einem sind sich die Experten einig: Gegenwärtig lassen sich die zahlreichen Fragen zum kultivierten Fleisch nicht abschließend beantworten. Klar ist aber auch, dass die Debatte für Millionen von Juden hochgradig relevant ist. Mit der Entwicklung von Laborfleisch soll schließlich nicht nur der Wissenschaft und dem Tier- oder Umweltschutz gedient werden. Vielmehr soll dabei möglichst vielen Menschen gesundes und preiswertes Fleisch angeboten werden.
Bei der jetzt angelaufenen halachischen Debatte geht es darum, ob und unter welchen Bedingungen auch auf Kaschrut achtende Juden Zugang zu dieser Ernährungsrevolution erhalten. Dabei wird es mit Sicherheit noch viele Debatten und möglicherweise auch unterschiedliche Schlussfolgerungen geben: Das freilich ist im Judentum schon seit Jahrtausenden üblich.

wst