16. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2016 | 26. Tischri 5777

Vorsichtshalber

Britische Juden an Pässen anderer EU-Länder interessiert

Angesichts des bevorstehenden Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union machen sich viele Briten Sorgen. Manche versuchen, jetzt schon zusätzlich zur britischen Staatsangehörigkeit auch die Staatsangehörigkeit eines anderen EU-Landes zu erlangen: in den meisten Fällen nicht um auszuwandern, sondern um sich vorsichtshalber freien Zugang zur EU zu sichern.
Dazu gehören auch Juden. Im September berichtete die Hannoversche Allgemeine Zeitung, seit der Brexit-Abstimmung erhalte die deutsche Botschaft in London vermehrt Anfragen britischer Bürger mit deutschen Wurzeln, die Interesse an einem deutschen Pass hätten. Unter ihnen befänden sich mehrere Hundert Juden.
Grundsätzlich ermöglicht eine Bestimmung des deutschen Grundgesetzes nicht nur ehemaligen Deutschen, die seinerzeit vor den Nazis geflüchtet sind, sondern auch ihren Nachfahren die Einbürgerung in der Bundesrepublik. In Artikel 116 (2) des Grundgesetzes heißt es: „Frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge sind auf Antrag wieder einzubürgern.“
Bekanntlich handelte es sich beim größten Teil der Ausgebürgerten um Juden. Somit hat ein nicht unerheblicher Teil der heute rund 280.000 britischen Juden Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit, hatten doch rund 40.000 deutsche Juden – die Schätzungen variieren – nach der Machtergreifung durch die Nazis Aufnahme in Großbritannien gefunden.
Aus Portugal wurde nach dem Brexit-Beschluss ebenfalls jüdisches Interesse an der Einbürgerung vermeldet. Nach portugiesischem Recht können Abkömmlinge sefardisch-portugiesischer Juden, die nach 1496 aus dem Land vertrieben wurden, die portugiesische Staatsangehörigkeit beantragen. Das ist der Fall, wenn sie eine auf Tradition beruhende Verbindung zu Portugal nachweisen können, beispielsweise durch Familiennamen. Ob eine solche Verbindung vorliegt, wird im Auftrag der Regierung von den jüdischen Gemeinden in Lissabon und in Porto geprüft. Bis Mitte 2016 wurden auf diese Weise mehr als 500 Juden eingebürgert, vor allem Israelis. Dann aber teilte die Gemeinde von Porto mit, 300 Anträge aus Großbritannien erhalten zu haben, wo zahlreiche Nachfahren der vor einem halben Jahrtausend von der Iberischen Halbinsel vertriebenen Juden leben.
Grundsätzlich gibt es auch weitere EU-Länder, in denen der eine oder andere britische Jude die Einbürgerung beantragen könnte. Leicht ist das aber nicht immer. So ermöglicht auch Spanien die Einbürgerung von Sefarden, fordert aber spanische Sprachkenntnisse. Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg haben nicht wenige polnische Juden ihren Wohnsitz in Großbritannien genommen, wobei aber die Einbürgerung in Großbritannien in der Regel den Verlust der polnischen Staatsangehörigkeit nach sich zog. Wie viele Briten, inklusive Juden, einen weiteren Pass beantragen werden, muss sich in jedem Fall erst zeigen.

wst