16. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2016 | 26. Tischri 5777

Mit neuen Kräften

In Frankfurt fand die fünfte Ordination des Berliner Rabbinerseminars statt

Von Heinz-Peter Katlewski

Eine Routineangelegenheit ist eine Rabbinerordination nie. So war auch die Ordinationsfeier des orthodoxen Rabbinerseminars zu Berlin, die am 26. September in Frankfurt am Main stattfand, alles andere als Routine, wenngleich das Berliner Seminar bereits zum fünften Mal seit 2009 seinen Absolventen das Rabbinerdiplom überreichen konnte. Allerdings gab es auch eine Premiere: Zum ersten Mal fand die Ordinationsfeier, zu der das Rabbinerseminar und der Zentralrat der Juden in Deutschland eingeladen hatten, in Frankfurt statt, genauer: unter der Kuppel der prächtigen Westend-Synagoge. Verstärkt durch die grellen Kameraleuchten der Fernsehsender glänzte der Raum an diesem Tag intensiv in gelb-goldenen und blau-silbernen Farben.
Prof. Dr. Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und ehemaliger Vizepräsident des Zentralrates, konnte in der Synagoge den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier sowie zahlreiche Repräsentanten aus Politik, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften begrüßen. Neben dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, waren weitere prominente Vertreter des jüdischen Lebens dabei, unter ihnen der Dekan des Rabbinerseminars, Dajan Chanoch Ehrentreu, der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, Rabbiner Pinchas Goldschmidt, sowie Rabbiner Joshua Spinner, geschäftsführender Vizepräsident der Ronald S. Lauder Foundation. Parallel zum Zentralrat ist die Stiftung sowohl finanziell als auch ideell der wichtigste Träger des Rabbinerseminars.
Dr. Schuster bekundete tiefen Respekt für die neu ordinierten Rabbiner. Er selbst, bekannte der Zentralratspräsident, hätte in dem Alter, in dem die neuen Absolventen einer ganzen Gemeinde als geistliches Vorbild dienen müssten – Ende zwanzig oder Anfang dreißig Jahre –, weiche Knie gehabt. In seiner Rede bedachte er auch die Ehefrauen der Rabbiner, die ihren Männern als Rebbetzinnen im Alltag Rückhalt gewährten und selber Aufgaben in der Gemeinde übernähmen. Mal gehe es darum, eine Frau das erste Mal in die Mikwe zu begleiten, mal solle die Rebbetzin Rat für die Führung eines koscheren Haushalts geben oder bei Hunderten weiterer kleiner und großer Fragen des jüdischen Alltags helfen.
Die Ordination neuer Rabbiner für jüdische Gemeinden in Deutschland bedeute, betonte Prof. Dr. Korn, dass die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft auf deutschem Boden nicht infrage gestellt werde. Ministerpräsident Bouffier begrüßte die Ordination, weil die Ausbildung von Rabbinern einen wichtigen Beitrag zu Wiederbelebung jüdischer Tradition in Deutschland darstelle. Zudem sei die Kompetenz der Rabbiner für den interreligiösen Dialog ungemein wichtig.
Dajan Chanoch Ehrentreu, heute 84 Jahre alt, freute sich, dass in seiner Geburtsstadt Frankfurt orthodoxe Rabbiner ordiniert wurden und er ihnen ihre Urkunden überreichen konnte. Als Kind habe er hier die „Reichskristallnacht“ erlebt und gesehen, wie die Torarollen auf die Straße geworfen und verbrannt worden seien. Er hatte danach mit seiner Familie Deutschland verlassen und war in England zu einem der führenden Rabbiner der United Synagogue geworden. „Das physische Buch haben sie vernichtet“, betonte Ehrentreu, „aber der Geist, der in ihm enthalten ist, bleibt ewig“. Den jungen Rabbinern obliege es nun, ihre Gemeinden mit Buch und Geist vertraut zu machen. Für die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) hieß Vorstandsmitglied Rabbiner Avichai Apel die neuen Kollegen herzlich willkommen.
Der jüngste der drei Neuen, Benjamin Kochan, wurde 1988 im äußersten Osten Russlands in der Hafenstadt Magadan geboren. Bereits seit einem Jahr hat er die geistige Leitung der Jüdischen Gemeinde Erfurt inne und bekleidet zugleich das Amt des Landesrabbiners von Thüringen. Auch der 34-jährige Nossan Kaplan dient bereits seit 2015 im niedersächsischen Osnabrück. In Prypjat geboren, heute wegen der Nähe zu Tschernobyl eine Geisterstadt, lebte Kaplan später ein Jahr in Israel und kam dann nach Deutschland. Heute ist er Assistenzrabbiner von Avraham Radbil, dem Gemeinderabbiner von Osnabrück. Übrigens war Rabbiner Radbil 2009 einer der ersten Absolventen, die ihre Smicha vom Berliner Rabbinerseminar erhielten. Nossan Kaplan hatte vor seinem Studium für das Rabbinat seinen Abschluss als Technischer Informatiker gemacht.
Der Dritte im Bunde, der 30-jährige Jochanan Guggenheim, ist als Assistenzrabbiner für Leipzig vorgesehen. Vor seinem Rabbinatsstudium hat er zehn Jahre in Israel gelebt, dort in einem religiösen Internat sein Abitur gemacht, dann an einer höheren Talmudhochschule studiert, sich zum Sofer (Toraschreiber) ausbilden lassen und auch in der israelischen Armee gedient. Von Israel aus führte ihn sein Weg direkt auf die Studienbänke des Bet ha-Midrasch (Lehrhaus) in der Berliner Brunnenstraße.