16. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2016 | 26. Tischri 5777

Aus den Gemeinden – Jüdisches Leben

Treffen

Vor Rosch Haschana empfing Papst Franziskus I. im Vatikan eine Delegation des Jüdischen Weltkongresses (WJC) mit dem WJC-Präsidenten, Ronald S. Lauder, an der Spitze. Während des Treffens erklärte Franziskus I., ein guter Christ könne kein Antisemit sein. Der Papst betonte auch, es sei wichtig, dass Christen und Juden gemeinsam gegen die Brutalität in der Welt Stellung bezögen. Der Papst wünschte allen Juden ein gutes neues Jahr. WJC-Präsident Lauder schloss sich dem Friedensaufruf des Papstes an.

München

Die Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition verlieh Ende September die Simon-Snopkowski-Preise 2016. Die Preise werden für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Erforschung der jüdischen Geschichte und des Holocaust in Bayern zuerkannt. Den ersten Preis erhielt die Dietrich-Bonhoeffer-Realschule Neustadt an der Aisch für ihren dokumentarischen Film „Stolpersteine“. Das Schicksal ehemaliger jüdischer Schüler, die 1934 von der Schule verwiesen wurden, veranlasste die Schüler, die Geschichte ihrer Stadt im Nationalsozialismus in einem Dokumentarfilm festzuhalten.
Den zweiten Preis teilten sich das Dossenberger-Gymnasium Günzburg für sein Projekt „Lernzirkel Judentum“ und die Willi-Ulfig-Mittelschule Regensburg für ihr Unterrichtsprojekt „Was Juden heilig ist – Lernen an religiösen Artefakten“. Den Ehrenpreis erhielt in diesem Jahr der Bayerische Rundfunk für seine „herausragenden Verdienste auf dem Gebiet der Förderung des Verständnisses für das Judentum im Allgemeinen, der Vermittlung politischen Zeitgeschehens und für seinen nachhaltigen Beitrag zur Erinnerungskultur“.
Die Laudatio hielt bei der Verleihungszeremonie der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Dr. Josef Schuster.
Dr. Schuster wandte sich an die Schüler und erklärte, für ihn sei es die größte Freude, wenn junge Menschen Brücken zwischen damals und heute sowie zwischen den Religionen und Generationen bauten. Die Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition war im Jahr 1981 auf Initiative von Dr. Simon Snopkowski im Einvernehmen mit der Bayerischen Staatsregierung gegründet worden, um kulturelles jüdisches Leben in München und Bayern wieder präsenter werden zu lassen.

Kooperation

Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und der Verein für demokratische Kultur (VDK) in Berlin haben eine Kooperationsvereinbarung zur Bekämpfung antisemitischer Vorfälle unterzeichnet. Im Rahmen der anvisierten Zusammenarbeit soll Opfern judenfeindlicher Taten geholfen werden, über das von ihnen erlebte Geschehen zu berichten und Anzeige zu erstatten. Zu diesem Zweck sollen unter anderem Mitarbeiter jüdischer Gemeinden darin geschult werden, Betroffenen zu helfen.
Der Direktor der ZWST, Benjamin Bloch, erklärte, es sei besorgniserregend, dass Juden in Deutschland auch heute antisemitischen Vorfällen ausgesetzt und auf Hilfe angewiesen seien. Marina Chernivsky, Leiterin des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment der ZWST, betonte, jüdische Gemeinden und Betroffene sollten über antisemitische Vorfälle in einer für die deutsche Zivilgesellschaft sichtbaren Form berichten.

Heidelberg

In Heidelberg wurde ein neuer jüdischer Friedhof eingeweiht. Der Friedhof hat eine Fläche von 4000 Quadratmetern. Er musste wegen der steigenden Mitgliederzahlen der jüdischen Kultusgemeinde Heidelberg angelegt werden. Gegenwärtig zählt die Gemeinde rund 470 Mitglieder. Der badische Landesrabbiner Moshe Flomenmann erklärte bei der Einweihung die grundlegende Bedeutung, die das Judentum der religionsgerechten Beisetzung Verstorbener beimisst. Gemeinderabbiner Janusz Pawelczyk-Kissin führte aus, der neue Friedhof sei der vierte jüdische Friedhof in der Stadt. Der erste wurde gegen Ende des 14. Jahrhunderts nach der Vertreibung der Juden zerstört, der zweite wurde 1701 und der dritte 1876 angelegt. Juden hatten nachweislich ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in der Umgebung von Heidelberg, spätestens ab 1300 auch in der Stadt selbst gelebt. Bei der Friedhofseinweihung sprachen auch Bürgermeister Wolfgang Erichson und Vertreter der christlichen Kirchen. Nun hofft die Gemeinde, an dem neuen Friedhof auch eine Trauerhalle errichten zu können.