16. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2016 | 26. Tischri 5777

Wege zum Ziel

Das Gedenken an Opfer des NS-Regimes spielt eine wichtige Rolle für die deutsche Gesellschaft

Von Josef Schuster

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist zu einem festen Bestandteil der politischen Kultur in Deutschland geworden. Wohl gibt es Menschen, die dieses Gedenken in die Rumpelkammer der Geschichte verbannen möchten, doch sind sich die demokratischen Kräfte darüber einig, dass die Gedenkkultur eine wichtige Aufgabe der deutschen Gesellschaft ist und bleibt. Umso wichtiger ist es, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Gedenkarbeit künftig aussehen sollte.
Wohl unbestritten ist, dass Gedenken nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen der Menschen erreichen muss – auch und gerade der jüngeren Generation. Dafür sind über Etats und Sachmittel hinaus auch Einfühlungsvermögen und innovatives Denken erforderlich.
Ein Einheitskonzept für Gedenkarbeit kann es wohlgemerkt nicht geben. Ebenso ist klar, dass es zu manchen Fragen Meinungsdifferenzen gibt und weiterhin geben wird. Diese sollten aber nicht spaltend wirken, solange wir uns über die Ziele einig sind: den Opfern der nationalsozialistischen Mordmaschinerie ein ehrendes Andenken zu bewahren, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und sie den kommenden Generationen zu vermitteln. Unter diesem Vorzeichen können unterschiedliche Auffassungen und Ideen bereichernd wirken.
Ich persönlich setze mich seit langem für Gedenkstättenbesuche von Schülern ein. An den authentischen Orten können junge Menschen auch heute noch die Dimension der NS-Verbrechen viel besser erfassen als aus dem Schulbuch. Empathie mit den Opfern und Verantwortungsbewusstsein entstehen nicht anhand nackter Zahlen. Eine individuelle Auseinandersetzung mit der Nazizeit gelingt besser dort, wo die Verbrechen der Nationalsozialisten geschahen.
Eine moderne und angemessene Form der Erinnerung sind meiner Meinung nach die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. Die Stolpersteine überraschen uns mitten im Alltag, machen für jedermann sichtbar: Die Juden, die im Nationalsozialismus entrechtet, verfolgt und ermordet wurden, hatten ganz normal mitten in der Stadt gelebt. Sie verschwanden, und die wenigsten ihrer Nachbarn interessierten sich dafür wohin. Die Stolpersteine regen zum Nachdenken und Nachfragen an. Zu dem Projekt gehört auch die Recherche, die der Verlegung eines Steins vorausgeht. Mir ist klar, dass es zu Stolpersteinen unterschiedliche Meinungen gibt. Beispielsweise hat sich die Stadt München für eine andere Form des Gedenkens entschieden. Das kann ich akzeptieren; Gedenkideen haben keinen Alleinvertretungsanspruch.
Selbst feste Gedenktage stoßen inzwischen nicht auf ungeteilte Zustimmung. Kritiker sprechen von starren Ritualen, die heute niemanden mehr erreichen. Diese Einschätzung teile ich nicht. Feststehende Gedenktage disziplinieren uns, in der sich scheinbar immer schneller drehenden Welt innezuhalten und den Blick zurückzuwerfen. Genau das werden wir in wenigen Tagen am 9. November, dem Jahrestag der „Reichskristallnacht“, tun. Ein Blick auf diesen vom Hitler-Regime erschreckend effizient organisierten und von erschreckend vielen Menschen mitgetragenen Pogrom zeigt uns die Abgründe, in die eine Gesellschaft sinken kann.
Selbstverständlich ist jeder Gedenkstättenbesuch, jeder Stolperstein und jede Gedenkzeremonie nur ein Baustein. Ein Gedenken, das die Gesellschaft nachhaltig beeinflussen will, braucht nachhaltige Arbeit. Es muss in seinen Methoden flexibel, in seiner Zielsetzung aber unbeirrt sein.
Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nimmt aktiv und engagiert an der Gedenkarbeit teil. Damit tragen wir unserer Pflicht als Juden ebenso wie unserer Verantwortung als Mitglieder der deutschen Gesellschaft Rechnung.

Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland