16. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2016 | 27. Elul 5776

Eine Frage des Blickwinkels

Das Jüdische Museum in Berlin zeigte eine Retrospektive des jüdisch-russisch-amerikanischen Künstlers Boris Lurie

Von Carsten Dippel

Wie ist Kunst nach Auschwitz möglich? Über diese Frage wird seit der Schoa oft – und oft heftig – debattiert. Vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges schrieb Theodor Adorno: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ Allein schon über die Frage, wie dieser Satz zu verstehen ist, wurde gestritten: Wollte der berühmte Philosoph jegliche Kunst nach der Schoa für unannehmbar erklären oder nur solche, die den NS-Genozid zum Thema hat?
In der Praxis hatten sich Kunst und Literatur des Themas Holocaust freilich von Anfang an angenommen. Mehr als das: Noch während die Mordmaschinerie der Nazis in vollem Gang war, schufen KZ-Häftlinge und Ghettoinsassen – meist im Verborgenen, im Angesicht der Unmenschlichkeit unter den schwierigsten, oft lebensgefährlichen Bedingungen – Kunstwerke. Erst kürzlich wurden Werke aus jener Zeit in einer Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin mit Leihgaben aus Yad Vashem gewürdigt. Dennoch blieb und bleibt der Versuch, die Schoa abzubilden, eine nicht nur künstlerische Herausforderung, sondern ein moralisches Problem. Wie weit darf die visuelle Abbildung gehen? Und umgekehrt: Wie abstrakt darf sie sein, um als eine Auseinandersetzung mit diesem unfassbaren Zivilisationsbruch erkennbar zu bleiben?
Mit diesen Fragen muss sich jeder Künstler befassen, der sich an das Thema heranwagt. Einer von jenen, die es schon kurz nach der Schoa versuchten, war Boris Lurie. 1924 in Leningrad geboren, wuchs er in Riga auf und zeigte bereits als Kind malerisches Talent, galt in seiner Schulklasse als Künstler und konnte schon als Teenager Geld mit seinen Zeichnungen verdienen. Während der Schoa überlebte er mehrere Konzentrationslager und wanderte 1946 nach New York aus, wo er 2008 verstarb. Seinem Schaffen widmete das Jüdische Museum Berlin vor Kurzem unter dem Namen „Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie“ eine umfangreiche Retrospektive.
Luries Kunst speiste sich aus seinen unmittelbaren Lagererfahrungen und so nahm die Schoa eine zentrale Rolle in seinem Werk ein. 1946 entstanden die Gemälde „Back from Work“, „Roll Call in Concentration Camp“ und „En­trance“, in denen der „Alltag“ des KZ, inklusive der Krematorien abgebildet wurde. Allerdings war die Schoa für Lurie nicht nur Motiv, sondern auch Motivation, gegen die Übel der Menschheit zu kämpfen. Ein Beispiel dafür war sein Werk „Saturation Painting“ (1959–64), eine Collage aus der Abbildung einer Gruppe von Häftlingen und Pin-Up-Girls. Durch diese Kombination wollte Lurie der modernen Medienwelt einen Spiegel vorhalten, einer Medienwelt, in der Bilder von Katastrophen und Grausamkeiten vollkommen gleichwertig neben Konsum- und Werbeartikeln präsentiert werden. Einem in der Schoa gründenden Sinn für Gerechtigkeit entsprang auch seine Tätigkeit als Mitbegründer der 1959 ins Leben gerufenen NO!Art-Bewegung, die von der Kunst soziales Handeln statt Kommerz forderte.
Mit seiner Philosophie der Kunst als Antikunst setzte sich Lurie bewusst von zwei damals auch wirtschaftlich florierenden Kunstströmungen ab: dem abstrakten Expressionismus, der Kunst ohne herkömmliche Formgebung schaffen wollte, und der Pop Art, die Alltagsmotive aufgriff und sie realistisch abbildete. Für den Kurator der Berliner Ausstellung, Professor Peter Weibel, reihte sich Lurie in die „Tradition und Kritik ein, die Obszönität der kapitalistischen Kredit- und Tauschgesellschaft darzustellen“. Großen Erfolg hatten Lurie und seine Mitstreiter nicht, jedenfalls nicht in den USA. Wesentlich populärer wurden Lurie und NO!art dagegen in Deutschland.
Aus der Sicht Professor Weibels lässt sich Lurie nicht als „Holocaust-Künstler“ bezeichnen. Mit dieser Meinung schließt sich Weibel der Auffassung der Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, Cilly Kugelmann, an. Lurie selbst erklärte zwei Jahre vor seinem Tod, den meisten Menschen, die er in der Kunstszene gekannt habe, sei nicht bekannt gewesen, dass er ein ehemaliger KZ-Häftling gewesen sei.
Der Künstler forderte „für neue Generationen“ das Recht, den Holocaust „aus anderen Blickwinkeln zu betrachten“. Indessen löste die Verbindung, die er zwischen dem Holocaust und dem amerikanischen, damals als sexuell frivol bis unzüchtig empfundenen Wahrzeichen des Pin-Up-Girls herstellte, in der jüdischen Welt oft Empörung aus. In jedem Fall stand Luries künstlerische Haltung zum Holocaust im Gegensatz zu derjenigen vieler anderer Künstler, die das Schicksal von Juden in der NS-Zeit für visuell abbildbar hielten. Ein Beispiel dafür ist Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“, der die Rettung von rund 1200 Juden durch den deutschen Industriellen Oskar Schindler mit fast dokumentarischen Stilmitteln zeigt. Natürlich ist auch Spielbergs Film eine Interpretation, eine Gesamtkomposition aus Schauspiel, Bildsprache und Musik – ein Werk, das nach ästhetischer Präzision sucht. Man könnte sagen, dass „Schindlers Liste“ und Luries provokative Collagen an den entgegengesetzten Enden des Spektrums künstlerischer Auseinandersetzung mit der Schoa stehen, einem Spektrum, in dem es keine endgültigen Antworten, aber unverändert wichtige Fragestellungen gibt.