16. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2016 | 27. Elul 5776

Räume der Begegnung

In Erfurt fanden im September die zweiten ACHAVA Festspiele statt

Von Esther Goldberg

Im September fanden in Erfurt die zweiten ACHAVA Festspiele statt. Wie bereits im vergangenen Jahr standen sie auch diesmal im Zeichen der Kultur ebenso wie im Zeichen des interkulturellen und interreligiösen Dialogs. Damit – und mit der stattlichen Zahl von 30 Veranstaltungen – stießen die Festspiele auf das Interesse eines großen und differenzierten Pu­blikums, genau wie es im Sinne der Veranstalter war. Die Festspiele wurden sowohl vom Land Thüringen als auch von privaten Sponsoren gefördert.
An Anerkennung mangelte es nicht. Wie der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, in seinem Grußwort erklärte, sind die Festspiele auf dem besten Weg, sich fest im thüringischen Kulturkalender und darüber hinaus zu etablieren.
Dr. Schuster führte aus: „Egal welcher Religion wir angehören oder ob wir keiner Religion angehören, dürfen wir in den zahlreichen Veranstaltungen Gemeinsamkeiten entdecken, über unsere Unterschiede reflektieren und sehr viel lernen. Unsere Gesellschaft braucht Räume der interreligiösen Begegnung im brüderlichen Geist.“ Für den Zentralrat sei es selbstverständlich gewesen, auch in diesem Jahr die Schirmherrschaft über die Veranstaltung zu übernehmen.
Der andere Schirmherr, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, unterstrich ebenfalls die Bedeutung der Festspiele. Nach ihrer Premiere im vergangenen Jahr seien sie aus dem Thüringer Kulturkalender nicht mehr wegzudenken. Ramelow betonte: „Sie geben wichtige Impulse für unsere weltoffene Gesellschaft. Toleranz und Verständigung sind die Säulen des Festivals, das damit Zeichen für gegenseitigen Respekt setzt. ‚Achava‘ – dieses hebräische Wort bedeutet Brüderlichkeit, und Brüderlichkeit ist die Grundlage für unser humanistisches Handeln.“
Gleich zu Beginn stand die Eröffnung der Ausstellung „Un-er-setz-bar“ auf dem Programm, in der sieben Überlebende des Holocaust von dem Morden und den Qualen berichteten. Unter ihnen waren zwei Thüringer: der einstige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Wolfgang Nossen, und der jetzige Vorsitzende Prof. Dr. Reinhard Schramm. Mit dabei war auch die heute 92-jährige Auschwitzüberlebende – und Musikkünstlerin – Esther Bejarano. Einst Mitglied des Mädchenorchesters in Auschwitz, gab sie in Erfurt ein Konzert. Gemeinsam mit ihrem Sohn Joram und dem türkischstämmigen Deutschlehrer Kutlu Yurtevesen sang sie Rap, dann aber auch das italienische Partisanenlied „Bella Chiao“. Das Lied aus dem Wilnaer Ghetto „Mir lebn ejbik“ wurde in Erfurt zu einer Hymne, die Publikum und Musiker miteinander verschmelzen ließ. In Erfurt wurde Esther Bejarano auch mit dem Johannes-Bock-Preis für Zivilcourage geehrt.
Mit Sicherheit einmalig war der Auftritt des inzwischen 98 Jahre alten Klezmer-Spielers Leopold Kozlowski-Kleinmann aus Polen. Bei den Festspielen wurde der Film „Der letzte Klezmer“ vorgeführt, der sein Leben dokumentiert. Auf ganz andere Weise beeindruckt zeigte sich das Publikum von Yasmin Levy aus Israel, die das Eröffnungskonzert gab. Sie sang sephardische Lieder. „Ich mache eine Musik, die aus einer Zeit stammt, da Juden und Muslime friedlich zusammenlebten“, erklärte sie.
Als Beitrag zum interreligiösen Dialog stellte die Festivalleitung in diesem Jahr den Islam in den Mittelpunkt der Diskussionen und Podiumsgespräche. Zu diesen wurden unter anderem die Islam-Wissenschaftlerin Dr. Necla Kelek und Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, eingeladen. Interreligiosität bedeutete in Erfurt aber auch ein hochbrisantes Gespräch über die Flüchtlingsproblematik am Beispiel der Jesiden. Zuvor wurde der tief bewegende und verstörende Film „Hawar“ der deutschen Fernsehjournalistin und Jesidin Düzen Tekkal gezeigt. Das Thema des Films ist der vom „Islamischen Staat“ verübte Genozid an den Jesiden.
Eine Premiere der besonderen Art gab es im Thüringer Landtag. Dort fand „SHUK ACHAVA“ statt, eine Art Markt der Brüderlichkeit für die gesamte Familie. Hier stand das Leben in Israel im Mittelpunkt. Die Ausstellung „Israelis & Deutsche“ widmete sich großen Namen und Ereignissen, aber auch vielen persönlichen Geschichten. Das Abschlusskonzert des MDR-Rundfunkchors bot dem Publikum im Erfurter Dom byzantinische, armenische und Synagogalgesänge.
Wie der Intendant der Festspiele, Martin Kranz, der künstlerische Leiter, Prof. Dr. Jascha Nemtsov, und der Vorstandsvorsitzende des ACHAVA-Vereins, Hellmut Seemann, betonten, standen die Festspiele unter dem Friedensmotto „Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken“, entnommen dem Buch des Propheten Micha. Da war auch die Tatsache, dass das Festival just am Weltfriedenstag eröffnet wurde, alles andere als zufällig. „Wir wollten mit diesem Datum“, so Martin Kranz, „bewusst ein Zeichen setzen.“