16. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2016 | 27. Elul 5776

Verborgene Schätze

Genisa-Forschung in Deutschland fördert Interessantes an den Tag

Von Heinz-Peter Katlewski

Schon der Tempel in Jerusalem soll ein Versteck für Schriften und Ritualgegenstände gehabt haben, die nicht mehr für sakrale Handlungen geeignet waren: eine Genisa (hebräisch für „Aufbewahrungsort“). Genau wissen wir das nicht. Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels aber wurde es in vielen Synagogen zur Gewohnheit, für den Gottesdienst unbrauchbar gewordene Torarollen und Gebetbücher, unvollständige oder nicht akzeptierte religiöse Schriften, in Hebräisch verfasste Manuskripte sowie alle Texte, die den Gottesnamen enthalten konnten, nicht einfach wegzuwerfen, sondern aufzubewahren – eben in einer Genisa.
Die Kairoer Genisa ist die wohl bekannteste von allen. Ende des 19. Jahrhunderts wurden in der ägyptischen Hauptstadt bei Renovierungsarbeiten in der Ben-Esra-Synagoge nahezu 200.000 Schriftfragmente entdeckt, die bis ins Jahr 800 zurückreichen. Heute sind Bestandteile der Kairoer Genisa weltweit verstreut. Einen großen Teil der Handschriften hat aber nach 1890 der jüdische Gelehrte und Rabbiner Solomon Schechter (1847–1919) mit dem Einverständnis des damaligen Kairoer Rabbinats in die Bibliothek der englischen Universität Cambridge überführt und dort erforscht. Darunter waren zahlreiche Dokumente, die bis heute unser Bild vom jüdischen Mittelalter und von der Kulturgeschichte des Mittelmeerraumes prägen.
Seit bald 20 Jahren gibt es nun auch eine Genisaforschung, die sich in Deutschland gemachten Funden widmet. Spektakuläre Entdeckungen wie in Kairo sind zwischen Rhein und Oder nicht zu erwarten, doch fördern Wissenschaftler auch hierzulande Erstaunliches zutage: hebräische und jiddische Schriften, Zeitungen, Briefe, Unterrichtsmaterialien, aber auch Torawimpel (Stoffbänder zum Einwickeln von Torarollen) und Tefillin. Alltagsgegenstände wie Schuhe, Tabaktüten, Zigarettenschachteln und Kämme sind ebenfalls schon gefunden worden.
Auch der umfangreichste Genisafund in Deutschland – vor 30 Jahren – geht auf eine Renovierung zurück: 1986 sollte der Gebäudekomplex der ehemaligen Synagoge Veitshöchheim unweit von Würzburg zu einem Jüdischen Kulturmuseum umgebaut werden. Zwischen dem Dachboden und dem darunterliegenden Deckengewölbe fand man, bedeckt von Staub, Schutt, Spinnweben und anderem Unrat, umfangreiche Hinterlassenschaften der ehemaligen jüdischen Gemeinde. David Schuster, damals Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Würzburg (und Vater des heutigen Präsidenten des Zentralrats, Dr. Josef Schuster) machte die Denkmalbehörde darauf aufmerksam, dass eine Genisa entdeckt worden sei.
1998, vier Jahre nach der Eröffnung des Jüdischen Kulturmuseums Veitshöchheim (www.jkm.veitshöchheim.de), gründete eine Gruppe von Wissenschaftlern in dem pittoresken Ort das Genisaprojekt Veitshöchheim. Zeitweilig unterstützt von der Gemeinde, dem Bezirk Unterfranken und der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern wurden die hier aufbewahrten Gegenstände gesichtet, überprüft, beschrieben, inventarisiert und in einer Datenbank verzeichnet. Eine ähnliche Arbeit mit kleineren Genisaprojekten in Rheinland-Pfalz betreut heute nur noch der Lehrstuhl für Judaistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Lehnardt.
Das Genisaprojekt Veitshöchheim muss heute neben der örtlichen Kulturamts- und zugleich Museumsleiterin, Dr. Martina Edelmann, mit zwei Mitarbeiterinnen auskommen, die auf der Basis von Werkverträgen das Material sichten, vorordnen und so verzeichnen, dass eine wissenschaftliche Erschließung und Auswertung möglich ist. Zahlreiche Archivkartons mit geborgenen Textschnipseln zeugen in verschiedenen Kammern und Räumen der Museumsgebäude davon. Die Funde kommen nicht nur aus dieser Gemeinde. Mittlerweile werden hier die Genisa­entdeckungen aus einer Vielzahl von ehemaligen Landsynagogen aller bayerisch-fränkischen Bezirke gesammelt.
Alle zwei Jahre werden Teile des umfangreichen Archivbestandes einer genaueren Erforschung und Beschreibung unterzogen. Dann nämlich wenn Nachwuchsjudaisten sich zu besonderen wissenschaftlichen Wochenend-Workshops versammeln. Meist haben die Teilnehmer es mit Fragmenten zu tun. Oft ist es so, dass nach dem mühevollen Entziffern einer Passage der Text unmittelbar abbricht. Öfter sind nicht nur Kenntnisse des Hebräischen und Aramäischen vonnöten. Man wird neben Deutsch auch mit Westjiddisch, Latein, Französisch und slawischen Sprachen konfrontiert. Die Arbeitsergebnisse werden als „Genisa-Blätter“ im Universitätsverlag Potsdam veröffentlicht.
In der Ausgabe von 2015 wurden Funde aus drei fränkischen Genisot und zweien in Rheinland-Pfalz ausgewertet. In Veitshöchheim haben die meisten Artefakte mit religiösen Themen zu tun. Im pfälzischen Alsenz sind es vor allem Alltagsgegenstände, die das Interesse der Forscher fanden.
In den Sammlungen aus dem oberfränkischen Altenkunststadt fand man auch Informationen über die historische jüdische Schule, die dort einst existierte. Informationsquelle ist ein DIN-A5-Heft, das vor mehr als 100 Jahren in deutscher Kurrentschrift verfasst wurde. Darin werden im Geist der damaligen jüdischen Reformbewegung elementare Grundkenntnisse des Judentums vermittelt.
In Veitshöchheim entdeckten die Forscher das Einbandfragment eines Bibelkommentars zum Buch Ezechiel aus dem 13. oder frühen 14. Jahrhundert, verfasst von Raschi (Rabbi Schlomo ben Jitzchak, 1040–1105), dem wichtigsten aschkenasischen Kommentator von Bibel und Talmud. Zwei andere Funde reichen nur ins 19. Jahrhundert zurück: eine Seite zu einem halachischen Streitfall im Schulchan Aruch und drei hebräische Lieder zur Einführung einer neuen Torarolle.
Der kulturgeschichtliche Wert solcher oft verklumpten Papiere wird häufig verkannt, die dann als Müll im Baucontainer landen. Fachfremde Wissenschaftler wissen damit oft nichts anzufangen. Zuweilen werden solche Funde in den verborgenen Winkeln ehemaliger Synagogen indessen wertgeschätzt, geborgen und stehen dann künftiger Forschung zur Verfügung.