16. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2016 | 27. Elul 5776

Von jüdischen Rittern und klugen Frauen

Ein Seminar in Halle zeigte die Bandbreite altjiddischer Literatur in Deutschland auf

Von Olaf Glöckner

Wenn heutzutage von Jiddisch die Rede ist, ist fast immer die jiddische Sprache gemeint, wie sie in Osteuropa verbreitet war und dort bis zur Schoa weltweit von elf Millionen Menschen gesprochen wurde. Strenggenommen aber handelt es sich um Ostjiddisch, das sich im Mittelalter nach der Mi­gration von Juden in den europäischen Osten von der ursprünglichen, viel älteren Sprache der deutschen Juden abgespalten hat. Für diese ältere Variante bürgerte sich mit der Zeit die Bezeichnung „Westjiddisch“ ein. Seine Rolle als Umgangssprache büßte Westjiddisch mit der fortschreitenden sprachlichen Assimilation der deutschen Juden ein. Wie das 1927 in Berlin herausgegebene „Jüdische Lexikon“ konstatierte, gab es bereits Anfang des 19. Jahrhunderts „nur noch sehr kümmerliche Erinnerungen an eine Eigensprachigkeit“.
Mit der „Minirenaissance“, die Jiddisch – oder eben Ostjiddisch – heute in vielen Ländern erlebt, kann Westjiddisch nicht mithalten. Und doch macht die „Wiederentdeckung“ des Westjiddischen in Deutschland seit Kurzem große Fortschritte. Zu verdanken ist das einer guten Zusammenarbeit von Altgermanisten, Sprachwissenschaftlern, Judaisten und Jiddisten. Von dieser Entwicklung profitieren Studierende verschiedener Fachrichtungen – angehende Germanisten etwa, Judaisten, Historiker, Romanisten und Literaturwissenschaftler.
Dr. Diana Matut, die seit einigen Jahren am Seminar für Judaistik und Jüdische Studien der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg lehrt, ist von der Notwendigkeit überzeugt, unterschiedlichste Fachrichtungen zusammenzubringen, um erhaltene Texte des Westjiddischen „als Beweisstücke eines wechselseitigen Kulturtransfers sinnvoll für alle zu erschließen“. In diesem Sommer hat sie einen praxisbezogenen Kurs mit dem spannenden Titel „Von jüdischen Rittern und klugen Frauen“ angeboten, der sich auf jiddische Literatur im Deutschland der frühen Neuzeit, also bis etwa 1750, konzentriert.
Diese Literatur umfasst nicht nur Originalwerke, sondern auch Übersetzungen. Die Teilnehmer des gut besuchten Seminars haben nicht schlecht über die große Bandbreite der Lieder, Fabeln, Heldensagen und Romane gestaunt, die einst aus dem Mittel- und Frühneuhochdeutschen ins Jiddische übersetzt wurden. Ein Beispiel ist das ursprünglich im 13. Jahrhundert auf Mittelhochdeutsch verfasste Kudrunlied, das von Königen, Rittern, Greifen und einer Prinzessin Kudrun handelt. Auch die Artus-Sage wurde ins Jiddische übertragen und zwar als „Ein schejn maisse fun kinig Artis hof“. Am meisten aber staunten die Studenten wohl über die in manchen Texten beschriebenen jüdischen Gralsritter.
„Wir haben für unser Seminar bewusst Stoffe ausgewählt, die sowohl im Altjiddischen wie auch im Deutschen vorliegen“, erklärt Diana Matut. „So konnten wir gemeinsam schauen, auf welche Weise die Originalvorlagen dann im Altjiddischen adaptiert wurden. Hat man sie ‚einfach nur‘ transkribiert, ergänzt, stückweise umgeschrieben, oder ist ein gänzlich neuer Text entstanden? Und natürlich war auch die Frage nach den spezifisch jüdischen Inhalten immer präsent. Wir konnten feststellen, dass christliche Bilder und Termini teilweise durch andere ersetzt und somit anschlussfähig für ein jüdisches Publikum gemacht wurden. Teilweise haben die Autoren sie aber auch belassen oder auch etwas ganz Neues kreiert.“
Daniel Hofferer, Student der Vergleichenden Literaturwissenschaften, ist von dem Kurs rundweg begeistert: „Zunächst wurden wir mit Texten regelrecht bombardiert, und die vergleichenden Analysen waren schon sehr anspruchsvoll. Aber am Ende konnten wir gut rekonstruieren, wie spannende Texte in Altjiddisch überhaupt erst entstanden sind und welches Publikum sie dann erreicht haben.“ Auch Judaistik- und Politikstudentin Anne-Sarah Fiebig ist sehr zufrieden: „Ich habe vorher noch nie mit vergleichbarem Material aus dem Mittelalter und der Frühneuzeit gearbeitet und habe hier nun viele neue Begriffe, Arbeitsschritte und Techniken der Überlieferung kennengelernt. Anhand des Materials konnten wir Vergleiche anstellen und Entwicklungsstufen nachvollziehen. Das hat mir besonders gut gefallen.“
Im überlieferten Corpus der altjiddischen Literatur findet sich erstaunlich viel Unterhaltungsliteratur, wobei Frauen einen großen Teil des Lesepublikums ausmachten. Ab einem bestimmten Zeitpunkt entwickelte sich sogar ein Buchmarkt, den die jüdischen Leserinnen ganz entscheidend mitbestimmten. Doch das ist noch nicht alles: Bei manchen Überlieferungen aus der frühen Neuzeit stellt die jiddische Version die einzige erhaltene Quelle über damalige Ereignisse dar. Dies mag ebenso überraschen wie der Fakt, dass manche ins Jiddische transkribierten Werke offenbar so spannend geschrieben und neugestaltet waren, dass sie Jahrzehnte später wieder ins Deutsche „zurückübersetzt“ wurden – so geschehen mit dem „Sefer Schmuel“, einer Nacherzählung des Kampfes zwischen David und Goliath, wobei die Übersetzung von einem zum Christentum übergetretenen Juden erstellt wurde.
Die gute Resonanz auf den Kurs „Von jüdischen Rittern und klugen Frauen“ bestätigt Diana Matut in ihrer Ansicht, dass die Bearbeitung „brachliegender“ altjiddischer Überlieferungen nicht nur eine wichtige interdisziplinäre Herausforderung, sondern auch unverzichtbar für benachbarte Fächer wie die Altgermanistik, Romanistik und die Komparatistik ist. Den Historikern liefern die neuen Erkenntnisse zur altjiddischen Literatur auch wichtige Hinweise dafür, dass Juden und Nichtjuden im deutschsprachigen Raum während der frühen Neuzeit eben doch nicht in reinen „Parallelwelten“ lebten, sondern, dass es überraschend viel an Durchlässigkeit und kulturellem Austausch gegeben haben muss.