16. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2016 | 27. Elul 5776

Ein Wahrzeichen

Die Neue Synagoge Berlin feierte ihren 150. Geburtstag

Von Olaf Glöckner

Am 11. September wurde die Neue Synagoge Berlin 150 Jahre alt. Man muss wohl kein Berliner sein, um dem Glanz des Gebäudes in Berlins Oranienburger Straße zu verfallen. So etwa schrieb der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, in seinem Grußwort aus Anlass des Jubiläums: „Wenn ich an Postkartenständern in Berlin vorbeikomme, staune ich, wie oft ich auf den Postkarten die Kuppel der Neuen Synagoge Oranienburger Straße sehe. Diese wunderschöne, orientalisch anmutende Kuppel scheint mir so etwas wie ein heimliches Wahrzeichen der Stadt geworden zu sein.“
Diese Meinung scheinen viele zu teilen. Über einen Mangel an Besuchern konnte die Neue Synagoge an ihrem Geburtstag, den sie mit einem großen Jubiläumsfest beging, jedenfalls nicht klagen. Die Festlichkeiten standen unter dem Motto „Mittenmang und tolerant“, wobei „mittenmang“ Berlinerisch für „mittendrin“ ist.
Es sollte ein Tag der Freude und des Miteinanders werden, zugleich aber auch des Innehaltens und Gedenkens. Das war sicherlich angebracht, verkörpert doch das Gebäude nicht nur die positiven Seiten der jüdischen Geschichte in Deutschland, sondern auch das Negative, das Juden wiederholt erleiden mussten.
Tatsächlich war das anmutige Gotteshaus seit seiner Einweihung immer wieder Ziel von Anfeindungen geworden. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde es geschändet, gingen Teile der Inneneinrichtung in Flammen auf. Schwere Luftangriffe ab 1943 ließen bei Kriegsende nur noch eine gespenstische Ruine zurück. Jahrzehnte später kam es zu einer kaum noch erhofften, erneuten Wendung. Zwar war das Hauptschiff der Synagoge, das einst mehr als 3000 Gottesdienstbesuchern Platz geboten hatte, längst gesprengt worden. Doch 1988 begann das DDR-Regime unter Erich Honecker, sich für das deutsch-jüdische Erbe zu interessieren – vor allem wohl aus außenpolitischen Gründen. Noch in der DDR-Zeit erlebte die „Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ ihre Geburtsstunde. Ziel war ein Wiederaufbau der Synagoge. Ein Jahr später war vom SED-Regime nichts mehr übrig, doch schritt das Projekt voran. Bald gewann der vordere Teil des Baus wieder an Form, auch die vergoldete Dachkuppel erstand in neuem Glanz. Die Eröffnung – oder eher: Neueröffnung – fand 1995 statt.
Heute ist das Centrum Judaicum weniger Synagoge als Museum, Begegnungsstätte, Veranstaltungszentrum und Archiv. In einem Gebetsraum in der dritten Etage finden aber seit langem wieder Gottesdienste statt. Hier leitet Rabbinerin Gesa Ederberg einen Egalitären Minjan. Auch musikalisch bleibt die liberale jüdische Tradition in der Oranienburger Straße beheimatet. Den ganzen Festtag über brillierten im geräumigen Hof die Chöre der Belsize Square Synagoge London und der Berliner Synagoge Pestalozzistraße, unterstützt von Kantoren-Studenten des Potsdamer Abraham Geiger Kollegs, mit Kompositionen der letzten beiden Jahrhunderte, allen voran mit Werken von Louis Lewandowski. Daneben verdeutlichten Lesungen der Schauspieler Udo Samel, Benjamin Sadler und der Publizistin Tina Mendelsohn, wie eng verflochten jüdisches Leben mit Berlin war und noch immer ist. Spezialitäten aus israelischer Küche halfen den Gästen über den kleinen Hunger hinweg, während drinnen im Haus neuere Filme zu jüdischen Themen – wie „Im Himmel, unter der Erde“ (2011) und „Rabbi Wolff“ (2016) von Britta Wauer – gezeigt wurden.
Am Ende ging die Idee vom vitalen „Mittendrin“-Tag voll auf. So waren Jonas und Olesya Luckmann beeindruckt, „einfach mal eine Synagoge von innen gesehen“ zu haben, so staunte die Mexikanerin Jared Mota, „wie ernsthaft Berlin die dunklen Seiten seiner Geschichte aufarbeitet“, und so begeisterte sich die Potsdamerin Bettina Baumgardt an den Chorgesängen. „Besonders imponiert haben mir die Kinder und Jugendlichen unter den Sängern“, bekannte Bettina Baumgardt. „Sie zeigen uns auf eine wunderschöne Weise, dass das Judentum in Berlin und in Deutschland eine Zukunft hat.“
Seit 1995 hat die „Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ mehr als drei Millionen Besucher gezählt, die sich mehr als 80 Ausstellungen anschauen konnten. Gründungsdirektor Dr. Hermann Simon, der die Leitung des Hauses im vergangenen Jahr an Dr. Anja Siegemund übergeben hat, freut sich auch künftig auf große Resonanz: „Für die Zukunft“, erklärte er, „gilt nach wie vor das, was der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Kommerzienrat Carl Heymann, schon zum Richtfest am 17. Juli 1861 erklärt hatte, ‚dass dieses Haus modern in Form und Inhalt sein möge‘.“