16. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2016 | 27. Elul 5776

„Am wichtigsten ist der Gesamteffekt“

Rosch-Haschana-Interview mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster

Zukunft: Herr Dr. Schuster, zum Jahreswechsel zieht man gern Bilanz. Lassen Sie uns diesmal nicht nur auf das Jahr 5776 blicken, sondern etwas weiter ausholen: Ist das jüdische Leben in Deutschland heute einfacher oder komplizierter als vor der deutschen Wiedervereinigung?
Dr. Josef Schuster: Beides. Es gibt Dinge, die einfacher geworden sind, und solche, die heute schwieriger sind. Ich denke, dass Juden heute von ihrem Gefühl her viel selbstverständlicher in Deutschland leben, als es noch in den Achtzigerjahren der Fall war. Damals hatten nicht nur Schoa-Überlebende – die sowieso –, sondern auch viele Angehörige der Nachkriegsgeneration das Gefühl, sie gehörten nicht wirklich hierher.

Auch Sie?
Nein, ich eigentlich nicht, aber ich war da vielleicht nicht typisch. Ich wuchs in Würzburg auf, in Franken, in einer Gegend also, in der die Familie meines Vaters, abgesehen von der Unterbrechung durch die NS-Zeit, seit 500 Jahren beheimatet war. Wir hatten nicht das Gefühl, nicht dorthin zu gehören. Viele andere aber hatten dieses Gefühl, auch wenn sie in Deutschland zur Welt gekommen waren. Heute lebt ein 30- oder 40-jähriger Jude viel selbstverständlicher in diesem Land, ...

… in dem er in den meisten Fällen nicht geboren wurde, ...
… in das aber seine Eltern oder auch er selbst aus freien Stücken eingewandert sind, ohne das Gefühl, im Land der Täter zu leben. Sprachlich und kulturell haben sich die jüngeren Zuwanderer sowieso blitzschnell integriert. Daher, ja: Für die heute in Deutschland lebenden Juden ist dieses Land viel selbstverständlicher, als es seinerzeit für Angehörige meiner Generation war.

Was noch ist einfacher geworden?
Es ist leichter, ein jüdisches Leben zu führen. Damit meine ich alle Strömungen des Judentums. Das Fundament, auf dem wir heute aufbauen können, ist unvergleichlich fester als damals. Wir haben jüdische Schulen, mehr, als manch einem bewusst ist. Allein im Schuljahr 2016/17 können wir uns über zwei neue jüdische Gymnasien freuen, in München und in Düsseldorf. Bereits seit einem Jahrzehnt werden in Deutschland Rabbiner ordiniert, was für die Gemeinden ungeheuer wichtig ist.

Wobei sich viele Gemeinden keinen Rabbiner leisten können.
Die Zahl der Gemeinden, die amtierende Rabbiner oder Rabbinerinnen haben, ist stark gestiegen und steigt immer weiter. Dass die Situation nicht überall ideal ist, bedeutet nicht, dass sie nicht unvergleichlich besser wäre als früher. Die beiden Rabbinerausbildungsstätten bilden weiterhin aus und werden es auch künftig tun. Und mit einem Rabbiner funktioniert eine jüdische Gemeinde nun einmal besser.

Und was ist im jüdischen Leben schwerer geworden? Die Sicherheitslage?
Die Sicherheitsbedrohung jüdischer Gemeinden ist an sich nicht neu. Auch vor 30 Jahren lebten wir nicht unbeschwert. Wohl sind seitdem neue Gefahren hinzugekommen, vor allem der dschihadistische Terrorismus, der allerdings die ganze Gesellschaft bedroht. Wir lassen uns nicht daran hindern, unser Leben weiterzuführen. Mit den erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen, versteht sich.

Verlassen Sie sich auf die Sicher­heits­­be­hör­den?
Hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben, aber die deutschen Sicherheitsbehörden sind effizient und professionell. Das hat sich auch während der vergangenen Monate gezeigt.

Sie haben die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland als positiv bezeichnet. Ist es aber dadurch nicht schwerer geworden, die Gemeindemitglieder zu echtem Engagement in ihren Gemeinden zu bewegen?
Die zunehmende Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland ist positiv. Es stimmt, dass sich die Gemeinden heute mehr anstrengen müssen, um ihre Mitglieder bei der Stange zu halten. Früher gab es die Tendenz, die jüdische Gemeinde als das primäre soziale Umfeld zu betrachten, jedenfalls in den Großgemeinden. Heute ist die Gemeinde für die meisten Mitglieder noch immer wichtig, doch bewegen sich Juden mühelos auch in anderen Kreisen. Insofern ist sozusagen ein Konkurrenzdruck entstanden. Freilich haben es auch andere Religionsgemeinschaften schwer, gerade junge Erwachsene in das Gemeindeleben einzubinden. Damit stehen wir also nicht allein. Eine Rückkehr zur jüdischen Gemeinde als einer Art Notgemeinschaft ist aber weder möglich, noch wäre sie wünschenswert.

Was tun die Gemeinden, was tut der Zentralrat, um die Bindung der Mitglieder an die Gemeinden zu stärken?
Die Gemeinden widmen einen großen Teil ihrer Arbeit der Jugend und jüngeren Erwachsenen – ohne, versteht sich, die älteren Mitglieder zu vernachlässigen. Auch viele jüdische Organisationen und Bildungsstätten bieten Programme an, die sich an die jüngeren Altersgruppen wenden. Oft werden junge Eltern in die Gemeindearbeit über jüdische Kindergärten und Schulen eingebunden. Es ist nur selbstverständlich, dass man sich für die Gemeinde mehr interessiert, wenn die eigenen Kinder dort betreut werden oder lernen.
Der Zentralrat widmet sich ebenfalls intensiv der Altersgruppe junger Erwachsener. Auch weil sich aus dieser Gruppe künftig die Führungsschicht der jüdischen Gemeinschaft rekrutieren wird. Beim Zentralrat gehört übrigens ein Großteil der Mitarbeiter der Altersgruppe der 30plus an, und die Ergebnisse können sich sehen lassen.
Wir setzen auch auf Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen jenseits der Grenzen. Mit den jüdischen Dachorganisationen Österreichs und der Schweiz haben wir die Serie der für Führungskräfte bestimmten Fortbildungsseminare „Next Step“ initiiert und werden sie fortführen. Mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund hat der Zentralrat im Mai engere Kooperation vereinbart. Jeder dieser Schritte ist wichtig, am wichtigsten aber ist der Gesamteffekt, den sie haben.

Und wie werden Kinder und Jugendliche eingebunden?
Die Gemeinden, selbst kleinere, bieten da sehr viel, von der Kinderkrippe, über den Kindergarten bis hin zum Jugendzentrum. Die jüdischen Schulen ermöglichen das Heranwachsen einer Jugend, die sich im Judentum zu Hause fühlt und über ansehnliches jüdisches Wissen verfügt. Gemeinsame Kindheits- und Jugenderlebnisse schaffen Freundschaften und soziale Bindungen, die ein Leben lang halten können. Das gilt auch für die Machanot, die Jugendkongresse und viele andere Veranstaltungen, die junge Menschen zusammenbringen. Das kann man nicht hoch genug einschätzen. Das schafft eine Dynamik, die später auch ohne offiziellen Rahmen weiterläuft. Es entstehen Studiengruppen oder einfach Freundeskreise, die sich regelmäßig treffen. Darüber freue ich mich sehr. Es zeigt mir, dass unsere Arbeit in die Tiefe geht.
Überregionale Treffen sind wichtig. Besonders für Mitglieder kleinerer Gemeinden. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Als ich in Würzburg aufwuchs, hatte unsere Gemeinde gerade mal 220 Mitglieder, davon nur wenige in meiner Altersklasse. Da waren beispielsweise Seminare der Zentralwohlfahrtsstelle oder später Treffen jüdischer Studenten für mich ganz wichtig. Heute sind die Gemeinden erfreulicherweise größer als damals, doch sind regionale oder bundesweite Zusammenkünfte auch jetzt unerlässlich.

Was ist das Flaggschiffprojekt des Zentralrats?
Das Flaggschiff? Wir haben mehrere. Die Jewrovision zum Beispiel. Immerhin haben wir bei der letzten Jewrovision 1000 jüdische Jugendliche zusammengebracht. Das macht uns so leicht keiner nach. Oder der Gemeindetag. Als wir vor drei Jahren 700 Teilnehmer beim Gemeindetag hatten, waren wir außer uns vor Begeisterung. Soweit es sich aber am Tempo der Anmeldungen erkennen lässt, werden es beim diesjährigen Gemeindetag im Dezember noch mehr sein. Ist also das das Flaggschiff? Oder ist es vielleicht doch die Bildungsabteilung oder der Mitzvah Day oder unser neues Netzwerk für Studenten namens Kescher? Es geht, wie gesagt, um den Gesamteffekt.

5776 hat der Zentralrat wichtige Initiativen im Bereich des interreligiösen Dialogs, auch mit den muslimischen Glaubensrichtungen, ergriffen und sich gemeinsamen Initiativen angeschlossen. Welche Bedeutung messen Sie diesem Dialog bei?
Angesichts der heute bestehenden Herausforderungen ist Dialog ein Muss. Dabei geht es oft weniger um theologische Fragen als um gegenseitiges Kennenlernen. Dieses ist ja eine Voraussetzung für ein sinnvolles, weiterführendes Gespräch. Ich finde es sehr wichtig, dass wir Juden in diesen multilateralen Foren als gleichberechtigter Partner auftreten. Wir verwischen dabei nicht unsere Identität. Ganz im Gegenteil. Wir bringen uns mit unseren eigenen Auffassungen, mit unseren Erfahrungen als Teil der Gesellschaft ein. Der Dialog besteht aber nicht nur aus Worten, sondern auch aus Taten. Deshalb werden wir bei unserem alljährlichen Mitzvah Day zugunsten möglichst vieler verschiedener Menschen tätig. Das werden wir auch in diesem Jahr so halten. Ich hoffe aber, dass es uns gelingt, das Gespräch mit dem Anderen nicht nur auf der organisierten Ebene, sondern auch von Mensch zu Mensch im Alltag zu führen. So sollte sich ein jeder von uns als Botschafter guten Willens verstehen.
Ich bin überzeugt, dass unsere jüdische Gemeinschaft auch im kommenden Jahr ihre Aufbauarbeit fortführen und zu neuer Stärke schreiten wird. Ich wünsche allen Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik und allen Juden in der Welt ein gutes, glückliches und gesundes Jahr 5777. Le-Schana towa tikatewu we-tichatemu.