4. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2004 - 7. Schwat 5764

Gedanken zu braunen dumpfen Flecken im Lande

Eine Jahresbilanz aus jüdischer Sicht: Antisemitismus-Debatte, deutscher Anti-Amerikanismus und Staatsvertrag

Zukunft 4. Jahrgang Nr. 1
Zukunft 4. Jahrgang Nr. 1

Von Moritz Neumann

Das Jahr 2003, das uns einen neuen Begriff geschenkt hat - den von den Juden als "Tätervolk" -, ging im Bundestag mit einer selbst auferlegten Debatte über Antisemitismus in Deutschland zu Ende. Mal heißen die Antisemiten Walser, mal Möllemann, mal Hohmann. Nur, dass der Bundestagsabgeordnete aus der katholischen CDU-Hochburg in Hessen seiner Partei eine Krise beschert hatte, wie sie seit den lange vergangenen Zeiten befleckter Altnazis vom Schlage Globke oder Filbinger gar nicht mehr vorstellbar schien. Der Unterschied zu damals: Die Globkes und Filbingers waren noch persönlich verstrickt gewesen. Martin Hohmann hingegen entwickelte seinen widerlichen Antisemitismus aus eigener Dumpfheit. Und bewies damit der jüdischen Minderheit im Lande, dass es eine Kontinuität eben doch gibt: eine der Geschichte und eine des einschlägigen Denkens.

Seit dem das Krisenmanagement der CDU die Affäre abgearbeitet hat, gilt Hohmann als ausgestanden. Nur die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Fulda, jener Bischofsstadt, in der Martin Hohmann sein direkt geholtes Mandat hat, leidet noch immer an Schlafstörungen. Die telefonischen Morddrohungen, die sie einzustecken hatte, wollen sich einfach nicht so leicht vergessen lassen. Wahrscheinlich ist auch dieses Leiden an der Erinnerungslast mal wieder "typisch jüdisch".

Themenwechsel. Im abgelaufenen Jahr haben Bundesregierung und Parlament mit einer beispielhaften Entscheidung für politische Aufmerksamkeit gesorgt: mit dem Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und dem Zentralrat der Juden. Die positiven Auswirkungen sind bereits spürbar. Denn erstmals in ihrer Nachkriegsgeschichte kann die zentrale Vertretung der Jüdischen Gemeinden im Lande Angebote unterbreiten, die über die bloße Notversorgung hinausgehen. Womit das Fundament einen weiteren Stützpfeiler erhielt, um ein altes Sprichwort mit Leben zu erfüllen: Bleibe im Lande und nähre dich redlich.

Apropos Redlichkeit: Die fällt hierzulande meist unter den Tisch, wenn es um Israel oder die USA geht. Kaum hatten die Amerikaner begonnen, das ausgemachte Mordregime des Schlächters von Bagdad, Saddam Hussein, zum Teufel zu jagen, zuckten in Deutschland die Pawlowschen Reflexe. Da schrie der Chor der Einäugigen seine Formeln von der "Verletzung der Menschenrechte" und dem "Bruch des Völkerrechts", ließ sich auf den verlogenen und vorgeblichen Friedensdemos von Islamisten begleiten, die johlend Israel-Fahnen verbrannten, da wurde Scharon als der wahre Feind des Weltfriedens gegeißelt – und gemeinsam fühlten alle Marschierer in der Magengegend dieses wohlig-warme Gefühl der neuen deutschen Selbstgerechtigkeit: Endlich sind wir mal die Guten – und Amerika/Israel stehen klar auf der anderen Seite.