Rede des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier bei der Ordinationsfeier am 29.9.2016, Westend-Synagoge

Es gilt das gesprochene Wort!

Sendesperrfrist: Montag, 26.09.2016, 11.00 Uhr MESZ

Anrede

Die heutige Feier ist ein herausragendes Ereignis und ein Anlass großer Freude: Zuallererst gilt dies für die Rabbiner und ihre Familien. Ihnen möchte ich ganz herzlich gratulieren und alles Gute für ihre künftige Arbeit wünschen. Dies gilt aber auch für die jüdischen Gemeinden. Denn einen eigenen Rabbiner zu haben, das stärkt das religiöse und das soziale Leben vor Ort in besonderer Weise.

Und diese Ordination ist darüber hinaus ein herausragendes Ereignis und Anlass großer Freude für unser Land. Es ist die Fortsetzung eines Stücks bedeutender deutsch-jüdischer Geschichte: Mit der Ausbildung und Ordination knüpfen sie an die Errungenschaften des legendären Rabbinerseminars zu Berlin an - bis zu seiner Schließung durch die Nazis 1938 die wichtigste Lehreinrichtung zur Ausbildung orthodoxer Rabbiner in Deutschland.

Dass nach der Shoah jemals wieder Rabbiner in Deutschland in dieser Tradition ausgebildet und ordiniert werden - unvorstellbar! Heute aber wird nun zum fünften Mal seit 2009 eine neue Generation orthodoxer Rabbiner ordiniert. Das ist, ich möchte es so ausdrücken – vor allem eines: ein unverdientes Geschenk der Geschichte!

Denn seit vielen Jahrhunderten ist das Judentum Teil der deutschen und europäischen Kultur. Hier in der traditionsreichen jüdischen Gemeinde Frankfurts reichen die ältesten Zeugnisse jüdischen Lebens zurück bis ins 13. Jahrhundert – andernorts noch viele Jahrhunderte weiter.

Deshalb formulierte die „Jüdische Rundschau" im Jahr 1933 einen fast schon beschwörenden Satz. Ich zitiere ihn einmal: „Das deutsche Volk soll wissen: Geschichtliche Verbundenheit von Jahrhunderten ist nicht so einfach zu lösen.“

Antisemitische Übergriffe und selbst Pogrome hatte es in der gemeinsamen Geschichte von Juden und Deutschen ja schon mehrfach gegeben. Aber wenige Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war diese Verbundenheit Makulatur - das Judentum in Deutschland nahezu vernichtet. Durch den Holocaust hatte sich das deutsche Volk nicht nur von der jüdischen Kultur gelöst - vielmehr als das: es hatte gleichsam auch die abendländische Kultur aufgegeben.

Doch trotz des unsagbaren und unfassbaren Leids sollte sich der Satz der Jüdischen Rundschau doch noch bewahrheiten. Entgegen aller Hoffnung, für manchen entgegen aller Vernunft, entstand nach dem Krieg neues jüdisches Leben in unserem Land. Trotz der Shoah reichten die Wurzeln des jüdischen Lebens in Deutschland tiefer, als die Wucherungen der menschenverachtenden Nazi-Ideologie!

Mit jeder Gemeinde, die wieder erstanden ist, mit jedem Kindergarten und jeder Schule, die neu gebaut wurde, mit jeder neu- oder wiedereröffneten Synagoge, haben die Überlebenden uns die Hand zur Versöhnung ausgestreckt. Mit Dankbarkeit können wir heute feststellen: Das jüdische Leben hat wieder einen festen Platz in der deutschen Gesellschaft. Mit der Rückkehr der jüdischen Kultur ist auch unser Land wieder zu unserer Kultur zurückgekehrt.

Auch deshalb ist die heutige Ordination deutschsprachiger Rabbiner ein Akt von historischer und symbolischer Bedeutung.

Und mehr noch wird heute deutlich: Das jüdische Leben in Deutschland hat eine Zukunft! Denn das deutsche Judentum ist mehr als nur Erinnerung an die Vergangenheit. Wir tun viel für die Erinnerung: Wir haben eine Vielzahl von Gedenktagen, Mahnmalen, Museen und Gesten der Völkerverständigung.

Das Land Hessen insbesondere hat erstmalig in Deutschland einen Lehrstuhl zur Holocaustforschung hier in Frankfurt eingerichtet und erstmalig in einem Bundesland eine Forschungsstelle für Naziraubkunst geschaffen. All dies ist immens wichtig. Die Erinnerungskultur und Aufarbeitung trägt mit dazu bei, die Lehren aus der deutschen Vergangenheit zu vermitteln und Wiedergutmachung zu leisten.

Aber wir müssen den Blick auf die Zukunft lenken: Das jüdische Leben in Deutschland besteht nicht nur aus der Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit. Sondern es ist geprägt von einer lebendigen Religion und aktiven Kultur.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ formulierte kürzlich: „Wir wissen mehr über die toten Juden als über die lebendigen“. Dem, denke ich, gilt es entgegen zu wirken.

Insbesondere die Rabbiner transportieren die Werte und Traditionen des Judentums in die Gegenwart. Sie tragen dazu bei, dass der jüdische Glaube im Alltag erlebt und gelebt wird.

Deshalb sind sie so wichtig, deshalb brauchen wir sie.

„Such Dir einen Lehrer und erwirb Dir einen Freund.“, heißt es in der Mischna, der Basis des Talmuds. Wir brauchen solche Rabbiner, die Freund und Lehrer sind, die helfen, begleiten und beraten. Die dazu beitragen, der jüdischen Tradition treu zu bleiben. Die sich aber gleichzeitig den Herausforderungen ihrer Zeit stellen und die Relevanz des jahrtausendealten jüdischen Wissens vermitteln. Zumal die Perspektive des jüdischen Glaubens für die gesamte Gesellschaft eine Bereicherung ist.

Die Gesellschaft ist einerseits religiös pluraler geworden und andererseits erleben wir eine Verdunstung des Glaubens. Gerade auch sie, verehrte Herren Rabbiner, können dazu beitragen, den Schatz des Jüdischen Glaubens zugänglich zu machen und den religiösen Austausch zu bereichern.

Denn der Respekt füreinander beginnt mit dem Verstehen. Es gibt immer noch viel voneinander zu lernen. Alle Religionen, Gläubige und Ungläubige müssen dazu bereit sein - nicht übereinander, sondern miteinander zu sprechen. Nur dann wird es gelingen, Vorurteile und Hass abzubauen.

Wir müssen gegenwärtig erleben, dass Rechtsextremismus und Antisemitismus wieder erstarken. Es ist eine Schande, welche Begrifflichkeiten inzwischen wieder im öffentlichen Raum skandiert werden. Mit dem Zustrom der Flüchtlinge wächst auch bei vielen Juden die Sorge, dass Israelfeindlichkeit und Judenfeindlichkeit in unserem Land zunehmen. Es muss klar sein: das dulden wir nicht!

Gerade im Hinblick auf die Integration der Flüchtlinge steht unser Land vor einer riesigen Aufgabe. Ich bin dankbar, dass trotz der Sorgen und Ängste, die Bereitschaft der jüdischen Gemeinschaft hoch ist, an dieser Aufgabe mitzuwirken.

Wenn jemand weiß, was es bedeutet, die Heimat verlassen zu müssen, alles zurückzulassen, sein Hab und Gut zu verlieren, ja, vielleicht sogar die eigene Familie, dann ist das die jüdische Gemeinschaft in Deutschland.

Mit der heutigen Ordination zeigen sie, dass die jüdischen Gemeinden trotz allem – der Herausforderungen, der Anfeindungen, der Gefahren - Vertrauen in dieses Land haben. Wir werden alles tun, damit dieses Vertrauen nicht enttäuscht wird.

Das Idealbild des Rabbinats und seiner Inhaber kommt sehr schön in dem Vers zum Ausdruck, der zum Motto des Rabbinerseminars bestimmt wurde: „Auf all‘ deinen Wegen erkenne Gott, und er wird deine Wege gerade machen“ (Sprüche 3,6).

Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Wege in diesem Sinne geebnet werden und Sie mit Freude und Erfolg die künftigen Aufgaben bewältigen.