Grußwort des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, Prof. Dr. Salomon Korn, anlässlich der Rabbiner-Ordination, 26. 9. 2016, Frankfurt/M.

Es gilt das gesprochene Wort!

Sendesperrfrist: Montag, 26.09.2016, 11.00 Uhr MESZ

Liebe Gemeindemitglieder, verehrte Gäste, liebe Freunde, meine Damen und Herren,

im Namen der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main heiße ich Sie zur heutigen feierlichen Rabbinerordination in der Frankfurter Westend-Synagoge herzlich willkommen!

Ich freue mich, dass Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sowie der Ministerpräsident des Landes Hessen, Volker Bouffier, an der heutigen Feier teilnehmen. Und dass Sie, lieber Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress und Förderer des Rabbinerseminars zu Berlin, heute zu uns gekommen sind, ist uns Freude und Ehre zugleich.

Mein besonderer Gruß gilt Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, Oberrabiner von Moskau und Vorsitzender des Kuratoriums des Rabbinerseminars zu Berlin.

Wir begrüßen Dayan Chanoch Ehrentreu, den Dekan des Rabbinerseminars zu Berlin und Vorsitzenden des Europäischen Beth Din, der die heutigen Absolventen vorstellen und die Ordinationsurkunden überreichen wird.

Mein Dank gilt unserem Frankfurter Gemeinderabbiner Julien-Chaim Soussan, der die heutige Veranstaltung eröffnet hat, unserem Gemeinderabbiner Avichai Apel, der an der heutigen Ordinationsanerkennung mitwirkt, sowie unserem Chazan Yoni Rose für seine musikalische Umrahmung der heutigen Feier.

Danken möchte ich Rabbiner Aharon Kotler, CEO der Lakewood Yeshiva, New Jersey, der aus den Vereinigten Staaten von Amerika zu uns gekommen ist und zu uns sprechen wird - und last but not least gilt mein besonderer Gruß den Absolventen der Rabbinerordination 2015: Rabbiner Nosson Kaplan, Rabbiner Jochanan Guggenheim und Rabbiner Benjamin Kochan.

Liebe Gemeindemitglieder, verehrte Gäste, meine Damen und Herren,

Lehrer, Richter, Ratgeber, Freund - die Rollen eines Rabbiners sind vielfältig, doch verschmelzen sie in ihrer Vielfalt zu einer einzigen: der eines weisen und gerechten Ratgebers der Gemeindemitglieder.

In der jahrtausendealten Geschichte des Judentums gab es im deutschsprachigen Raum zu allen Zeiten Gemeinderabbiner, die durch ihr Wirken in der gesamten jüdischen Welt Gehör fanden, als Gelehrte großen Einfluss auf die Überlieferung hatten und bis heute als Autorität gelten - darunter auch einige, die in der Frankfurter Gemeinde verwurzelt waren. Gleich zwei einflussreiche Frankfurter Rabbiner waren Absolventen des renommierten Berliner Rabbinerseminars.

Einer von ihnen ist der auch als Matei Levi bekannte Rabbiner Horowitz. In den 32 Jahren zwischen 1878 und 1910, die er in Frankfurt tätig war, leistete er Großes für den Fortbestand unserer Gemeinde, vermittelte klug zwischen den verschiedenen Strömungen unter den Mitgliedern und stärkte durch den Ausbau der Religionsschule das religiöse Gemeindeleben. Die Bewunderung für Rabbiner Horowitz beruhte jedoch nicht nur auf seinem Ruf als herausragender Religionslehrer. Die Zeitgenossen schätzten an ihm vor allem auch seine Würde und seine "herzgewinnende Liebenswürdigkeit", wie einer seiner Biografen hervorhebt.

Bertha Katz, eine Frankfurter Jüdin, orthodox aufgewachsen und 1933 nach dem damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina emigriert, beschreibt in ihren Memoiren anschaulich den religiösen Alltag in ihrem Elternhaus. Ihre kindliche Hochachtung für den Nachfolger von Rabbiner Horowitz, Rabbiner Nehemia Nobel, wirkte bis ins Erwachsenenleben nach.

Auch hier fällt auf, wie sehr vor allem Charakter, Ausstrahlung und Herzensbildung des bewunderten Lehrers - auch er ein Student des Berliner Rabbinerseminars - die Erinnerung bestimmen: "Rabbi Nobel war in jeder Hinsicht eine herausragende Persönlichkeit. Er hatte einen Universitätsabschluss, war ein erfahrener jüdischer Gelehrter, ein Kabbalist, Philosoph und Zionist. Er vereinigte in seiner Persönlichkeit alle nur denkbaren positiven Eigenschaften. Von seinen Wohltaten Armen gegenüber erzählte man ebensoviel wie von seinem Kampf um die Rechte der Frauen."

So bedeutend die genannten Rabbiner für die Geschichte der Frankfurter Gemeinde wie für die jüdische Gemeinschaft insgesamt auch waren - ihre Auffassungen von der Rolle eines Rabbiners, ihre Ausgestaltung des religiösen Gemeindelebens, ja, ihre Sicht auf Geschichte und Gegenwart des Judentums insgesamt - all das ist Teil der Überlieferung und gehört doch in eine andere Zeit, in die Epoche vor der Vernichtung des europäischen Judentums.

Für die Überlebenden des Menschheitsverbrechens war die Rückkehr nach Deutschland eine Qual und ein Wiederaufbau schien lange undenkbar - auch hier in Frankfurt. Die Gemeinde existierte offiziell, doch sie lebte nicht wirklich. Unter den Mitgliedern herrschte kaum Zuversicht, dafür umso mehr Skepsis und Zukunftsangst. Wilhelm Weinberg, der zweite Rabbiner der jüdischen Nachkriegsgemeinde, wanderte 1951 in die USA aus. Jüdisches Leben in Deutschland war für ihn nicht mehr vorstellbar, das Verhältnis zur nichtjüdischen Bevölkerung unrettbar zerstört: "Uns trennt für alle Ewigkeit ein schwerer Vorhang, gewebt aus, Blut, Tränen und tiefer Trauer, so Rabbiner Weinberg." - ein eindrückliches, unvergessliches Bild. Ja, der Weg in eine neue jüdische Lebenswirklichkeit hier in Deutschland war lang, beschwerlich und lange Zeit von Ungewissheit bestimmt.

Trotz alledem: Die heutige Feierstunde ist Ausdruck von wachsender Hoffnung und vorsichtigem Vertrauen in die Weiterentwicklung jüdischen Lebens in Deutschland. Diese Feststellung ist 71 Jahre nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager keine Selbstverständlichkeit. Aus jüdischer Sicht ist Deutschland als Ganzes ein Ort, dessen Boden immer verbunden sein wird mit Blut, Schmerz und Trauer. Eine Herausforderung, der sich auch nachgeborene, familiär vom Holocaust unbelastete Rabbiner im Rahmen ihrer Arbeit von Zeit zu Zeit stellen müssen.

Die Ordination neuer Rabbiner für jüdische Gemeinden in Deutschland bedeutet auch, dass wir die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft auf deutschem Boden nicht weiterhin grundsätzlich in Frage stellen. Eine Frage zumal, die die Mehrheit der erfolgreichen Absolventen des Rabbinerseminars längst für sich beantwortet hat. Sie wollen in Zukunft in einer Jüdischen Gemeinde in Deutschland als Rabbiner tätig sein. Es ist an uns, die jungen Rabbiner in ihrer Entscheidung zu bestärken.

Das damit verbundene Bekenntnis zu Deutschland als jüdische Lebenswelt mit Aussicht auf Dauerhaftigkeit, ist eine der Botschaften der heutigen Feierstunde. Eine Botschaft, die Ihnen allen, verehrte Absolventen, Kraft und Selbstbewusstsein geben möge für ihre künftige Aufgaben.

An dieser Stelle möchte ich an einen Mann erinnern, für den der heutige Tag Ausfluss seines rastlosen Einsatzes für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland gewesen wäre: Der unvergessene langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und einstige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis sel.A.. Ihm ist es in vielerlei Hinsicht zu verdanken, dass die in Deutschland lebenden Juden schrittweise in die Öffentlichkeit zurückkehrten und selbstbewusst aus ihrer Rolle als bloße Nachkommen der Opfer heraustraten.

Ignatz Bubis war kein Rabbiner, war kein Gelehrter und lebte nicht nach strengem Ritus. Doch gerade weil ihm die Möglichkeit einer akademischen Ausbildung versagt blieb, war er lebenslang dem Lernen verpflichtet. Er war überzeugt: Der Neubeginn jüdischen Lebens in Deutschland wird nicht mit Hilfe von Wanderrabbinern gelingen. Dazu bedarf es hier ausgebildeter Rabbiner, religiöser Lehrer, die deutsch sprechen, die die Mentalität, der hier lebenden Juden verstehen - und sich dazu bekennen, dass jüdisches Leben auf deutschem Boden eine Zukunft hat.

Der nach Ignatz Bubis benannte Lehrstuhl an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg ist Ausdruck der Hochachtung für das Lebenswerk von Ignatz Bubis und seines Engagements zur Förderung des deutsch-jüdischen Miteinanders. Die Rede des damaligen Innenministers Otto Schily aus Anlass der Einweihung des Lehrstuhls im Wintersemester 2001/2002 war eine Verneigung vor dem Verstorbenen: "Ignatz Bubis sel. A.“ so Otto Schily damals „war keiner der zahlreichen Lobbyisten oder Interessenvertreter der im politischen Bonn oder Berlin vertretenen Interessengruppen oder Verbände. Er hatte eine von Staat und Gesellschaft hoch respektierte und anerkannte Stellung, die er kraft seiner unvergessenen Persönlichkeit in besonderer Weise ausfüllte. Ihn kennzeichneten intellektuelle Redlichkeit, eine klare Sprache und unsentimentale Offenheit, gleichzeitig trat er uns aber auch freundlich, liebenswürdig und humorvoll gegenüber. Er hat deutlich gemacht, dass er eine besondere Gemeinschaft vertritt: eine Gemeinschaft, die in Deutschland eine über 1000-jährige Geschichte gehabt hat mit Höhen aber mit noch mehr Tiefen, die schließlich das schreckliche Verbrechen der Shoah erleiden musste."

65 Jahre nach der bedrückenden Einschätzung von Rabbi Weinberg, der zufolge das deutsch-jüdische Verhältnis für immer zerstört sei, feiern wir heute unter der Kuppel der Frankfurter Westend-Synagoge, die als einzige Frankfurter Synagoge die Pogromnacht überstanden hat, die Ordination von drei Rabbinern. Die jüdische Gemeinschaft hat wieder Fuß gefasst in Deutschland und es gibt Grund zu verhaltener Zuversicht.

In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen allen im Namen der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und auch persönlich sehr herzlich zu ihrer heutigen Ordination. Mazel Tov!