Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, bei der Ordinationsfeier am 29.9.2016, Westend-Synagoge

Es gilt das gesprochene Wort!

Sendesperrfrist: Montag, 26.09.2016, 11.00 Uhr MESZ

Anrede,

„Tikkun Olam“ - die Verbesserung der Welt – so lautet eine unserer Mitzwot. Wir haben davon in der Thora 613. Wir alle sollen uns an diese Gebote und Verbote halten. Das gilt natürlich auch für unsere Rabbiner.

Heute haben wir die große Freude, drei neue Rabbiner zu ordinieren. Sie, lieber Herr Rabbiner Guggenheim, lieber Herr Rabbiner Kaplan und lieber Herr Rabbiner Kochan, haben über Jahre im Rabbinerseminar zu Berlin studiert und sich auf ihr Amt vorbereitet.

Und jetzt möchte ich Ihnen ehrlich etwas gestehen: Wenn ich mit Ende Zwanzig oder Anfang Dreißig vor der Aufgabe gestanden hätte, von nun an einer ganzen Gemeinde als geistliches Vorbild zu dienen, dann hätte ich ziemlich weiche Knie bekommen.

Deshalb möchte ich betonen: Ich habe tiefen Respekt vor den jungen Männern, die diesen Weg einschlagen, und bin sehr dankbar dafür!

Es ist jetzt bereits das fünfte Mal, dass wir in Deutschland orthodoxe Rabbiner ordinieren, die auch in Deutschland ausgebildet wurden. Darauf können wir mit Fug und Recht stolz sein. Mein besonderer Dank gilt der Ronald S. Lauder Foundation und Ihnen, sehr geehrter Herr Lauder. Sie haben dazu einen entscheidenden Beitrag geleistet!

Es ist aber auch erst die fünfte orthodoxe Ordination. Nach der Shoa brauchte es Jahrzehnte, bis unsere jüdische Gemeinschaft so gewachsen war, dass wir wieder eigene Rabbiner ausbilden konnten und können. Die Ordination neuer Rabbiner zeigt für mich wie kaum ein anderes Ereignis die Stärke unserer Gemeinschaft. Daher werde ich - auch noch wenn wir die zehnte Ordination feiern - tiefe Freude und Dankbarkeit darüber empfinden!

Sie stehen als junge Rabbiner tatsächlich vor großen Aufgaben. Doch zum Glück stehen Sie ja nicht alleine. An Ihrer Seite haben Sie Ihre Ehefrauen. Auch auf Ihre Frauen kommen viele neue Aufgaben zu. Wir wissen, was eine Rebbetzin in einer Gemeinde leisten muss. Mal geht es darum, eine Frau das erste Mal in die Mikwe zu begleiten, mal soll sie Rat für die Führung eines koscheren Haushalts geben. Und hunderte weitere kleine und große Fragen des jüdischen Alltags kommen auf sie zu.

Daneben, sehr geehrte Rabbiner, brauchen Sie aber vor allem den Rückhalt Ihrer Gemeinde.

Sie brauchen Menschen, die mitmachen. Menschen, die neue Ideen haben. Menschen, denen Sie vertrauen können.

Werte Festgemeinde,

dieser Part ist Ihrer! Ob Gemeindevorstand oder einfaches Gemeindemitglied – unterstützen Sie Ihren Rabbiner!

Denn er bringt Ihnen etwas sehr Wertvolles mit: Den Schlüssel zu unseren Schriften, zu den 613 Mitzwot.

Auch wenn wir manchmal vielleicht heimlich stöhnen, wenn wir an all die Gebote denken. In Wahrheit jedoch geben sie uns ein festes Wertegerüst. Seit Tausenden von Jahren leiten diese Werte unsere Gemeinschaft. Gäbe es uns noch ohne diese verbindenden Werte?

Unsere Rabbiner können in unserer Gemeinde, egal ob sie klein oder groß ist, viel dazu beitragen, diese Werte mit Leben zu erfüllen. Um was geht es denn beispielsweise? Wir sollen für Arme spenden, Kranke besuchen, unsere Eltern ehren, Fremde aufnehmen und Gerechtigkeit üben.

Von nichts anderem sprechen heute Soziologen oder Politiker, wenn sie eine tolerante, solidarische und offene Gesellschaft fordern.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

eigentlich muss ich Ihnen – und gerade den zahlreich anwesenden Rabbinern – diese Werte nun wirklich nicht mehr erläutern.

Es ist mir aber wichtig, sie wieder aktiv ins Bewusstsein zu rufen. Denn wenn ich an die vergangenen Monate zurückdenke oder auch wenn ich abends die Nachrichten einschalte, dann scheint es mir oft, als blase ein kalter, heftiger Wind durch Deutschland.

Und dieser Wind droht, viele unserer Werte hinwegzufegen.

Ausgerechnet politische Parteien wie die AfD haben Zulauf. Bei den jüngsten Landtagwahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin mussten wir erleben, dass die AfD zweistellige Ergebnisse erzielen konnte.

Wenn man sich die Strategie dieser Partei und anderer Bewegungen am rechten Rand anschaut, wird deutlich: Sie hetzen auf statt zu verbinden. Sie ziehen Menschen in den Schmutz, statt ihnen mit Respekt zu begegnen. Sie treiben Keile in unsere Gesellschaft anstatt ausgleichend zu wirken. Es ist sehr beunruhigend, was wir gerade in Deutschland erleben, und nicht nur in Deutschland, sondern in vielen europäischen Ländern.

Und nicht wenige in unserer jüdischen Gemeinschaft fragen sich: Wird der Wind noch kälter? Und wird er eines Tages so kalt sein, dass wir keinen Platz mehr in Deutschland haben? Das hat nichts mit Hysterie zu tun. Das hat mit unseren feinen Sensoren zu tun.

Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte im Vergleich zum Jahr davor verfünffacht. Der Verfassungsschutz spricht von einem „exorbitanten Anstieg rechtsextremistischer Gewalt“. Und er stellt fest: Rechtsextremisten finden immer leichter Anknüpfungspunkte in der Mitte der Gesellschaft.

Momentan richtet sich der Wind viel stärker gegen die Muslime als gegen uns. Doch machen wir uns nichts vor: Der Wind kann sich sehr schnell drehen. Und wenn wir jetzt schweigen, wer wird dann seine Stimme für uns erheben, wenn es darauf ankommt?

Der kalte Wind weht nicht nur von rechts. Die Zahl der Islamisten und Salafisten in Deutschland ist ebenfalls angestiegen. Die Terroranschläge in Frankreich und in Deutschland schüren Ängste und Verunsicherung. Und wer auf der Feindesliste der Islamisten ganz oben steht, brauche ich wohl nicht näher auszuführen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Tikkun Olam – trage bei zur Verbesserung der Welt. Wirkt das angesichts dieser Entwicklung nicht total naiv?

Was bedeutet Tikkun Olam wörtlich übersetzt? Es bedeutet: die Reparatur der Welt. Es gibt gerade eine Menge zu reparieren. Das sollte uns nicht entmutigen. Im Gegenteil. Wir haben die Werkzeuge für diese Reparatur. Und wir bilden Rabbiner aus, die uns bei dieser Reparatur anleiten können. Unsere Werte, unsere Gebote setzen wir dem kalten Wind, dem dumpfen Rechtspopulismus entgegen.

Wir zeigen, dass das geht. Wir lassen unsere Werte nicht einfach wegpusten. Das haben wir schon über Jahrtausende bewiesen.

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist nicht groß. Doch jeder von uns kann seinen kleinen, ganz bescheidenen Beitrag leisten. Jeder von uns kann die Welt ein kleines Stückchen besser machen.

Ich danke Ihnen!