16. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2016 | 22. Aw 5776

Der Dichter und die Damen

Hamburger Ausstellung widmet sich den Frauen um Heinrich Heine

Von Moritz Piehler

Eine alltägliche Persönlichkeit war Heinrich Heine sicher nicht: der getaufte Jude, der von seinem Judentum nie loskam, der sarkastische Romantiker, der wahrscheinlich meistgelesene deutsche Dichter, der zugleich in Deutschland heftig angefeindet wurde und einen großen Teil seines Lebens in Paris verbrachte. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch viele ungewöhnliche Menschen in seinem Leben eine Rolle spielten.
Einen Aspekt davon beleuchtet die im Hamburger Jenisch Haus bis zum 23. Oktober zu sehende Ausstellung „Salonfähig – Frauen in der Heine-Zeit“. Dabei wird ein komplexes Bild von Frauen gezeichnet, die in direktem Bezug zu Heine standen. Zugleich schlägt die Ausstellung einen breiten Bogen zum Frauenbild und der emanzipatorischen Bewegung jener Zeit.
Zwei der Frauen, denen die Ausstellung gilt, waren gebürtige Jüdinnen, die sich in dem einen oder anderen Stadium taufen ließen. Eine von ihnen war Rahel Varnhagen von Ense (1771–1833). Die jüdische Intellektuelle, die im Alter von 43 Jahren zum Christentum übertrat, führte einen literarischen Salon in der Jägerstraße am Berliner Gendarmenmarkt. Dort gingen Geistesgrößen der Epoche ein und aus – unter ihnen auch Heinrich Heine. Salons wie der von Rahel Varnhagen von Ense, ursprünglich Rahel Levin, erfüllten in einem gewissen Sinne auch für Juden eine emanzipatorische Aufgabe, sorgten sie doch für ein geselliges Miteinander über religiöse und Standesgrenzen hinweg.
Eine der schillerndsten Figuren ihrer Zeit – und in Heines Umgebung – war die mit 18 Jahren zum Christentum übergetretene Schriftstellerin Fanny Lewald (1811–1889). Die aus einer Königsberger Kaufmannsfamilie stammende Fanny widersetze sich den Gepflogenheiten ihrer Zeit, ihre schriftstellerischen Themen waren Frauen- und Judenemanzipation, und sie wusste durchaus, wie man einen Skandal entfacht.
Heine hatte auch berühmte weibliche Verehrerinnen, unter ihnen Kaiserin Elisabeth von Österreich, spätestens post mortem durch Romy Schneiders legendäre Verkörperung der „Sissy“ ein Sinnbild von Tragik und Romantik. Lediglich starker Widerstand aus antijüdischen Kreisen verhinderte, dass die Kaiserin Mäzenin und Schirmherrin eines Heine-Denkmals in seiner Heimatstadt Düsseldorf wurde. Sie schrieb nicht nur Gedichte, die von Heine in­spiriert waren, sie besuchte sogar nach seinem Tode dessen Schwester in Hamburg, woraufhin diese der Anekdote nach vor Schreck über den hohen Besuch in ihrem Hause Branntwein statt Kölnisch Wasser auf sich goss.
Spannend ist bei all den hochgebildeten Frauen, die um Heine herum kreisten, dann doch die Wahl seiner Ehefrau, die ebenfalls in der Ausstellung beleuchtet wird. Denn die weitaus jüngere Mathilde ist kaum eine Intellektuelle zu nennen. Immer wieder beklagte sich der Dichter über das ausufernde Temperament seiner Gattin sowie über ihre Verschwendungssucht. Ihrerseits war Mathilde vom Talent ihres Mannes zumindest nicht ganz überzeugt, wie ein Zitat in der Ausstellung belegt: „Mein Mann machte dauernd Gedichte, aber ich glaube nicht, dass dies besonders viel wert war, denn er war nie damit zufrieden.“
Den Namen Mathilde hatte ihr übrigens Heine gegeben, gebürtig hieß sie eigentlich Augustine Crescence. Auf dem Grabstein des Paares auf dem Pariser Montmartre-Friedhof ist sie allerdings nur als „Frau Heine“ verewigt. Als Auslöser von Heines literarischen Ambitionen gilt ohnehin die unglückliche Liebe zu seiner Cousine Amalie Friedländer, deren Abweisung den jungen Heinrich zum Schreiben inspirierte. Die letzten Jahre des Dichters prägte dann seine – allen Hinweisen nach platonische – Geliebte Elise Krinitz, die Heine nach ihrem Siegel liebevoll „La Mouche“, die Fliege, taufte.
Die Kuratorin der Hamburger Ausstellung, Dr. Beate Borowka-Clausberg, spricht von einer Ambivalenz des Dichters gegenüber Frauen. Auf der einen Seite sei Heine der Frauenbewegung gegenüber durchaus aufgeschlossen gewesen, erklärt sie: „Seine Äußerungen zu den Rechten der Frauen zeugen von einer Aufgeschlossenheit gegenüber einer anderen Gesetzgebung, die Frauen auch in der Politik gleiche Rechte wie Männern einräumt.“ Andererseits aber seien „seine Bemerkungen über die Schriftstellerinnen teilweise sehr despektierlich“, so die Kuratorin, die auch das begleitende Buch zur Ausstellung herausgab.
Wie auch immer: Bei aller Schwermütigkeit pflegte Heine gerade mit den Frauen einen oft heiteren Umgangston. Mit seiner Mutter Betty und seiner Schwester Charlotte verband ihn eine tiefe Liebe, die er in zahlreichen Briefen bekundete. Auch sein berühmtes Gedicht „Nachtgedanken“ ist an seine Mutter gerichtet, selbst wenn das übergeordnete Thema die Sehnsucht Heines nach seinem politisch zerrütteten Heimatland ist. Die geliebte Mutter, die aus einer angesehenen niederländisch-jüdischen Familie stammte, war von der Berufswahl ihres Sohnes übrigens nicht besonders angetan. Dichter zu werden sei „das Schlimmste“ für sie. Heines tiefer Zuneigung zur Mutter konnte das aber keinen Abbruch tun.