16. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2016 | 22. Aw 5776

Ghetto, Stettl, Judengasse

Die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg zeichnet historische Lebenswelten von Juden nach

Von Esther Graf

Dass Juden – wie andere Menschen auch – ihren Wohnsitz frei wählen dürfen und können, ist eine demokratische Selbstverständlichkeit, historisch aber relativ neu. Jahrhundertelang lebten Juden in Europa, nicht immer freiwillig, in eigenen, physisch mehr oder weniger getrennten Stadtvierteln oder Wohnorten. Eine bis heute sichtbare Spur der Geschichte sind in vielen europäischen Städten Straßennamen wie „Rue de Juif“, „Juderia“ oder „Judengasse“. In Osteuropa waren große jüdische Bevölkerungsgruppen auch in Ortschaften konzentriert, in denen sie nahezu die gesamte Einwohnerschaft bildeten – den Stettlach.
Solche Wohnorte waren mehr als eine Ansammlung von Straßen und Häusern. Sie waren Lebenswelten, in denen Juden ein reiches religiöses und geistiges Leben führten, in denen sie unter beengten Lebensumständen eine spirituelle Vielfalt schufen. Diese Lebenswelten werden jetzt an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg unter die Lupe genommen, und zwar in einer von Professor Annette Weber in diesem Sommersemester angebotenen Überblicksvorlesung. Mit dem Thema „Jüdische Wohnorte“ beschäftigt sich Professor Weber schon seit Jahren, angeregt durch ihre jahrelange Tätigkeit als Kuratorin am Jüdischen Museum Frankfurt, das auch Artefakte aus der mittelalterlichen Judengasse in der Stadt am Main besitzt und erforscht.
Wohlgemerkt entstanden jüdische Wohnviertel nicht immer unter Zwang. Oft ließen sich Juden freiwillig in der Nähe der Synagoge und der Gemeinde nieder. In vielen Fällen wurden aber auch solche Wohnquartiere durch die Herrschenden später von der Umwelt isoliert.
Das erste solche Zwangsquartier –
und zwar von Anfang an als solches errichtet – war die Judengasse in Worms, nimmt Prof. Weber an. Über die Entstehung gibt es keine schriftlichen Zeugnisse, doch lässt die Lage der Gasse Schlüsse zu. Sie stammt aus dem späten 12. Jahrhundert und war weit außerhalb des Stadtkerns von zwei Toren begrenzt. Ihre unsichere Lage entlang der nördlichen Stadtmauer und ihre große Entfernung vom Friedhof verdeutlichen laut Prof. These, dass dies kein freiwillig gewählter, sondern ein von der Herrschaft aufgezwungener Lebensort war. Der älteste Stadtkern befindet sich nämlich viel näher zum jüdischen Friedhof und diente auch Juden bis zum ersten Pogrom im Jahr 1096 als Wohnviertel.
Ein Beispiel für eine freiwillig entstandene Judengasse findet sich in Beiersdorf. In dem kleinen bayerischen Städtchen siedelten Juden nachweislich seit 1473, ließen sich in und um die Judengasse nieder und bauten dort 1711 eine Synagoge. Eine solche „Gass“ konnte durch eine Kette oder ein Band symbolisch abgeriegelt werden. Diese Abriegelung, hebräisch „Eruv“, ließ ein „schabbattaugliches“ Viertel entstehen, in dem bestimmte Gegenstände am Schabbat außerhalb der eigenen vier Wände mitgeführt werden durften.
Der Begriff Ghetto stammt aus dem 16. Jahrhundert. Als das erste „offizielle“ Ghetto Europas gilt das 1516 gegründete Ghetto von Venedig. Ghettos waren immer von der Obrigkeit erzwungene, abgeriegelte Lebensorte und unterschieden sich damit nicht von zwangsweise isolierten Judengassen. So war auch die Frankfurter Judengasse nichts anderes als ein Ghetto. Sie wurde 1462 eingerichtet. Ihre Bewohner lebten in extremer Platznot. Das an anderen Städten gemessen relativ frühe Ende der Judengasse markierte der Großbrand 1796, der eine freie Ansiedlung der Juden nach sich zog.
Auf die Frage, warum sich abgeschlossene Wohnviertel für Juden in Italien erst recht spät etablierten, wartet Prof. Weber mit einer interessanten Überlegung auf: Juden waren in Italien – wie alle anderen Einwohner –
Bürger des römischen Rechts, bis die Reformation mit Luthers 95 Thesen im Jahr 1517 eine Bedrohung für die Kirche darstellte und die Juden zwischen die Mühlsteine der innerchristlichen Auseinandersetzung gerieten. Infolgedessen wurden in allen größeren Städten des Landes Juden in ein Ghetto gezwungen.
Das Stettl unterscheidet sich von der Judengasse und dem Ghetto dadurch, dass es eine natürlich gewachsene Ansiedlungsform ist und sich unabhängig von christlichen Ansiedlungen entwickelt hat. Der Schriftsteller Manès Sperber beschrieb es mit diesen Worten: „Ein Städtel war nicht das Anhängsel einer christlichen Gemeinde innerhalb der Bannmeile, nicht ein diskriminierter Fremdkörper innerhalb einer höheren Zivilisation, sondern im Gegenteil, eine scharf profilierte, in ihren Grundlagen gefestigte autonome Gemeinschaft mit einer eigenartigen Kultur.“
Der Ursprung des Stettls reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück, als jüdische Flüchtlinge aus Mittel- und Westeuropa im Königreich Polen das Ansiedlungsrecht erhielten. Größere religiöse und rechtliche Freiheiten sowie vielversprechende wirtschaftliche Möglichkeiten machten Osteuropa für Juden attraktiv. Eine große Ansammlung von „Stettlach“ hatte sich in Galizien, der Ukraine, Weißrussland und Litauen etabliert. Auch in der Moderne spielte das Stettl eine wichtige Rolle im jüdischen Leben und wurde nicht zuletzt in der jiddischen Literatur und – nicht zu vergessen – in zahllosen jüdischen Anekdoten und Witzen verewigt. Zwar war das Leben im Stettl nicht immer so lustig, wie es oft in verklärender Überlieferung aussieht, doch waren die jüdischen Städtchen ein in intellektueller wie künstlerischer Hinsicht fruchtbarer Boden, dessen Früchte die jüdische Welt auch heute noch genießt. Das Stettl selbst konnte sich auch in der Moderne behaupten, wobei es sich an die neuen Zeiten auch anpassen musste. Seinen Untergang erlebte es im Inferno der Schoa.
Dem Stettl und seiner kulturellen Vielfalt müsse man allerdings eine eigene Vorlesung widmen, so Prof. Weber. Zudem sei sein Einfluss auf die osteuropäische Avantgarde ein weiteres, komplexes Thema für sich. In ihrer Überblicksvorlesung könne das umfangreiche Kunstschaffen im Stettl nur gestreift werden. Das gelte auch für die vom „Dritten Reich“ während des Zweiten Weltkrieges in besetzten Ländern eingerichteten Ghettos. Auch dort wurden Kunstwerke und literarische Zeugnisse geschaffen. Sie waren Zeichen einer immensen Selbstbehauptung und eines identitätsstiftenden Aufbäumens im Angesicht des Todes.
Allerdings waren im Lauf der Geschichte nicht nur die Stettlach, sondern auch die im Mittelalter entstandenen Judengassen beziehungsweise Ghettos Stätten regen geistigen Schaffens. Auf diesen Aspekt legt Prof. Weber einen Schwerpunkt in ihren Ausführungen. Ein Beispiel, an dem sich die Entwicklung beobachten lässt, sind Kultgeräte. „Ich habe mich immer gefragt“, erläutert die Historikerin, „warum die Entwicklung der Kultgeräte nicht durchgängig ist, wa­rum beispielsweise die Juden in Frankfurt im 17. und 18. Jahrhundert viel innovativer und produktiver waren als im 19. Jahrhundert.“ Eine ähnliche Beobachtung machte Prof. Weber in Italien, wo mit der Ghettoisierung im 16. Jahrhundert das Kunstschaffen intensiver wurde. Viele dekorierte hebräische Handschriften stammen aus dem späten 16. Jahrhundert und nicht aus dem ausgehenden Mittelalter, als Juden noch Bürgerrechte in Italien genossen.
Prof. Weber ist sich sicher, dass Abriegelung, gesellschaftliche Ausgrenzung und die versagte Teilhabe an der Mehrheitskultur kein schöpferisches Vakuum nach sich zogen, sondern das künstlerische Schaffen innerhalb des Judentums beflügelten. Die Historikerin weist auf zwei Beispiele hin, die die jüdische Kunst nachhaltig geprägt haben. Eines davon ist die Venezianische Pessach-Haggada von 1609. Ihr Hauptgestaltungselement ist ein Portal mit dekoriertem Giebel und flankierenden Säulen. In den Säulen steht der in Ladino, Italienisch und Jiddisch übersetzte Text. In Kolumnen sind die Aktivitäten des Sederabends dargestellt und jeder Vorgang wie das Händewaschen und der Kiddusch einzeln illustriert. Diese Haggada-Illustrationen dienten in ganz Europa über Jahrhunderte hinweg als Vorbild und wurden in viele spätere Drucke übernommen. Das Titelblatt enthält übrigens die damals obligatorische päpstliche Druckerlaubnis, waren Juden doch gezwungen, mit christlichen Druckern zusammenzuarbeiten.
Das andere Beispiel Prof. Webers ist die sogenannte Frankfurter Lamp aus dem Jahr 1680, ein Chanukkaleuchter in Menoraform. Da es Juden durch die Zünfte verboten war, als Silberschmiede tätig zu sein, lag die Ausführung in den Händen eines nichtjüdischen Meisters namens Valentin Schüler. Die Formensprache des Leuchters stammt jedoch aus der Frankfurter Judengasse und gibt Aufschluss über die Auftraggeber. Bevor sich Hausnummern etabliert hatten, hatte in Frankfurt jedes Haus einen Namen, der oftmals auch als Familienname angenommen wurde. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Familie Rothschild, die in der Frankfurter Judengasse lebte und mit dem Haus Zum Roten Schild in Verbindung gebracht wird. Die Tierfiguren auf dem Chanukkaleuchter nennen uns die Namen der Eltern des Brautpaares. Die Frankfurter Lamp wurde oft nachgeahmt und entwickelte sich sogar zu einem Exportschlager. Später wurde sie sogar in Amerika kopiert.
Haggada und Chanukkaleuchter, beide hinter Ghettomauern ersonnen, stellen künstlerische Höhepunkte des jüdischen Kunstschaffens dar. Sie führen eine Liste von Ritualgegenständen an, die je nach wirtschaftlicher Situation mehr oder weniger kostspielig waren. Dazu zählen Toramäntel aus Samt mit wertvoller Stickerei ebenso wie solche aus Stoffresten von Hochzeitskleidern, Schabbatleuchter aus Silber oder Keramik und viele andere Kultgegenstände.
Unabhängig vom Material, aus dem sie hergestellt wurden, zeugen all diese Werke von einem starken Selbstbewusstsein und einer ausgeprägten jüdischen Identität. Offensichtlich wollte man der christlichen Gesellschaft nicht nachstehen und die eigene Religion mit wertvollen Gegenständen schmücken. Künstlerisch gestaltetes Selbstbewusstsein einer ganzen Gemeinde zeigt sich auch in Prag: 1490, etwa 50 Jahre vor der Erlangung des bedingungslosen Aufenthaltsrechts, trugen die Prager Juden anlässlich der Krönung von Vladislav II. ein Banner mit einem Davidstern darauf. Mit diesem zutiefst jüdischen Symbol brachte die Prager Judenschaft zum Ausdruck, dass jüdisches Bekenntnis und Patriotismus kein Widerspruch sind.

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Etymologisches Rätselraten

Wann und wo das erste offizielle Ghetto eingerichtet wurde, ist bekannt: in Venedig im Jahr 1516. Unklar ist indessen, woher der Begriff stammt. Über seinen Ursprung gibt es eine Reihe von Theorien. Eine Vermutung führt „Ghetto“ auf das im venezianischen Dialekt für Eisengießerei stehende Wort „getto“ zurück – eine solche Gießerei stand in der Nähe des jüdischen Viertels. Eine weitere These sieht in „Ghetto“ eine Verkürzung des italienischen „Borghetto“ (kleines Stadtviertel). Selbst „Egitto“ (italienisch für Ägypten) und „Get“ (Hebräisch für Scheidungsbrief) wurden als Namensgeber ins Spiel gebracht.
Oder ist das Wort germanischen Ursprungs? Dieser Theorie zufolge ginge es auf „Gasse“ zurück. In diesem Fall wäre es nicht nur von der Bedeutung her, sondern auch sprachlich mit der Judengasse vergleichbar. Das Wort hat bis heute Versionen, in denen statt des „s“ ein „t“ steht, so etwa bei „gata“ (Straße auf Schwedisch). Das englische Wort „gate“ und das niederländische „gat“ gehen auf dieselbe Wurzel zurück, auch wenn sie mit „Tor, Eingang“ beziehungsweise „Loch, Öffnung“ eine andere Bedeutung haben.

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