16. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2016 | 22. Aw 5776

Schwerer Anfang

Die Sommerakademie des Zentralrats setzte sich mit jüdischem Leben im Nachkriegsdeutschland auseinander

Von Barbara Goldberg

Das Ende des Zweiten Weltkrieges wird in Deutschland oft als „Stunde null“ bezeichnet – der Beginn eines komplizierten Neuanfangs nach der Kapitulation des „Dritten Reiches“. Aus jüdischer Sicht bedeutete die Zerschlagung der nationalsozialistischen Mordmaschinerie, die leider nur wenige jüdische Verfolgte erlebten, eine Zäsur besonderer Art. Die meisten Juden, die sich unmittelbar nach Kriegsende auf deutschem Boden befanden, waren ehemalige KZ-Häftlinge, die in Deutschland befreit wurden oder die nach ihrer Befreiung aus Osteuropa nach Deutschland kamen und in den DP-Lagern Schutz suchten. Zum kleineren Teil handelte es sich um deutsche Juden, vor allem solche, die die NS-Verfolgung in der Illegalität überlebt hatten.
Die allermeisten ehemaligen Verfolgten wollten nur fort vom Land der Täter. Bis Anfang der Fünfzigerjahre wanderten die meisten daher aus. Die aber, die blieben, hatten jahrelang mit der Frage zu kämpfen, wie sie ausgerechnet in Deutschland ihr Leben weiterführen konnten.
Unter dem Titel „Jüdische Perspektiven auf Nachkriegsdeutschland“ befasste sich im vergangenen Monat in Frankfurt am Main die Sommerakademie der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland mit der Nachkriegsentwicklung der jüdischen Gemeinschaft. „Dieses Thema hat sich uns förmlich aufgedrängt“, so Prof. Dr. Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, „da wir feststellen mussten, dass die Hintergründe des neu entstandenen Judentums in der Bundesrepublik mehr und mehr verblassen und vor allem von den Neuzuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion gar nicht mehr gekannt werden.“
Mit dem so komplexen Thema konnten sich die Seminarteilnehmer mithilfe literarischer und filmischer Mittel auseinandersetzen. An Authentizität nicht zu überbieten waren aber Gespräche mit Zeitzeugen. So beschrieb Mejer Szanckower aus Frankfurt seine Kindheit im DP-Lager im bayerischen Föhrenwald mit den Worten: „Wir waren nicht in Deutschland. Wir haben exterritorial gelebt und hatten keinen Kontakt zu den Einheimischen. Wir wurden verwaltet.“ Bei seiner Charakterisierung der damaligen Verhältnisse erwähnte Szanckower auch den besonderen Pass, den die Bewohner des Lagers erhielten: „Heimatlose Ausländer“ habe darin als Angabe zur Staatsangehörigkeit gestanden. „Wir waren mehrfach entwurzelt“, ergänzte Sammy Weinberger, ebenfalls aus Frankfurt, der 70 Angehörige im Holocaust verloren hatte.
„Unsere Eltern hatten Angst vor den deutschen Behörden, vor deutschen Ärzten“, erinnerte sich eine ältere Dame aus dem Publikum. Gemeint war, wohlgemerkt, die Zeit nach dem Krieg. „Habt ihr zu Hause darüber, über die Schoa, gesprochen?“, wollte Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung, von den Zeitzeugen wissen. Kopfschütteln – bei allen. Aber auch das Ungesagte wirkt stets fort. „Die Geschichten unserer Eltern und Großeltern sind immer auch unsere Geschichten“, erklärte Sabena Donath – auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrung.
Einen weiteren Schwerpunkt der Veranstaltung bildete das Wirken des jüdischen Juristen Fritz Bauer. Bauer, 1903 in Stuttgart geboren und 1936 nach Skandinavien geflüchtet, kehrte 1949 nach Deutschland zurück und wurde 1956 zum hessischen Generalstaatsanwalt berufen. In dieser Eigenschaft hatte er entscheidenden Anteil daran, dass SS-Männer, die ihren „Dienst“ in Auschwitz getan hatten, in den sogenannten Auschwitzprozessen in den Sechzigerjahren vor Gericht gestellt wurden.
Bei der Sommerakademie trat als Zeitzeuge einer der damals mit dem Gerichtsverfahren befassten Staatsanwälte, Gerhard Wiese, auf. Unumwunden erklärte Wiese, in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg habe er den Berichten und Bildern aus den Konzentrationslagern nicht geglaubt. Dann aber hatte ihm Bauer die Aufgabe erteilt, als einer der Ankläger im Auschwitzprozess mitzuwirken. Dadurch hatte Wiese die grauenhafte Realität der Naziverbrechen erkannt. Bei der Sommerakademie schilderte Wiese, wie die Zeugen, meist Überlebende von Auschwitz, damals im Gerichtssaal ihren früheren Peinigern zum ersten Male wieder gegenübergetreten waren, wie manche von ihnen distanziert und fast unpersönlich ausgesagt hatten, so als seien nicht sie selbst es gewesen, denen man das alles angetan hatte, während andere unter der Last der wiederkehrenden Erinnerung fast zusammengebrochen waren.
Das Verdienst Bauers wird dadurch, dass es am Ende des Prozesses sogar einige Freisprüche gab, nicht geschmälert: „Was hat diesen Mann angetrieben?“, wollte Prof. Kiesel wissen. „Bauer war Patriot und ein politisch denkender Humanist, der meinte, dass man sich den Deutschen zuwenden müsse, kritisch zwar und mit der Absicht, sie umzuerziehen, aber dennoch auch mit Hoffnung und Vertrauen, vor allem auf die Jugend“, beschrieb Werner Renz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurter Fritz Bauer In­stitut, die Persönlichkeit des jüdischen Remigranten.
Nach dem Seminar war Dimitrius Berger nachdenklich. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie wenig er selbst über seine eigene Familie weiß. Dimitrius stammt aus der ehemaligen Sowjetunion und studiert derzeit in Norddeutschland Medizin. Auch Jörg, Justizbediensteter, Student und Mitglied der Liberalen Gemeinde München, hörte die ganze Zeit über konzentriert zu. „Dichtgedrängt, hochinformativ“, fand Jörg die diesjährige Akademie. Vielen jungen Leuten war es unbegreiflich, wie die Überlebenden sich damals ausgerechnet in Deutschland niederlassen konnten.
„Wer hier leben und eine jüdische Identität entwickeln will, muss diese politischen, kulturellen und historischen Hintergründe und Zusammenhänge kennen“, ist Doron Kiesel überzeugt. Vielleicht lässt sich nur so ermessen, wie viel Mut und Überlebenswillen es diese ersten jüdischen Bürger gekostet hat, hier heimisch zu werden und ein neues jüdisches Leben zu etablieren. Dank des von ihnen gelegten Fundaments fällt es der heutigen Generation so viel leichter, als selbstbewusste Juden Teil Deutschlands zu sein.