16. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2016 | 22. Aw 5776

Breites Spektrum

In Bonn tagte die Union progressiver Juden

Von Heinz-Peter Katlewski

Ein reichhaltiges Programm hatte die 22. Jahrestagung der Union progressiver Juden (UpJ) zu bieten, die Ende Juli in Bonn stattfand. Zu der Tagung waren mehr als 170 Teilnehmer aus 22 der insgesamt 24 in Deutschland tätigen Mitgliedsgemeinden der UpJ gekommen.
In einem Grußwort würdigte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, den jüdischen Pluralismus: „Zuweilen“, so Dr. Schuster, „kann Verschiedenheit anstrengend sein. Zuweilen droht sie uns zu überfordern. Doch völlige Gleichheit wäre Stillstand. Eine Religionsgemeinschaft entwickelt sich nicht weiter, wenn sich alle einig sind. Das wäre auch ganz und gar unjüdisch.“
Dr. Schuster betonte, dass er in einer traditionellen Familie aufgewachsen sei, die sich zugleich als offen und modern verstanden habe. So hätten ihn seine Eltern Anfang der Sechzigerjahre bei einem Besuch in Haifa in den Gottesdienst einer Reformsynagoge mitgenommen: „Ich sollte das auch mal kennenlernen.“ Er wünsche sich allerdings, dass sich die Vielfalt der jüdischen Richtungen unter dem Dach des Zentralrats versammle: „Wir vertreten die Interessen der unterschiedlichen Strömungen“, betonte er.
Unter den Gästen der Tagung konnte die UpJ-Vorsitzende, Sonja Guentner, unter anderem die Vorsitzende der Europäischen Union für progressives Judentum, Miriam Kramer aus London, und den Vorsitzenden der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Rabbiner Dr. h. c. Henry G. Brandt begrüßen.
Die Themenpalette der Vorträge und Workshops reichte von jüdischer Religionspraxis und Philosophie über aktuelle Themen jüdischen Lebens bis hin zu einer besonderen Tagung für mitgereiste Kinder. Und natürlich waren die Schabbat-Gottesdienste ein untrennbarer Teil der inzwischen Tradition gewordenen Zusammenkunft.
Mit Erscheinungsformen des Rechtsextremismus, dessen Schlüsselpersonen und Veränderungen beschäftigte sich ein Workshop des Leiters der Staatsschutzabteilung der Dortmunder Polizei, Georg Steinert. Eine Gruppe von Teilnehmern bereitete sich auf das nahende Ende des jüdischen Jahres und auf die Hohen Feiertage vor und lernte unter Anleitung von Annette Willing, Mezzosopran und Vorsängerin, wie man Schofar bläst. Kantorin Aviv Weinberg vermittelte in zwei Sitzungen Melodien zum Tischgebet und Segenssprüche. Die stellvertretende UpJ-Vorsitzende Debbie Tal-Rüttger übte mit den Teilnehmern Schabbatlieder ein, während Ralph Selig und Paul Yuval Adam einen Chor zusammenstellten, der die Melodien für die Kabbalat-Schabbat erlernte.
Der liberale Rabbiner von Beth Shalom in München, Dr. Tom Kucera, sprach in einer großen Runde über die Frage „Schöpfung oder Evolution?“. Er überraschte manche Gesprächspartner mit der Erklärung, schon in Kommentaren des Talmuds, besonders aber bei den großen Gelehrten wie Raschi und Maimonides sei der Schöpfungsbericht der Tora nicht als Tatsachenbericht verstanden worden. Vor allem aber habe es in der jüdischen Tradition durchaus Vorstellungen von einem evolutionären Prozess der Schöpfung gegeben. Der Mensch sei sogar als Mitschöpfer begriffen worden: Aus der Ähre werde schließlich durch den Menschen ein Brot und aus Flachs ein Kleidungsstück.
Auch für Themen wie Gemeindemanagement, Pflanzen in der Bibel oder die tanachischen Erzmütter Lea und Rachel war bei der UpJ-Tagung Platz. Tabuthemen wurden nicht ausgespart und fanden sogar mehr Teilnehmer als erwartet. Margarita Suslovic vom Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Niedersachsen informierte darüber, was bei einem Todesfall zu tun sei.
Am Rande der UpJ-Jahrestagung fand eine Mitgliederversammlung des Bundes progressiver Zionisten ARZENU statt. Der deutsche Zweig wählte einen neuen Vorstand. Gewählt wurden Paul Yuval Adam (Bielefeld), Irmgard Trautwetter (Hamburg), Benno Simoni (Berlin), Jakob Walbe und Joel Michalowicz (beide Hannover).