16. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2016 | 22. Aw 5776

Entschlossenheit und Solidarität

Die jüdische Gemeinschaft weiß um die Notwendigkeit, den Terrorismus mit vereinten Kräften zu bekämpfen

Jude zu sein, macht noch niemanden zum Terrorismus-Experten. Allerdings haben wir als Juden ganz und gar unfreiwillig einige Erfahrung mit dem Leben im Schatten terroristischer Bedrohung. Wir kennen die Spannung, die es auslöst, sich im Fadenkreuz von Terroristen, egal welcher Provenienz, zu ahnen. Schon in jüdischen Kindergärten und Schulen lernen unsere Kinder, was es bedeutet, unter strengen Sicherheitsauflagen zu leben. Die meisten von uns haben Familie oder Freunde in Israel. Wir kennen das Gefühl plötzlicher Leere, gefolgt von hektischen Handy-Anrufen an uns nahestehende Menschen, die in der Nähe des Anschlagsortes waren oder doch hätten sein können.
Die Mischung aus Angst, Zorn und Ohnmachtsgefühl, wenn ein Anschlag –
gleich wo: in Paris, in Nizza, in Ansbach oder anderswo – verübt wird, ist uns seit Langem vertraut. Wir wissen auch, dass man sich daran nicht gewöhnen kann. Von diesen Empfindungen kann man, um George Orwell zu paraphrasieren, nur eins wünschen: dass sie aufhören.
Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist, wie alle anderen Bürger des Landes, über die Woge terroristischer Angriffe erschüttert, die sich vor unserer Haustür ausbreitet. Jeder Mensch ist, so lehrt das Judentum, eine Welt in ihrer ganzen Fülle, und um jedes Terroropfer trauern wir in dem Wissen, dass ein Mensch aus dem Leben gerissen wurde, der sich von allen anderen unterschied und für den es keinen Ersatz geben kann.
Jeder Terroranschlag ist ein durch nichts zu entschuldigender Mord. Hier maßen sich Verbrecher an, im Namen einer Ideologie – im vorliegenden Fall im Namen eines „heiligen Krieges“ – sich zu Herrschern über Leben und Tod aufschwingen zu dürfen. Angesichts solcher Gefahr ist die Pflicht eines jeden Staates, seine Bürger und deren Grundrecht auf Leben zu schützen. Den Terroristen müssen die Sicherheitsbehörden entschlossen entgegentreten. Alles andere würde bedeuten, die Menschen, die es zu schützen gilt, im Stich zu lassen.
Indessen ist der Kampf gegen Terrorismus eine schwere Herausforderung. Bei ihrer Bewältigung sind Erfolge zumeist relativ und Rückschläge unvermeidlich. Daher verlangt dieser Kampf nicht nur politische Entschlossenheit und hohe Professionalität seitens der Antiterrorexperten, sondern, unabdingbar, auch gesellschaftliche Solidarität. Die Front im Kampf gegen den Terrorismus verläuft nicht zwischen Religionen oder Kulturen, sondern zwischen der großen Mehrheit derjenigen, denen das Leben heilig ist, und der barbarischen Minderheit, die es verachtet.
Diese Solidarität muss auch alle vom Terrorismus bedrohten Staaten einschließen. Damit ist ein für uns seit Langem schmerzhaftes Problem angesprochen: Terrorismus, der sich gegen Israel richtet, stößt in Teilen der westlichen Öffentlichkeit auf Gleichgültigkeit. In bestimmten Fällen wird ihm sogar Verständnis – bis hin zu antisemitischer Häme – entgegengebracht. Terrororganisationen, die ganz offen Israels physische Vernichtung fordern, werden nicht selten als „politische Bewegungen“ mit einem „militärischen Arm“ verharmlost.
Es wird Zeit, universell zu verinnerlichen, dass Terrorismus gegen Israel und Israelis genauso ein Gräuel ist wie Terrorismus gegen andere Ziele und dass Israel genauso wie jeder andere Staat das Recht und die Pflicht hat, sich zu schützen. Es ist zu hoffen, dass sich diese Wahrheit wenigstens jetzt auch in Kreisen durchsetzt, in denen sie bisher nicht selbstverständlich war. Seinerseits hat Israel dem Westen seine Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus ohne jegliche Bedingungen angeboten – wie es sich gehört.

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