16. Jahrgang Nr. 7 / 28. Juli 2016 | 22. Tammus 5776

Das alte Haus

Das mittelalterliche jüdische Gemeindezentrum in Schwäbisch Gmünd wird als Begegnungsstätte saniert

Von Brigitte Jähnigen

Wie interessant kann schon die Sanierung eines alten Hauses sein? Im vorliegenden Fall lautet die Antwort: sehr. Am 16. Juni 2016 wurde im Bau- und Umweltausschuss des Gemeinderates von Schwäbisch Gmünd unter dem Namen „Imhofstraße 9“ nämlich die Renovierung des mittelalterlichen jüdischen Gemeindezentrums vorgestellt. Nach Abschluss der Arbeiten soll das Haus eine Stätte für interkulturellen und interreligiösen Austausch werden.
Vorangetrieben wird das Projekt von Robert Dinser. Der Unternehmer aus Schwäbisch Gmünd hat das Haus in der Imhofstraße erworben und macht es mithilfe seiner Stiftung Heiligenbruck wieder nutzbar.
Seinerzeit prägte das Gebäude das Stadtbild wesentlich mit. Ein Merian-Stich mit der Stadtansicht von Schwäbisch Gmünd aus der Mitte des 17. Jahrhunderts zeigt das Haus als ein repräsentatives Bauwerk mit Staffelgiebel, das neben dem Königsturm an höchster Stelle des Ortes steht. Dort steht jetzt auch Robert Dinser und öffnet die Dachluken im dritten Stockwerk des historischen Gebäudes. Um ihn herum eine marode Bausubstanz, statisch gesichert durch metallene Verspannungen.
Wie oft das Haus im Laufe der Jahrhunderte umgebaut worden ist, kann heute nur schwer ermittelt werden. Doch seine Nutzung als Schulhof und Synagoge ist archivalisch belegt. Mit einer Urkunde von 1358 und Quellenangaben aus weiteren Jahren lässt sich dies bezeugen.
„Bei diesem Gebäude handelt es sich um das einzige bis zum Dach erhaltene frühgotische Steinhaus der Stadt – mit dem ältesten Dachstuhl“, sagt Dinser. Ob das Gebäude schon 1288 (aus diesem Jahr datieren die ältesten Stützen im Dachstock) als Sakralbau genutzt wurde, ist unklar, für Dinser, der sich in der 80.000 Einwohner zählenden Stadt schon an anderer Stelle mit der Sanierung von Altbausubstanzen verdient gemacht hat, aber auch nicht entscheidend. „Auf diese Frage lässt sich die 700 Jahre alte Geschichte des Hauses nicht reduzieren“, sagt er. Die Nutzung als „schulhove und synagog“ ist jedenfalls belegt. Ein gewisser Jud Salomon zahlte dafür einen jährlichen Zins. Mit der endgültigen Ausweisung der Juden aus Schwäbisch Gmünd im Jahr 1501 war diese Ära aber vorbei.
Ursprünglich hatte Hauskäufer Dinser geplant, in dem Gebäude nach einer umfassenden Sanierung drei Wohnungen einzubauen. Allerdings kam im Erdgeschoss beim Abriss der Kamine eine bisher verborgene Decke ans Tageslicht. Bauhistorische Untersuchungen offenbarten weitere Funde, da­runter mehrere Eingänge, Kratzspuren neben einem der Eingänge – sie zeigen ein sakrales Symbol – und Malereien mit ritueller Bedeutung. Dr. Simon Paulus vom Lehrstuhl der Architekturgeschichte der Universität Stuttgart sagt: „Schwäbisch Gmünd hat ein Judenhaus – der lateinische Begriff lautet Domus Judaeorum –, das mit jüdischen Gotteshäusern in Speyer, Erfurt oder Prag vergleichbar ist.“ Für die Stadt, so der ausgewiesene Kenner mittelalterlicher Synagogen, sei die Imhof­straße 9 von großer Bedeutung, darüber hinaus aber sei das Objekt auch „als ein für den mitteleuropäischen Raum einzigartiges Zeugnis jüdisch-christlicher Lebenswelten im Mittelalter einzuschätzen“. Mit dem Haus in Schwäbisch Gmünd stehe nämlich erstmals ein Beispiel für einen solchen Typus zur Verfügung.
Was aber bewegt einen Unternehmer wie Dinser, den Kauf der Imhofstraße 9 mit allen Konsequenzen als Fügung zu bezeichnen, auch wenn er „manchmal dabei kaum mehr Luft bekommt“? Jetzt schon hat er 300.000 Euro investiert; und von den geschätzten Baukosten bis zur Fertigstellung sind bisher nur 40 Prozent gesichert. „Ich war in jungen Jahren zweimal in Israel. Am Toten Meer fand ich nach einem schweren Gewitter Unterschlupf bei israelischen Soldaten“, erzählt er. Einer habe Deutsch gesprochen und ihm Gebäck angeboten – nach deutschem Rezept von der Großmutter gebacken. „So viel Offenheit werde ich nie vergessen“, sagt Robert Dinser. Ob diese Offenheit ein Impuls war, sich stärker mit spirituellen Fragen zu beschäftigen, sagt er nicht. Aber: „So bin ich bei Meister Eckhart gelandet.“ Dieser mittelalterliche Theologe und Philosoph habe Grundsätze für „eine konsequente und spirituelle Lebenspraxis im Alltag“ aufgestellt.
Ab 2019 könnte das Haus anlässlich der interkommunalen Gartenschau Remstal genutzt werden. Im Dachgeschoss soll die Geschichte der Gmünder Juden von 1241 bis 1802 – in jenem Jahr büßte Schwäbisch Gmünd den Status einer Reichsstadt ein – dargestellt werden.
Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) und Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüßt das Projekt: „Es ist sehr erfreulich, wenn derjenige, der das Gebäude erworben hat, dieses auch als Denkmal erhalten möchte und damit den Bürgern einen Einblick ins Judentum des Mittelalters ermöglicht. Denn dieses Gebäude ist ein Beispiel dafür, wie lebendig das Judentum zu dieser Zeit war. Ich würde mir wünschen“, so Barbara Traub, „dass Herr Dinser viele Unterstützer findet.“