16. Jahrgang Nr. 7 / 28. Juli 2016 | 22. Tammus 5776

Freiheitskämpfer

Im Spanischen Bürgerkrieg leisteten Juden einen herausragenden Beitrag zur Verteidigung der Zweiten Republik

In diesem Sommer jährt sich zum 80. Mal der Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges. Im Juli 1936 erhob sich eine Gruppe von Generalen an der Spitze großer Teile der spanischen Streitkräfte gegen die legitime Regierung der Zweiten Spanischen Republik. Der Coup entwickelte sich zu einem langen und blutigen Konflikt zwischen der Regierung und den putschenden Nationalisten. Am Ende konnten sich die Putschisten durchsetzen. Ihr Anführer, General Francisco Franco, blieb bis zu seinem Tod 1975 Diktator des iberischen Landes.
In den Bürgerkrieg griffen vor allem Nazideutschland und das faschistische Italien aufseiten der Nationalisten ein. Dagegen versuchte die Sowjetunion, der Republik unter die Arme zu greifen, hatte dabei aber hauptsächlich ihre eigenen politischen Interessen im Auge.
Mithilfe der von Moskau aus gesteuerten Komintern stellte die republikanische Regierung im Oktober 1936 die sogenannten Internationalen Brigaden auf. Zu deren Fahnen eilten Freiwillige aus vielen Ländern, vor allem aus Ost- und aus Westeuropa, aber auch aus den USA. Ein großer Teil von ihnen waren Kommunisten, doch kamen auch andere, unter ihnen Idealisten, die sich ohne parteipolitische Prägung den Putschisten in den Weg stellen wollten.
Wie viele Juden in den Reihen der Interbrigaden dienten, so der Historiker Moisés Orfali, ist nicht eindeutig zu ermitteln. Wie Orfali, Professor für Jüdische Geschichte an der israelischen Bar-Ilan-Universität, im Gespräch mit der „Zukunft“ erklärte, schwanken plausible Schätzungen zwischen 7000 und 10.000 Juden, die während des Krieges für die Republik gekämpft haben. Das entspricht rund 12 bis 17 Prozent der rund 60.000 internationalen Freiwilligen – ein sehr hoher jüdischer Anteil, gemessen an der Demografie der Ursprungsländer.
Wie der britische Experte für jüdische Militärgeschichte Martin Sugarman errechnete, kämpften in den Jahren 1936 bis 1939 Juden aus insgesamt 53 Ländern an der Seite der Republik. Das größte Kontingent stellten polnische Juden, die zugleich
45 Prozent aller aus Polen stammenden Freiwilligen ausmachten. 38 Prozent aller amerikanischen Spanienkämpfer, aber nur 4 Prozent aller US-Bürger, waren Juden. 15 Prozent der französischen und 11 bis 22 Prozent der britischen „Interbrigadisten“ waren ebenfalls Juden – dies bei einem jüdischen Bevölkerungsanteil in diesen Staaten von jeweils nur 0,5 Prozent. Mindestens 500 deutsche Juden schlossen sich den Interbrigaden an. Eine Laune des Schicksals: Sowohl der erste als auch der letzte Gefallene, den die Interbrigaden zu beklagen hatten, waren Juden: Leon Baum aus Frankreich beziehungsweise Haskel Honigstern aus Polen.
Für viele jüdische Spanienkämpfer war ihre jüdische Identität ein wichtiger Beweggrund für den Eintritt in den Spanischen Bürgerkrieg. Der aus Lettland stammende, nach dem Bürgerkrieg in Großbritannien lebende Spanienveteran Simon Hirschmann erklärte in seinen Erinnerungen, junge Juden im Europa der Zwischenkriegszeit hätten sich als Antwort auf den Antisemitismus entweder der kommunistischen oder aber der zionistischen Bewegung angeschlossen. Die Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg habe ihnen die Möglichkeit geboten, für ihre Ideale mit der Waffe in der Hand zu kämpfen.
Im November 1938 löste die spanische Regierung unter britischem und französischem Druck die Internationalen Brigaden auf – nicht zuletzt in der Hoffnung, dadurch eine Aufhebung des westlichen Waffenembargos zu erreichen. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Im März 1939 ergab sich die Zweite Republik den Rebellen.
Ein Großteil der ausländischen Kämpfer flüchtete bei Kriegsende nach Frankreich. Zahlreiche dieser „Internacionales“, darunter auch Juden, wurden von den französischen Behörden interniert und während des Zweiten Weltkrieges zum Teil an die Machthaber des „Dritten Reichs“ ausgeliefert.
Das spätere Leben jüdischer Spanienfreiwilliger entwickelte sich höchst unterschiedlich. Allein schon der Blick auf einige Beispiele vermittelt den Eindruck großer Vielfalt. Ein bekannter Spanienkämpfer war Kurt Goldstein, 1914 in Westfalen geboren. 1933 entzog sich das jüdische KPD-Mitglied der Verhaftung durch Flucht nach Luxemburg und nach Frankreich. Ein Jahr lang lebte Goldstein auch in Israel. Im November 1936 schloss er sich den Internationalen Brigaden an. Nach Ende des Bürgerkrieges war er in Frankreich interniert und wurde später an Deutschland ausgeliefert. Goldstein überlebte Auschwitz und den Todesmarsch nach Buchenwald. In der DDR war er jahrelang Rundfunkintendant. Später wurde er Vizepräsident, dann Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. 2005, zwei Jahre vor seinem Tod, erhielt er das Bundesverdienstkreuz.
Keine Nachkriegsehren erhielt der in der Bukowina geborene Manfred Stern. Im Ersten Weltkrieg als österreichisch-ungarischer Soldat in russische Kriegsgefangenschaft geraten, wurde er Bolschewik, blieb in der Sowjetunion und machte Karriere beim sowjetischen Militärnachrichtendienst GRU. Unter dem Decknamen Emilio Kléber nahm er am Spanischen Bürgerkrieg teil und zeichnete sich im November 1936 als Brigadekommandeur bei der Verteidigung Madrids aus. Von der sowjetischen Propaganda wurde er daraufhin als „Retter von Madrid“ gepriesen. Viel geholfen hat es ihm nicht: Nach der von Moskau befohlenen Rückkehr in die Sowjetunion wurde er 1939 von einem Militärgericht zu 15 Jahren Arbeitshaft verurteilt. Wenige Monate vor Ablauf seiner Haft starb Stern 1954 in einem Arbeitslager.
Der amerikanische Kommunist Jack Shulman wiederum, der in der internationalen Lincoln-Brigade und während des Zweiten Weltkrieges in der amerikanischen Armee gedient hatte, konnte sich mit der Abwendung der kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten vom Stalinismus 1956 nicht abfinden. Shulman suchte daraufhin den „wahren Kommunismus“ in anderen Gefilden und reiste 1968 nach China, wo er während der Kulturrevolution englischsprachige Propaganda Pekings redigierte. Später wandte er sich der KP Albaniens zu. Ganz anders verlief die politische Laufbahn des britischen Kommunisten und Spanienkämpfers Alfred Sherman. Von den Franco-Truppen gefangen genommen und deportiert, wurde er mit der Zeit ein Konservativer und war einer der engsten Berater der späteren britischen Ministerpräsidentin Margaret Thatcher.
Ein ausgesprochener Haudegen war der 1897 geborene kanadisch-amerikanische Boxer, Soldat, Abenteurer, Guerillakriegsexperte, Militärberater und Buchautor Bert Levy. Während seines Lebens nahm er an fünf Kriegen oder bewaffneten Konflikten teil und durfte britische, amerikanische und kanadische Truppen in der Guerillakriegsführung unterrichten. Sein Wissen zu diesem Thema war bei den Streitkräften so begehrt, dass sie sich nicht einmal von einem problematischen Lebensabschnitt Levys abschrecken ließen: Ende der Zwanziger- und Anfang der Dreißigerjahre hatte „Yank“ – so sein Spitzname – wegen einer Serie bewaffneter Raubüberfälle sechs Jahre im amerikanischen Justizvollzug verbracht.
Geordneter verlief die Militärlaufbahn von Schimon Avidan. 1911 in Deutschland als Siegbert Koch geboren, wanderte er mit 23 Jahren nach Israel aus, von wo aus er zwei Jahre später in den Krieg nach Spanien zog. Im israelischen Unabhängigkeitskrieg war er Brigadekommandeur in der israelischen Armee und nahm an mehreren entscheidend wichtigen Militäroperationen teil. Anschließend zog er aber die Uniform aus: Wie der spätere israelische Staatspräsident Chaim Herzog meinte, stand Avidan für Ministerpräsident David Ben Gurion zu weit links.
Ein Spanienkämpfer war auch der Maler Fernando Gerassi. 1899 in der Türkei geboren, studierte er in Berlin, lebte in Frankreich und stellte seine Bilder in Spanien aus – unter anderem gemeinsam mit Pablo Picasso. Im Bürgerkrieg befehligte der Sefarde Gerassi eine Zeit lang die polnische Dabrowski-Brigade. Der ihm als Juden nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges drohenden NS-Verfolgung konnte er sich durch Flucht in die USA entziehen, wo er sich der Malerei widmete. Nachdem die CIA ihm jahrelang mit der Deportation ins franquistische Spanien gedroht hatte, setzte 1964 kein anderer als der damalige Justizminister Robert Kennedy Gerassis Einbürgerung durch.
Die Erforschung des jüdischen Beitrags zur Verteidigung der spanischen Republik setzte noch während des Bürgerkrieges ein. Unter dem Titel „Los judíos voluntarios de la libertad: un año de lucha en las Brigadas Internacionales“ (Die jüdischen Freiwilligen der Freiheit: ein Jahr des Kampfes in den Internationalen Brigaden) veröffentlichten die Brigaden 1937 in Madrid ein von der jüdischen Journalistin Gina Medem verfasstes Buch zum Thema. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet jedoch nicht allzu intensiv vorangetrieben, bei den meisten Veröffentlichungen handelte es sich um Erinnerungen von Kriegsveteranen. Wohl gab es Ausnahmen, darunter das 1989 in Frankfurt erschienene Buch des Historikers und Publizisten Arno Lustiger „Schalom Libertad: Juden im spanischen Bürgerkrieg“.
Im Ostblock waren die „wilden“ Helden von Spanien generell den Behörden suspekt, und ein gutes Wort über Juden zu sagen, lag den Machthabern östlich des Eisernen Vorhangs erst recht fern. Im Gesamtergebnis ist die jüdische Teilnahme am Kampf der Internationalen Brigaden ein Thema, bei dessen historischer Auswertung es noch viele weiße Flecken gibt.
Auch in der jüdischen Welt begegneten manche dem jüdischen Einsatz in Spanien mit Ambivalenz. Das geschah nicht etwa aus Sympathie für die Putschisten. Allerdings, so Prof. Orfali, unterstrich die hohe Zahl der jüdischen Spanienkämpfer den hohen Anteil von Juden an der kommunistischen Bewegung in Europa – etwas, was in vielen jüdischen Kreisen alles andere als Begeisterung auslöste. In Mandatspalästina wiederum meinten viele Juden während des Bürgerkrieges, die Spanienfreiwilligen hätten lieber zu Hause bleiben sollen, um das jüdische Gemeinwesen verteidigen zu helfen.
Von den faschistischen Rebellen wurde die Teilnahme von Juden an der Verteidigung der Republik als Teil einer antispanischen und antikatholischen Verschwörung dargestellt. Allerdings begegneten die jüdischen Freiwilligen antisemitischen Vorurteilen auch in den Reihen der Republikaner. Generell galt, dass Einheiten der Internationalen Brigaden vom republikanischen Oberkommando oft zu den gefährlichsten Einsätzen abkommandiert wurden. Das war eine der Ursachen für die hohen Verluste der internationalen Einheiten – die jüdischen Kämpfer natürlich inbegriffen.
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Die jüdische Kompanie

Grundsätzlich wurden die Internationalen Brigaden nach Ländern aufgestellt. So kämpften die jüdischen Freiwilligen in Einheiten ihrer Herkunftsländer. Im Rahmen des Palafox-Bataillons der polnischen Dabrowski-Brigade wurde im Dezember 1937 aber auch eine eigene jüdische Kompanie aufgestellt: die Botwin-Kompanie. Benannt wurde sie nach dem in Polen 1925 hingerichteten jungen jüdischen Kommunisten Naftali Botwin. An sich entsprach eine jüdische Einheit nicht dem von den kommunistischen Parteien propagierten „Internationalismus“, doch erhoffte man sich von ihr einen positiven Propagandaeffekt und mehr jüdische Freiwillige.
In jedem Fall schrieb die Kompanie Geschichte. Schließlich handelte es sich um die erste vollausgewachsene militärische Formation mit offizieller Kommandosprache Jiddisch, inklusive einer jiddischen Frontzeitung. Ihre Soldaten kämpften in dem Bewusstsein, dass ihr Judentum nicht anonymisiert werden konnte. Das war auch für viele jüdische Freiwillige in anderen Einheiten wichtig.
In der Praxis dienten bei „Botwin“ nicht nur Juden. Die Reihen der Kompanie wurden vor allem durch Polen und Spanier aufgefüllt. Eine frappierende Begebenheit war die Tatsache, dass zwei palästinensische Araber in die Reihen der Botwin-Kompanie traten. Einer von ihnen, ein Jerusalemer, sprach auch Jiddisch. An der symbolischen Bedeutung der Einheit änderte der Dienst von Nichtjuden wenig. Bei der Demobilisierung der Internationalen Brigaden wurde die Kompanie aufgelöst.
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