16. Jahrgang Nr. 7 / 28. Juli 2016 | 22. Tammus 5776

Lebensrettende Erfindung

Römisches Krankenhaus für Rettung von Juden vor den Nazis geehrt

Normalerweise sollten Hospitäler Krankheiten heilen und sie nicht erfinden. Der Fall des Römischen Krankenhauses Ospedale Fatebenefratelli ist aber ganz anders gelagert: Während der deutschen Besatzung Roms vom September 1943 bis Juni 1944 erfand die altehrwürdige medizinische Anstalt eine nichtexistente Krankheit, um 40 Juden vor den Nazis zu retten. Jetzt zeichnete die Internationale Raul-Wallenberg-Stiftung das Krankenhaus mit dem Ehrentitel „Haus des Lebens“ aus.
Das Ospedale Fatebenefratelli legte damals nicht nur Mut, sondern auch erstaunlichen Erfindungsreichtum an den Tag, um nicht zu sagen: segensreiche Chuzpe. Nachdem es rund 40 – gesunden – Juden Zuflucht geboten hatte, schöpften die deutschen Besatzer Verdacht und wollten die Lage vor Ort prüfen. Da verfielen die italienischen Mediziner auf eine im Wortsinne lebensrettende Idee: Sie brachten die Juden auf zwei Stationen unter und erklärten deutschen Besatzungsoffizieren, dort seien Patienten mit der hochgradig ansteckenden und lebensgefährlichen „K-Krankheit“ isoliert worden.
Um ihre Gesundheit besorgt, bestanden die deutschen „Besucher“ nicht darauf, die beiden Stationen zu inspizieren. Ihnen entging auch die subtile Ironie bei der Namensgebung der erfundenen Krankheit: Das K stand für die Familiennamen von Albert Kesselring, dem deutschen Oberbefehlshaber in Italien, und Herbert Kappler, dem deutschen Polizei- und SD-Kommandeur in Rom. So überlebten die vom angeblichen „Morbo di K“ befallenen Juden bis zur Befreiung.
Der damalige Krankenhausdirektor Professor Giovanni Borromeo wurde 2004 postum von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem – in Anerkennung einer anderen Rettungsaktion – als „Gerechter unter den Völkern“ anerkannt. Jetzt wurde das Krankenhaus selbst für seine ebenso selbstlose wie tollkühne Tat ausgezeichnet.
Bei der Anbringung der Gedenktafel im Hof des Ospedale Fatebenefratelli waren unter anderen die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Rom, Ruth Dureghello, und ihr Stellvertreter Ruben della Rocca, der geschäftsführende Vizepräsident des Krankenhauses, Fratre Giampietro Luzzato, Krankenhausdirektor Marco Longo und der Sprecher der israelischen Botschaft in Rom, Rafi Erdreich, anwesend.
Ebenfalls dabei waren der heute 96-jährige Psychiater Dr. Adriano Ossicini, damals als junger Arzt ein Ini­tiator der Rettungsaktion, sowie die Überlebenden Gabriele Sonnino und Luciana Tedesco. Die Roul-Wallenberg-Stiftung war durch die Vizepräsidenten Silvia Costantini und Jesus Colina vertreten. Mario Venezia, Präsident der Stiftung des Holocaust-Museums in Rom, betonte, die Rettung habe damals nur gelingen können, weil alle Ärzte und Krankenschwestern des Krankenhauses sich mit den Verfolgten solidarisch zeigten und ausnahmslos Schweigen über die „Patienten“ wahrten.

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