16. Jahrgang Nr. 7 / 28. Juli 2016 | 22. Tammus 5776

Unsere Perspektive

Die Jüdische Allgemeine feiert in diesem Jahr ihr 70. Jubiläum

Zeitungen sind Spiegel der Geschichte, können aber auch selbst Teil der Geschichte werden. Das trifft ganz sicher für die Jüdische Allgemeine zu, die in diesem Jahr ihr siebzigstes Jubiläum feiert.
Mit der damals obligatorischen Genehmigung der britischen Militärregierung wurde die Zeitung 1946 in Düsseldorf gegründet. Seitdem begleitet sie die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nicht nur, sondern gehört dazu.
Die Anfänge waren, wie vieles beim Wiederaufbau des jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland, bescheiden. Die erste Ausgabe des Jüdischen Gemeindeblatts für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen – so hieß das neue Presseerzeugnis zunächst – erschien am 15. April 1946 und umfasste gerade mal vier kleine Seiten. Im November desselben Jahres wurde es von dem aus dem englischen Exil zurückkehrenden jüdischen Journalisten Karl Marx übernommen und zwei Jahre später in Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland umbenannt. Nachdem der Standort der Zeitung von Düsseldorf nach Bonn verlegt wurde, erscheint sie seit 1999 in Berlin.
Der Namensteil „Allgemeine“ blieb der Zeitung bis heute erhalten, allerdings in verschiedenen Variationen: Allgemeine unabhängige jüdische Wochenzeitung, Allgemeine Jüdische Wochenzeitung und schließlich, seit 2002, Jüdische Allgemeine. Oft wurde und wird sie schlicht „die Allgemeine“ genannt. Mit ihrem Namen knüpfte sie an die Tradition der hochangesehenen, 1837 gegründeten und bis 1922 erschienenen „Allgemeinen Zeitung des Judenthums“ an.
1973 wurde die Zeitung vom Zentralrat übernommen und wird seither von ihm herausgegeben und gefördert. Allerdings bewahrt sie ihre redaktionelle Unabhängigkeit und spiegelt die Meinungsvielfalt der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland wider. Gerade dadurch kann sie als eine authentische jüdische Stimme agieren.
Zu ihren Autoren gehört viel Prominenz aus der Bundesrepublik wie aus der jüdischen Welt. Unter den bekannten Namen lassen sich im Redaktionsarchiv beispielsweise der Anfang dieses Monats verstorbene Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel und der Publizist Ralph Giordano finden. In früheren Jahren gehörte auch der spätere Zentralratspräsident Paul Spiegel zur Redaktion. Unter den Autoren der 80-seitigen Sonderausgabe, mit der die Zeitung Ende Juni ihr 70. Jubiläum feierte, war übrigens Bundeskanzlerin Angela Merkel zu finden. Der Kreis der Interviewpartner enthält ebenfalls zahlreiche illustre Namen aus Deutschland wie aus dem Ausland.
Die Allgemeine ist heute bei weitem nicht die einzige jüdische Publikation in der Bundesrepublik. Allein schon ein Blick auf die Zeitungen einzelner jüdischer Gemeinden lässt große Publikationsdichte erkennen, und auch über den Kreis der Gemeindezeitungen hinaus gibt es jüdische Medien in Print und Online. Allerdings ist die Allgemeine als überregionale jüdische Wochenzeitung in der Bundesrepublik eine zentrale und unersetzliche Informationsquelle für jüdische Anliegen.
Die Palette der Berichterstattung und Debatte reicht von aktueller Politik über Religion und Kultur, jüdisches Leben in der Bundesrepublik und die jüdische Welt bis hin zu Israel. Damit ist sie wichtige Lektüre nicht nur für jüdische, sondern auch für nichtjüdische Leser, die sich für diesen Themenkreis interessieren und ebenso unvoreingenommene wie umfassende Informationen suchen. Somit ist die Zeitung auch ein wichtiges Bindeglied zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der Mehrheitsgesellschaft. „Die Jüdische Allgemeine“, so der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, aus Anlass des Jubiläums, „bereichert die gesellschaftlichen Debatten der Republik mit einer jüdischen Perspektive und hat damit weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus eine wichtige Rolle.“
Und zwar nicht nur als eine 22 Seiten starke wöchentliche Druckausgabe – die Auflage von rund 10.000 Exemplaren ist im Abonnement, im Kioskverkauf sowie in Buchhandlungen erhältlich – sondern auch im Internet. Seit 2003 hat die Zeitung eine eigene Homepage, auf der seit mehreren Jahren auch tagesaktuelle Texte zu lesen sind. Die erhöhte Aktualität spricht viele Leser an, wie die Zugriffszahlen des Internetauftritts zeigen. Bei aktuellen Anlässen wird die Internetseite des Blattes besonders häufig angeklickt. Inzwischen kann man die Jüdische Allgemeine auch bei Facebook und Twitter finden. Eine Version für Smartphones gibt es ebenfalls.
Die mit solcher Vielfalt von Aufgaben verbundene Arbeit wird von einem kleinen Redaktionsteam unter der Leitung von Chefredakteur Detlef David Kauschke bewältigt. In den Arbeitsräumen der Redakteure kommt bei diesem Arbeitsanfall alles andere als Langeweile auf. Daran wird sich auch in den kommenden Jahren wohl nichts ändern.

wst