16. Jahrgang Nr. 7 / 28. Juli 2016 | 22. Tammus 5776

Mit Gewalt gegen die Moderne

Seminar des Zentralrats beschäftigte sich mit Fragen des Fundamentalismus

Von Barbara Goldberg

In der politischen und öffentlichen Debatte in Deutschland ist „Fundamentalismus“ wohl einer der am häufigsten gebrauchten Begriffe. Was Fundamentalismus eigentlich ist und was ihn antreibt, bleibt aber oft unklar. Wie kommt es, dass Menschen sogar den Mord an Andersdenkenden oder Andersgläubigen für gerechtfertigt halten? Unter dem Titel „Die Faszination fundamentalistischer Weltbilder“ veranstaltete die Bildungsabteilung des Zentralrates der Juden in Deutschland im Juni in Frankfurt am Main ein dreitätiges Symposium, das sich mit zahlreichen Aspekten des fundamentalistischen Phänomens beschäftigte.
Nach der Begrüßung durch den Vizepräsidenten des Zentralrats, Abraham Lehrer, führten die Leiterin der Bildungsabteilung, Sabena Donath, und der Wissenschaftliche Direktor, Prof. Doron Kiesel, in das Thema ein. Micha Brumlik, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften der Frankfurter Goethe-Universität und heute am Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg tätig, unternahm den Versuch einer generellen Begriffsklärung. Seiner Meinung nach lässt sich der Fundamentalismus nur als Symptom der Moderne verstehen, als Reaktion auf die zunehmende Säkularisierung der Lebenswelten im
19. Jahrhundert, ja, man könne ihn sogar als Versuch ansehen, die auseinandergefallenen Sphären von Politik und Religion wieder zu vereinigen.
Fundamentalisten, so der protestantische Theologe Prof. Friedhelm Wilhelm Graf von der Ludwig-Maximilians-Universität München, hielten sich für eine Elite, die sich im Gegensatz zu anderen im Besitz der Wahrheit befinde und glaube, für „Gewissheit, Orientierung und klare Verhältnisse“ sorgen zu können. „Vor solchen Leuten“, betonte Graf, „muss man Angst haben.“ Die größten Feinde der Fundamentalisten seien Relativismus und Pluralismus. Die Erschütterung, die beispielsweise die Entstehung einer kritischen Bibelwissenschaft ausgelöst habe
– weil diese die heiligen Schriften nicht länger als von Gott offenbarte Wahrheit, sondern als historisches Zeugnis menschlichen Denken und Irrens verstehe –, könne man sich gar nicht heftig genug ausmalen. In allen fundamentalistischen Bewegungen erkennt Graf auch das verzweifelte Bemühen, „die hohe Mehrdeutigkeit religiöser Texte abzublenden und stattdessen die Sicherheit eines geschlossenen Weltbildes zurückzugewinnen“. Auch Darwins Evolutionstheorie sei als massive Anfechtung und Provokation gesehen worden, stelle sie doch den biblischen Schöpfungsmythos infrage und damit zugleich die Ebenbildlichkeit von Gott und Mensch.
Vor allem Jugendliche, die an der schwierigen Schwelle zwischen dem Ende der Schulzeit und dem Einstieg ins Berufsleben stehen, sind für die Lockungen einer Orientierung und Sicherheit verheißenden Ideologie empfänglich. „Junge Menschen wollen wahrgenommen werden, die Welt verstehen, sich zugehörig fühlen, Einfluss nehmen und ein starkes Selbstwertgefühl entwickeln“, beschrieb Prof. Andreas Zick, Direktor des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, in seinem Vortrag das Lebensgefühl in dieser Phase. „Wenn sie keine Befriedigung für diese Bedürfnisse finden, werden sie anfällig für eine Radikalisierung.“ Zick schilderte die Verführung junger Seelen durch das Internet, wo sich alles finde, um aus einem frustrierten jungen Mann einen bis zum Äußersten – dem Selbstmordattentat – entschlossenen Kämpfer des Dschihad zu formen. Ratgeber wie „How to Survive in the West“ zeichneten diesen Weg in den bewaffneten Kampf nach – von der Absonderung und dem gezielten Bruch mit Freunden bis zum Selberbasteln einer Bombe.
Nach Einschätzung Zicks leben in Deutschland 44.000 Menschen, die man dem islamischen Extremismus zurechnen kann, darunter befinden nach sich seinen Erkenntnissen 339 sogenannte „relevante Personen“, will heißen: gewaltbereite Gotteskrieger. Aktuell bereiten Zick besonders die zahlreichen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge Sorge. In ihrer Situation seien sie besonders anfällig für eine Vereinnahmung durch Fundamentalisten. „Die Zeit rennt uns davon“, warnte der Experte.
Der Psychologe und Autor Ahmad Mansour, als arabischer Moslem in Israel aufgewachsen, geriet einst selbst in den Bannkreis eines charismatischen Imans. Er kennt daher das erhabene Gefühl, als selbstempfundener Niemand plötzlich zu einer Schar von Erwählten dazuzugehören. Doch ein Studienplatz in Tel Aviv brachte die Wende. Mansour erlebte, was es heißt, über Texte zu streiten, statt sie nur nachzubeten. Heute lebt er in Berlin und engagiert sich in der Prävention gegen religiöse Radikalisierung. Im Gespräch mit Sabena Donath forderte er „mehr Zugänge in die Mehrheitsgesellschaft“ für Flüchtlinge und Einwanderer.
Auch Harry Harun Behr, Pädagogik-Professor aus Frankfurt, warnte vor einer Ausgrenzung junger Moslems: „Die aktuelle Diskurslage führt zu einer Verstummung, und Schweigen ist gefährlich.“ Stattdessen betonte er
– Sohn einer jüdischen Mutter, der zum Islam konvertierte –, wie nahe sich Juden und Moslems doch seien, fast wie Geschwister, und fragte: „Wie viel Nähe lassen beide zu und welche Vision verbindet sie?“ Das Motiv des Bruderkonflikts griff auch der Frankfurter Rabbiner Julien-Chaim Soussan auf und beschrieb, welche Antworten die Tora darauf gibt: „Kain erschlägt Abel, aber Ismael und Isaak stehen gemeinsam am Grab ihres Vaters Abraham, Jakob und Esau versöhnen sich, Josef vergibt seinen Brüdern, und Moses, Aaron und Miriam führen dann sogar gemeinsam das jüdische Volk aus Ägypten heraus!“ Für den Rabbiner steht fest: „Es gibt keine theologische Begründung dafür, einen anderen in seiner Religionsausübung zu beschränken oder gar in göttlichem Auftrag zu töten!“