16. Jahrgang Nr. 7 / 28. Juli 2016 | 22. Tammus 5776

Gemeinsame Zukunft

Die europäische Idee bleibt aktuell und liegt auch in unserem Interesse

Was nun? In den letzten Wochen läuft die Debatte über die Zukunft Europas auf Hochtouren. Zu Recht. Es gibt gewichtige Gründe, über die Entscheidung der britischen Wähler, der Europäischen Union den Rücken zu kehren, nachzudenken. Auch andere Entwicklungen, die die Vision eines immer stärker zusammenwachsenden Europas gefährden, dürfen nicht ignoriert werden. Der sogenannte Euroskeptizismus erstarkt in vielen Ländern des Kontinents. So tun europäische Politiker in der Tat gut daran, Strukturreformen in der EU inklusive mehr Bürgernähe und weniger Bürokratie zu planen. Reformen sind unumgänglich, um Hindernisse auf Europas Weg in eine gemeinsame Zukunft abzubauen.
Allerdings ist es bei einem langen Marsch erforderlich, nicht nur Hindernisse abzubauen, sondern die Motivation der Menschen zu stärken. Deshalb hatte Bundespräsident Joachim Gauck Recht, als er nach der Brexit-Abstimmung mahnte, an der europäischen Idee festzuhalten. Es war diese Idee, die den europäischen Integrationsprozess noch auf den vom Zweiten Weltkrieg hinterlassenen Ruinen auf den Weg brachte. Gewiss kam dabei den ökonomischen Vorteilen des Einigungsprozesses große Bedeutung zu, doch war und ist die europäische Idee viel größer und wichtiger als eine rein ökonomische Betrachtung erkennen lässt.
Zum Fundament europäischer Integration gehörte in der Nachkriegszeit die Erkenntnis, dass Gemeinsamkeit der beste Weg zur Sicherung des Friedens und der Freiheit ist. Angesichts der Kriegsschäden und der ungeheuren Verbrechen, die das „Dritte Reich“ verübt hatte, war diese Erkenntnis ein in seiner Bedeutung nicht hoch genug einzuschätzendes Motiv, den Weg in eine gemeinsame Zukunft anzutreten. Die Kraft der europäischen Idee zeigte sich auch nach dem Fall der kommunistischen Regimes östlich der Elbe: Länder, die bis dahin gegen ihren Willen ins Korsett des Ostblocks gezwängt worden waren, beeilten sich, sich in das zusammenwachsende freie Europa zu integrieren.
Möglicherweise erscheinen diese Vorteile der europäischen Idee den Generationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren oder zumindest groß geworden sind, selbstverständlich. So selbstverständlich, dass sie nicht in ausreichendem Maße wahrgenommen werden. Unter diesen Umständen treten die Schwierigkeiten des Integrationsprozesses umso stärker in den Vordergrund. So ist es höchste Zeit, die Erfolge und das Zukunftsversprechen dieser Idee deutlicher als bisher aufzuzeigen. Nur auf diese Weise lässt sich politischen Kräften, die Europas Probleme zum Sprengen des gemeinsamen Gefüges nutzen wollen, wirksam entgegentreten.
Unnötig zu sagen, dass der von Inte­gra­tionsfeinden propagierte Rückfall in enges Nationaldenken für die in Europa lebenden nationalen oder religiösen Minderheiten denkbar negativ wäre. Eine solche Atmosphäre macht ein Gedeihen von Bevölkerungsgruppen, die als „fremd“ und „nicht zugehörig“ betrachtet werden, schwer. Zu diesen Minderheiten gehören auch wir Juden.
Allerdings ist Nationalismus letztendlich auch für die Mehrheiten, deren Interessen er zu wahren vorgibt, fatal. Was auch immer europafeindliche Propagandisten vorgaukeln: Engstirniger Ethnozentrismus ist auch für diese Mehrheiten keine Heilsverheißung, sondern eine Bedrohung ihrer geistigen Entwicklung, ihres Wohlstands und ihrer Freiheit. Dafür muss es nicht zu den Schrecken kommen, die wir aus der Geschichte kennen – die Geschichte wiederholt sich ohnehin nicht eins zu eins. Es wäre schlimm genug, wenn der Rückfall in überholte Denkmuster eine bessere Zukunft verhindern würde. Deshalb hat die europäische Idee von gruppen- und grenzübergreifender Freiheit, Akzeptanz und Solidarität nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: Jetzt muss sie erst recht laut ausgesprochen werden.

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