16. Jahrgang Nr. 6 / 24. Juni 2016 | 18. Siwan 5776

Noch viel zu tun

Das Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden feiert 50-jähriges Bestehen

Von Moritz Piehler

Die Geschichte der Juden in Deutschland ist ein ebenso weites wie faszinierendes Gebiet. Zu den Institutionen, die sich ihrer Erforschung widmen, gehört das in Hamburg ansässige Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ). Zu den Schwerpunkten seiner Forschung gehören das jüdische Leben in Hamburg und den benachbarten Regionen sowie das sefardische Judentum in Deutschland.
In diesem Jahr feiert das 1966 gegründete Institut sein 50-jähriges Jubiläum. Es ist fest in das Leben der Hansestadt ebenso wie in die Forschungslandschaft der Bundesrepublik eingebunden. Dabei begann es seine Tätigkeit in eher bescheidenen Verhältnissen. Dass es überhaupt gegründet wurde, war vor allem zivilgesellschaftlichem Engagement zu verdanken. In der Anfangsphase residierte es in einer kleinen Wohnung am Hamburger Rothenbaum zwischen Universität und Alster – von der Umwelt nahezu unbeachtet.
Allerdings wurde schnell klar, dass ein Mini-Institut dieser Art seiner Aufgabe nicht gerecht werden konnte. Heute noch wird erzählt, dass sich die Mitarbeiter kaum zwischen Regalen und Bücherstapeln hindurchzwängen konnten. 1972 wurde das Institut als eine Stiftung der Stadt Hamburg etabliert, und in dieser organisatorischen Form besteht es auch heute noch.
Das 50-jährige Bestehen des Instituts wird im Laufe des gesamten Jahres 2016 begangen. Im vergangenen Monat lud der Hamburger Senat aus Anlass des Jubiläums zu einem feierlichen Empfang. Dabei bekräftigte die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank in ihrer Rede die Relevanz des Institutes für die Geschichtsforschung der Stadt.
Institutsleiterin Dr. Miriam Rürup betonte, das IGdJ, das von vielen Außenstehenden als eine Art Institution für „Verfolgtenforschung“ betrachtet werde, widme sich keineswegs nur der Geschichte der Juden während des Dritten Reichs. Schließlich sei das Leben der Hamburger Juden eine mehr als 400 Jahre alte reichhaltige Geistesgeschichte. „Juden sollen nicht ausschließlich als Opfer und Verfolgte, sondern als handlungsfähige Akteure ihrer eigenen Leben gesehen werden“, so die Institutsleiterin. Das jüdische Leben sei vielfältig und genauso vielfältig sei auch die Forschung des Institutes.
Das Betätigungsfeld hat sich seit den bescheidenen Anfängen im Jahr 1966 natürlich erheblich verbreitert, nicht zuletzt mit der Weiterentwicklung der technischen Möglichkeiten und der damit einhergehenden weltweiten Vernetzung. Vor einigen Jahren zog das Institut an seinen jetzigen Standort in das Backsteingebäude am Schlump. Zum Jubiläum erzählte Dr. Rürup von den vielfältigen Aufgaben, die das IGDJ in den kommenden Monaten und Jahren vor sich hat. Ein klarer Schwerpunkt soll dabei auf der Weiterentwicklung der digitalen Vermittlung liegen. Eine wahre Mammutaufgabe ist es, möglichst viele Quellentexte online verfügbar zu machen. In erster Linie soll es so Schulen und Universitäten erleichtert werden, auf die Originaltexte zugreifen zu können. Auch für die wissenschaftliche Recherche kann das Onlinearchiv eine wichtige Rolle spielen, so dass alle Texte zunächst zweisprachig in deutscher und englischer Sprache digitalisiert und dann im Internet veröffentlicht werden sollen.
Im Rahmen des Stolpersteinprojekts erforscht das Institut auch Biografien von Juden, die in der NS-Zeit verfolgt wurden. Dr. Beate Meyer, für diesen Bereich zuständig, erklärte, Ende März dieses Jahres seien es 5000 Biografien gewesen, zu denen sie und ihre Mitarbeiterinnen durch oft mühsame Recherche Details herausfinden konnten. „Uns geht es darum, das Andenken der Menschen als Akteure in ihrem Leben und nicht nur als Opfer des Nationalsozialistischen Regimes zu bewahren“, erklärte Dr. Meyer. Diese vor dem Vergessen bewahrten Lebensgeschichten füllen bereits fünfzehn Bücher, sortiert nach Hamburger Stadtvierteln. Die nächste große Aufgabe ist auch hier die Digitalisierung.
Dr. Rürup betonte die immense Bedeutung der Drittmittel für das Institut: „Seit zwei, drei Jahren gibt es eine finanzielle Krise, auch wenn die Unterstützung durch die Stadt da ist. Ohne die Drittmittel wären aber schlicht keine zusätzlichen Veranstaltungen möglich, wir könnten maximal eine Buchreihe im Jahr veröffentlichen.“ Über große Stiftungen, beispielsweise Reemtsma-Stiftung oder die Töpfer-Stiftungen, könnten jedoch immer wieder zusätzliche Projekte finanziert werden.
Ein sehr spannendes Projekt des Institutes, das besonders viel öffentliche Aufmerksamkeit bekam und die Kernbereiche der Arbeit in sich vereinigt, ist „Geschicht-O-Mat“. Bei diesem Schulprojekt erarbeiten Schülerinnen gemeinsam mit einem Projektteam Themen und Biografien des jüdischen Lebens in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Schulen. Anschließend werden die Ergebnisse multimedial verarbeitet und in einer Art digitaler Landkarte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So wird die jüdische Geschichte Hamburgs auch für die nachfolgenden Generationen sichtbar und greifbarer gemacht. Kurzum: Auch nach 50 Jahren gibt es für das Institut noch viel zu tun.