16. Jahrgang Nr. 6 / 24. Juni 2016 | 18. Siwan 5776

Faszinierende Geschichte

Jerusalemer Ausstellung zeichnet das Verhältnis zwischen Ägypten und Kanaan in der Bronzezeit nach – inklusive der Entstehung des ersten Alphabets der Welt

Das Verhältnis zwischen Israel und Ägypten gehört zu den wichtigsten geopolitischen Themen im Nahen Osten und wirkt sich auch über die Grenzen der Region hinaus auf die Weltpolitik aus. Allerdings sind die Beziehungen zwischen dem großen Land am Nil und dem kleinen Land am Ostrand des Mittelmeeres nicht erst seit der Entstehung der modernen Staaten Ägypten und Israel spannend und für die Welt von Bedeutung. Schließlich ist bereits vor fast vier Jahrtausenden aus der Begegnung zwischen dem Pharaonenreich und dem damaligen Kanaan das erste phonetische Alphabet entstanden, das, im Lauf der Zeit in viele Variationen zerfallen, die Menschheitsgeschichte entscheidend geprägt hat.
Aber auch darüber hinaus war das Beziehungsgeflecht zwischen den beiden Ländern und ihren Völkern – in diesem Umfeld ist auch die biblische Erzählung vom Auszug aus Ägypten angesiedelt – ebenso komplex wie interessant. Diese Geschichte wird nunmehr in einer Ausstellung des Israel-Museums in Jerusalem nachgezeichnet. Unter dem Titel „Pharao in Kanaan – die nicht erzählte Geschichte“ zeigt das Museum eine Fülle faszinierender archäologischer Artefakte, darunter zahlreiche Leihgaben, und ordnet sie historisch ein.
Die Ursprünge der Beziehungen zwischen Ägypten auf der einen Seite und Kanaan, dessen Grenzen Israel, den Libanon und das westliche Jordanien auf der anderen Seite umfassten, reichen ins ausgehende 4. Jahrtausend v. d. Z. zurück. Nach der Einigung Ägyptens unter der Pharaonenherrschaft gründete das neue Reich im 32. Jahrhundert v. d. Z. seine ersten Handelsposten im südlichen Kanaan. Die Neuerung, die solchen Fernhandel möglich machte, war die Domestizierung des Esels, dank dessen längere Reisen unternommen werden konnten. Die wichtigsten kanaanäischen Exportgüter waren Gefäße, nach Kundenwunsch in nachgeahmtem ägyptischem Stil hergestellt, sowie Wein und Öl. Die Ägypter selbst bauten in Kanaan Kupfer ab.
Nach einem Jahrhundert wurden die Handelsposten wieder aufgegeben; die Außenbeziehungen Ägyptens verfielen in eine Pause von circa 1000 Jahren. Eine erneute Zäsur stellten das 19. und 18. Jahrhundert v. d. Z. dar. In dieser Periode siedelten sich Zuwanderer aus Kanaan im Osten des Nildeltas an, von wo aus sie anschließend die Herrschaft in Nordägypten übernahmen und unter dem Namen Hyksos bekannt wurden. Von Dauer war ihre Regierung indessen nicht: Nach rund einem Jahrhundert wurden die Hyksos-Könige durch südägyptische Herrscher gestürzt. Ägypten wurde wiedervereinigt, die Hyksos von den Ägyptern vertrieben. Nun drehte sich das Rad der Geschichte in umgekehrte Richtung: Das ägyptische Reich entsandte seine Truppen nach Kanaan und übernahm dort im 15. Jahrhundert v. d. Z. die Oberherrschaft. Die entscheidende Schlacht zwischen den ägyptischen Truppen und einer Koalition kanaanäischer Herrscher wurde 1457 v.d.Z. bei Meggido, heute in Nordisrael, ausgefochten und endete mit dem Sieg der Invasoren vom Nil. Die ägyptische Präsenz in Kanaan sollte bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts v. d. Z. andauern.
Bereits während der Hyksos-Ansiedlung in Ägypten nahmen die ägyptischen Einflüsse auf die Kultur in Kanaan zu. Beispielsweise übernahmen die Kanaanäer, wie archäologische Funde belegen, einige ägyptische Bestattungssitten an, darunter die Verwendung von Skarabäen (heiligen Glückskäfern) als Grabbeigaben. Skarabäen wurden aus Kanaan aber auch nach Ägypten geliefert – wenn man will eine frühe Form von Outsourcing.
Nach der militärischen Unterwerfung Kanaans intensivierte sich der kulturelle Einfluss Ägyptens weiter. Aus dieser Zeit stammen auch die meisten in der Ausstellung präsentierten Objekte. Ägypter errichteten Verwaltungszentren und Garnisonen, unter anderem in Gaza, Jaffa und Beit-Schean. So kam es zu einer gewissen Koexistenz der Eroberten und der Eroberer. Die örtlichen Herrscher wurden zu ägyptischen Vasallen und waren tributpflichtig, wodurch wiederum zahlreiche Güter aus Kanaan nach Ägypten gelangten, zum Beispiel Edelmetalle, Glas und Handwerksprodukte. Die Vasallen lieferten Ägypten aber auch Sklaven.
In Kanaan selbst wurden Motive der ägyptischen Kultur nachgeahmt – nicht immer mit durchschlagendem Erfolg. Selbst ägyptische Künstler, die in Kanaan lebten, hielten sich nicht unbedingt an die strikten Vorlagen der fernen Heimat. Davon zeugt eine in Beit-Schean ausgegrabene Statue des Pharaos Ramses III. (Regierungszeit 1185 bis 1152 v. d. Z.). Wie die Kuratoren der Ausstellung in einer Erklärung anmerken, wurde die Statue zwar unzweifelhaft von Ägyptern erstellt, doch weist sie provinzielle Nachlässigkeiten auf. So sind die Gesichtszüge der Statue für echte ägyptische Arbeit zu grob. Untypisch sind auch die weit auseinander gestellten Beine. Wie formvollendete ägyptische Skulpturen aussehen, kann der Besucher an einer aus dem Ägypten des 14. Jahrhunderts v. d. Z. stammenden, mit höchster Präzision erstellten Pharaonenstatue erkennen. Diese bildet höchstwahrscheinlich Echnaton ab: den Pharao, der die ägyptische Sonnengottheit Aton zum obersten Gott erhob.
Das ägyptische Pantheon übernahmen die Kanaanäer allerdings nicht, auch wenn sie ägyptische Stilelemente in ihre eigene Götterwelt einführten. Eine gewisse Ausnahme bildete die ägyptische Muttergottheit Hathor. Sie wurde von Kanaanäern zwar nicht übernommen, wohl aber mit der kanaanäischen Göttin Baalat gleichgesetzt. Umgekehrt wurden kanaanäische Gottheiten von Ägyptern verehrt, die ihnen zuweilen eigene Tempel bauten. Pharao Ramses II. nannte seine älteste Tochter sogar „B’nt Anat“ – Tochter von Anat, der kanaanäischen Kriegsgöttin. Wie sehr die kanaanäischen Gottheiten in die ägyptische Religion integriert wurden, zeigt bei der Jerusalemer Ausstellung eine ägyptische Stele mit der Abbildung von zwei kanaanäischen Gottheiten – der Fruchtbarkeitsgöttin Kdeschet und des Gottes des Blitzes und der Pest, Reschef – in einer Dreiergruppe mit dem ägyptischen Fruchtbarkeitsgott Min.
Gegen die Groß- und Besatzungsmacht Ägypten waren die Völker Kanaans weitgehend machtlos, doch kam es gelegentlich auch zu Widerstand. Dieser wurde von den ägyptischen Truppen mal mit mehr, mal mit weniger Aufwand niedergeschlagen. Um das Jahr 1207 v. d. Z. verewigte der ägyptische König Pharao Merenptah seinen über kanaanäische Widersacher errungenen Sieg mit einer Stele, auf der zum ersten Mal der Name „Israel“ erwähnt wird und zwar mit den Worten: „Israel ist verwüstet, seine Saat ist nicht mehr.“ Daraus wird geschlossen, dass es schon zu jener Zeit in Kanaan eine „Israel“ genannte ethnische Gruppe gab. Wobei das pharaonische Diktum, Israel sei vor mehr als 3000 Jahren ausgelöscht worden, etwas voreilig war ...
Parallel zu den allgemeinen Wirren, die den Übergang des Nahen Ostens von der Bronze- zur Eisenzeit kennzeichneten, endete auch die ägyptische Herrschaft in Kanaan. Dies wird um das Jahr 1130 v. d. Z. datiert. Der letzte Pharao, dessen Name bei Ausgrabungen im ehemaligen Kanaan gefunden wurde, war Ramses VI., dessen Regierungszeit 1137 v. d. Z. zu Ende gegangen war. In den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts v. d. Z. wurden fast alle ägyptischen Stützpunkte in Kanaan von der einheimischen Bevölkerung zerstört. Zu diesem Zeitpunkt lebten im Süden der Mittelmeerküste bereits die zu den sogenannten Seevölkern gehörigen Philister, die in der biblischen Erzählung noch eine wichtige Rolle spielen sollten. In der Hügelregion Samarias wiederum waren erste archäologisch nachweisbare israelitische Siedlungen entstanden. Es brachen neue Zeiten an. wst

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Einfach genial

Wie Kanaanäer das erste phonetische Alphabet der Welt erfanden

Zu den Schwerpunkten der Ausstellung „Pharao in Kanaan“ gehört die Entstehungsgeschichte des ersten modernen Alphabets. Zu diesem Thema hat die israelische Ägyptologin, Professorin Orly Goldwasser, in dem Ausstellungskatalog einen Sonderbeitrag veröffentlicht.
Nach Goldwassers These waren die Erfinder des Alphabets im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung keine Angehörigen der Bildungselite. Vielmehr, so glaubt die israelische Wissenschaftlerin, wurde das Alphabet von einfachen kanaanäischen Bergleuten erfunden, die zusammen mit Ägyptern in den Türkis- und Kupferminen im Süden der Sinai-Halbinsel arbeiteten. Den Kanaanäern war bewusst, dass ihre ägyptischen Kollegen und Vorgesetzten die unter anderem für Naturschätze „zuständige“ Göttin Hathor anbeteten und ihr gewidmete Tempel in der Hieroglyphenschrift beschrifteten.
Das wollten die Kanaanäer den Ägyptern nachmachen, und zwar zu Ehren ihrer eigenen Göttin Baalat („Herrin“) und anderer kanaanäischer Gottheiten. Allerdings brauchten sie ein einfacheres Schriftsystem – und hatten eine geniale Idee. Ohne die Hieroglyphenschrift zu verstehen, nahmen sie einzelne ägyptischen Symbolzeichen, sprachen sie in ihrer eigenen Sprache aus und ordneten das jeweilige Zeichen, in vereinfachter Form, dem Anfangslaut des kanaanäischen Wortes zu. Das ägyptische Symbol für einen Stier sprachen die Kanaanäer „Aluf“ aus (kanaanäisch für „Stier“, im heutigen Hebräisch „Meister“ oder „General“). Damit wurde aus der Hieroglyphe für Stier der kanaanäische Buchstabe, der für den Laut A stand (später im Hebräischen „Alef“, im Lateinischen A). Aus dem Zeichen für ein Haus (kanaanäisch und später auch hebräisch „Bait“) wurde der Lautbuchstabe Bet, der später als B ebenfalls Eingang ins lateinische Alphabet fand. Die Hand („Kaf“, im heutigen Hebräisch „Handfläche“ oder „Löffel“) wurde als der Buchstabe Kaf verwendet: eine Vorlage für das lateinische K. Manchmal brauchten die Erfinder auch etwas Fantasie: Aus der Hieroglyphe für einen rufenden Mann wurde der Buchstabe Hey – so wie man eben anderen zuruft.
So konnten die Kanaanäer endlich die Namen ihrer Gottheiten und andere Wörter selbst schreiben. Dabei kamen sie mit rund zwei Dutzend Zeichen aus – eine enorme Erleichterung gegenüber jeder Symbolschrift. Nach Goldwassers Meinung handelt es sich bei dem um das Jahr 1800 v. d. Z. entstandenen Sinai-Alphabet um das erste phonetische Alphabet der Geschichte. Im Lauf der Jahrhunderte und Jahrtausende durchlebten die Buchstaben vom Sinai zahlreiche Wandlungen und waren die Grundlage für die meisten Alphabete der westlichen Welt. Somit hat die Begegnung der beiden Zivilisationen, der ägyptischen und der kanaanäischen, einem Großteil der Menschheit ein Fundament für seine geistige und kulturelle Entwicklung beschert.
Der erste archäologische Fund mit kanaanäischen Buchstaben erfolgte 1905, als die Ehefrau des britischen Ägyptologen Flinders Petrie, Hilda Petrie, bei Ausgrabungen in Serabit al-Chadim im südlichen Sinai auf Steinfragmente mit bis dahin unbekannten, Hieroglyphen nachempfundenen Zeichen stieß. Flinders Petrie erkannte, dass es sich um ein phonetisches Alphabet handelte, da das „Repertoire“ der Zeichen im Vergleich zu echten Hieroglyphen sehr klein war. Die Entzifferung des protosinaitischen oder protosemitischen Alphabets, wie es genannt wird, blieb dem ebenfalls britischen Ägyptologen Alan Gardiner im Jahr 1916 vorbehalten.
wst