16. Jahrgang Nr. 6 / 24. Juni 2016 | 18. Siwan 5776

Moderne Vielfalt

Das Kölner Festival „Forum neuer Musik“ war in diesem Jahr jüdischen Kompositionen gewidmet

Von Heinz-Peter Katlewski

„Forum neuer Musik“ – unter diesem Titel veranstaltet der Deutschlandfunk jedes Jahr ein Werkstattfestival. Im Mittelpunkt stehen moderne Kompositionen und Musiker. Jedes Festival ist einem eigenen Thema gewidmet. Bei dem „Forum neuer Musik 2016“, das jüngst in Köln stattfand, lautete das Motto „Jüdische Identitäten“. Dabei ging es um musikalische Werke, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts komponiert wurden, und zwar vor allem um solche, die sich von den tradierten musikalischen Skalen entfernten und auch vermeintlich disharmonische oder assoziative Klänge und sogar Alltagsgeräusche in die Kompositionen integrieren.
Ein Beispiel dafür bot das Werk „Adiantum Capillus-Veneris“. Der Titel ist identisch mit dem botanischen Namen für den Venusfarn. Den Kompositionsauftrag hatte der Deutschlandfunk der israelischen Komponistin Chaya Czernowin erteilt. Die grazile Pflanze, so die Künstlerin, habe sie inspiriert, um auf übergroßen Notenblättern „Übungen in Zerbrechlichkeit“ – so heißt der Untertitel des dreiteiligen Tonstücks – zu schreiben. In der ersten Etüde wurden in strengem Rhythmus unterschiedliche Atemlaute und Stimmklänge live eingesungen und von einer aufwändigen Tontechnik gespeichert. In der zweiten Etüde wurden diese Geräusche vom Mischpult aus wiedergegeben, aber beschleunigt oder verlangsamt und zuweilen überlagert, um in der dritten dann dramatisiert, collagiert und um die wortlose Stimme einer Sängerin ergänzt zu werden. Chaya Czernowin, in Israel geboren und aufgewachsen, lebt und lehrt in Amerika. In Deutschland hat sie studiert. Ihr Ehemann ist teils japanischer Herkunft. Diese Einflüsse prägen ihre Identität.
Dagegen ist die Komponistin Sarah Nemtsov in Deutschland aufgewachsen – und zwar in Oldenburg, wo sie die erste Bat Mitzwa in der 1992 wiedergegründeten Jüdischen Gemeinde war. Heute lebt sie mit Ehemann Jascha in Berlin. Sarah Nemtsov ist die Gründerin des sechsköpfigen Ensembles MEKOMOT (zu Deutsch „Orte“). Dessen Instrumente Flöte, Oboe, Trompete, Harfe, Schlagwerk, E-Gitarre und Schofar sollen, so das Ziel der Musiker, denjenigen ähneln, die im Tanach genannt werden. Zum Ensemble gehört mit Assaf Leventin auch ein Kantor. Im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks hatten die Musiker schon am ersten Festivaltag ihren großen Auftritt. Aber dieses klassische Konzertambiente ist für sie eine Ausnahme. Sonst tritt MEKOMOT vor allem in ehemaligen Synagogen in Deutschland und Polen auf, die heute nur noch als Erinnerungs- und Kulturstätten dienen.
Die Musikstücke von MEKOMOT sind in Lobpreisungen des Mincha-Gebetes eingebettet. Die Musik aber trachtet nach Auseinandersetzung. „El“ von Bnaya Halperin-Kaddari sucht mit tiefen Kehllauten, Schofar, dunklen Maschinenstampfgeräuschen und hellen schrillen Schreien die Gotteserfahrung, während Eres Holz anhand von Allen Ginsbergs „Kaddisch“ Glaube und Zweifel in reibendem, tiefem Gesang, emphatischer Rezitation, Instrumentalphrasen und verschiedenen Rassel-, Klingel- und Glockengeräuschen ausdrückt.
Manche jüdische Komponisten, die während des viertägigen „Forums neuer Musik“ zu hören waren, bezogen sich ausdrücklich auf ihr Judentum, wenn auch die Titel keinen vordergründigen Zugang erlaubten. Der Amerikaner Morton Feldman (1926–1987) zum Beispiel identifizierte sich mit Aspekten von Religion und Kultur. Sein „Rabbi Akiba“ ist allerdings in erster Linie ein musikalisches Experiment mit unstrukturierter Zeit. Der Israeli Yair Klartag dagegen begreift sich in erster Linie als globaler Mensch, interessiert sich besonders für musikalische Strukturen und war mit einem fatalistischen Titel vertreten: „Nothing to Express“. Der in Rumänien geborene und in Berlin lebende Gabriel Iranyi versucht sich seit seinen musikalischen Anfängen an Stoffen mit jüdischem Bezug: dem hebräischen Alphabet oder Psalmen wie dem Stufenlied „Schir haMaalot“ (Psalm 126).
Was jüdische Musik denn eigentlich sei, wurde bei dem Festival nicht definiert. So merkte der Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov in seinem Vortrag an, das Wesen jüdischer Musik lasse sich eigentlich nur durch die musikalische Vielfalt darstellen. Mit Blick auf die jüdische Identität wurde im Verlauf der Veranstaltung deutlich, dass jüdische Komponisten wichtige Beiträge zur Gegenwartsmusik leisten, allerdings nur selten mit dem Anspruch, jüdische Musik im Sinn der Klangtradition zu machen. Vielmehr spiegelt sich die jüdische Identität der Komponisten zumeist in den von ihnen gewählten Themen – nicht zuletzt in biblischen Motiven – wider.
Folgende Musikstücke, die bei dem Festival aufgeführt wurden, können unter www.deutschlandfunk.de als Pod­cast heruntergeladen oder zum Teil auch bei späteren Sendeterminen gehört werden:

  • Fanny Mendelssohn „Streichquartett Ex-Dur“, MEKOMOT
  • „Joc Secund“: Myriam Barbe, Anatol Vieru, Christian Lolea, Ludovic Feldmann, Ansamblul Profil
  • „Wie man zum Stein spricht“: Gabriel Iranyi
  • „Hidden, Etudes in Fragility“: Chaya Czernowin
  • „Streichquartett“: Brigitte Schiffer (27. Juli 2016, 22.05 Uhr)
  • „Lebenswege“: Chaya Czernowin, Samir Odeh-Tamimi, Morton Feldman, Yair Klartag, Ruth Schöthal, Erwin Schulhoff, Damian Scholl (3. Oktober 2016, 21.05 Uhr)